Katalysator für Entwicklungen

Eine Begegnung mit Manfred Trautwein

Manfred Trautwein hat einen weiten Horizont. Die heilpädagogische und sozialtherapeutische Tätigkeit reicht für ihn tief ins gesellschaftliche Leben hinein. «Lebensgemeinschaften sind für ländliche Kommunen attraktiv», so Trautwein. Waren sie früher mehr oder weniger gelittene ‹Sonderbereiche› menschlichen Lebens, eine Art pädagogische Provinz, sind sie heute Katalysatoren und Pioniere für soziale und wirtschaftliche Innovationen. Beispielsweise verdankt die Gemeinde Echzell der Lebensgemeinschaft Bingenheim eine Halle für 500 Menschen, in der kulturelle und sportliche Veranstaltungen stattfinden können. Gebaut wurde sie von der Lebensgemeinschaft, genutzt wird sie auch von der Kommune. Die Markusgemeinschaft Hauteroda organisiert die Mikrofinanzagentur Thüringen. Und der Buschberghof ist Pionier für Community Supported Agriculture: Dem «Irrweg des Wachstums» als Motor der Wirtschaft wird die lokale, auf das Wesentliche konzentrierte Produktion als gemeinschaftliche Aufgabe von Erzeugern und Verbrauchern entgegengestellt. Damit hat Trautwein zwei seiner Lebensthemen benannt: explizit sein Interesse an der Postwachstumsökonomie, implizit seine Auffassung, dass Inklusion nicht nur das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung, sondern generell die Stellung des Menschen betrifft.

Biografiebezogener Lebensraum

Manfred Trautwein ist in seiner Jugend durch Erkrankung seiner Mutter früh auf die Fragen gestossen: Was ist Schicksal? Wie gehen Leib und Bewusstsein zusammen? Was ist eigentlich der Mensch? Noch in der Schulzeit begegnete er über Freunde der Anthroposophie und stellte im mündlichen Abitur den «Eindimensionalen Menschen» von Herbert Marcuse die Mehrdimensionalität der Anthroposophie Rudolf Steiners gegenüber. Er arbeitete in einem Waldorfkindergarten, mit Jugendlichen mit Lern- und Erziehungshilfebedarf in der Berufsvorbereitung sowie als Kunst- und Werklehrer einer heilpädagogischen Schule und wuchs nach Koordination von Schulbauten und einer klientenzentrierten Beraterausbildung in die Aufgaben der Leitung und des Geschäftsführers eines Kinder- und Jugendheims und einer Schule hinein. Heute ist er Geschäftsführer von Anthropoi, dem Bundesverband anthroposophisches Sozialwesen in Deutschland. In dieser Funktion ist er mit dem ganzen Spektrum der heilpädagogischen und sozialtherapeutischen Aufgaben verbunden.

Manfred Trautwein benennt aktuelle Arbeitsfelder: «Berufliche Aus- und Weiterbildungen für das anthroposophische Sozialwesen sollten auf allen Bildungsniveaus Passendes anbieten, sei es für Menschen ohne anthroposophische Vorkenntnisse, sei es für Menschen, die einen formalen Abschluss wie den Master benötigen. Dazu gehört, dass wir auf wissenschaftlicher Ebene mit einem eigenständigen Ansatz voll diskursfähig werden und mit aktuellen Erkenntnissen beispielsweise aus den Neurowissenschaften, der Psychotraumatologie und Psychotherapie, aus der Konfliktforschung oder der biografiebasierten Sozialarbeit anthroposophische Heilpädagogik verständlich machen und vertiefen. Auf diese Weise könnten auch die anthroposophischen Grundlagen für junge Menschen wieder zugänglicher und attraktiver werden.» Nach einer Atempause spricht er über die Notwendigkeit, das Angebot weiter zu differenzieren: «Jüngere Menschen mit Behinderung wünschen sich ambulante Formen der Wohnbetreuung, auch im urbanen Lebensraum; für ältere benötigen wir eine inklusive Alterskultur dafür kooperieren wir mit dem Nikodemus-Werk, dem deutschen Verband anthroposophischer Seniorenhilfe und Pflege.» Was macht das urbane Umfeld so attraktiv? «Es ist offener und erlaubt durch größere Anonymität ein freizügigeres Leben. Zudem bietet es ein reicheres kulturelles Angebot.» Es zeige sich, dass in einzelnen Lebensabschnitten unterschiedliche Lebensräume gewünscht oder benötigt werden. «Und dann kann wiederum das Land attraktiv sein, mit seinen Möglichkeiten, reizärmer zu leben und Kontakt zu den Naturreichen aufzubauen.»

Anthropoi kooperiert als kleinster Bundesverband für Menschen mit Behinderung in Deutschland eng mit vier weiteren Fachverbänden und dem Paritätischen als Spitzenverband «auf Augenhöhe», so Manfred Trautwein. Nur mit gemeinsamen Strategien können Finanzierungsrestriktionen abgewendet und Verbesserungen erreicht werden, etwa in der Eingliederungshilfe, beim Bundesleistungsgesetz für Menschen mit Behinderung und bei der Kostenverteilung zwischen Bund und Ländern. «Wir haben des Öfteren schon Schlimmeres verhindert und konnten Aspekte unseres Sozial- und Beziehungsverständnisses einbringen», sagt Manfred Trautwein kämpferisch.

Andere Begleitung durch neue Lebensstile

Junge Menschen mit Behinderung und ihre Eltern suchen heute nach selbständigeren Lebensformen, gleichzeitig fragen in stationären Einrichtungen immer mehr Menschen mit sehr hohem Assistenzbedarf in Bezug auf Pflege oder herausforderndem Verhalten an. Umgekehrt hat Anthropoi Selbsthilfe, die Organisation der Eltern und Angehörigen, zurückgehende Mitgliederzahlen. «Die Lebensbedingungen haben sich geändert: Früher waren häufiger besser situierte Eltern mit im Boot, Eltern, die mehr Überschusskräfte hatten und auch finanziell mehr mittragen konnten. Mit dem heutigen Lebensstil und den beruflichen Anforderungen bleibt den Eltern kaum Kraft, im Gegenteil: Unterstützung und Beratung wird auch von ihrer Seite benötigt und in Anspruch genommen, was von unserer Seite zusätzliche und neue Kompetenzen erfordert.»

Manfred Trautwein beschäftigt darüber hinaus die Frage, wie global die Situation von Menschen mit Behinderung in einer Welt mit begrenzten Ressourcen weiter verbessert werden kann. «Ich wünsche den Ländern außerhalb von Mitteleuropa, dass sie ihre eigenen kulturellen Wurzeln und Impulse noch intensiver ergreifen und aus einem so gestärkten Selbstbewusstsein eigene Antworten auf unsere globalen sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Fragen entwickeln.»

Damit ist Manfred Trautwein zu seinem Ausgangsmotiv zurückgekehrt, Ferment für die Gesellschaft zu sein. «Ohne einen gewissen Wohlstand wird es auch im Sozialen keinen Fortschritt geben, aber umgekehrt gilt auch: Der wirtschaftliche Erfolg der westlichen, arbeitsteiligen Gesellschaft konnte nur entstehen, weil es parallel eine Entwicklung der sozialen Absicherung gab.»

Sebastian Jüngel

Erschienen in: „Seelenpflege“ Nr. 3/2014