Ein neuer Mahnruf

Der vierte Bericht des Weltklimarates 2007 war ein Weckruf. Jetzt erschien das letzte Kapitel des fünften Berichtes. Die Lage ist noch ernster und doch nicht ohne Hoffnung.

In den ersten zwei Dezemberwochen 2014 findet in Lima die nächste un-Klimakonferenz statt. Der Weltklimarat ipcc hat in den letzten zwei Jahren umfangreiche Dokumente zur Klimaproblematik veröffentlicht. Anfang November erschien als letzter Teil der Synthesebericht. Darin werden die von über 800 Klimaforschern zusammengetragenen wissenschaftlichen Grundlagen zusammengefasst und Zukunftsperspektiven formuliert. Noch eindeutiger als im Bericht von 2007 bestätigt sich die Änderung des Klimas seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Temperatur der unteren Atmosphäre ist in diesem Zeitraum um 0,85°C gestiegen. Besonders die Arktis hat sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts erwärmt. In den letzten 15 Jahren hat sich der weltweite Temperaturanstieg verlangsamt. Als Bedingungen dafür sind unter anderem zu nennen: Minima im elfjährigen Sonnenzyklus, mehrfaches Ausbleiben des El-Niño-Phänomens,verstärkte Wärmeaufnahme durch Ozeanwasser und eine Serie kleinerer Vulkanausbrüche.

Der Klimawandel geschieht im Meer

Besorgniserregend ist die Erwärmung der Ozeane, sowohl im Oberflächenbereich wie in mittlerer Ozeantiefe. Über 90 Prozent aller Energie, welche dem Klimasystem zugefügt wurde, ist in den Ozeanen gespeichert und nur wenige Prozente erwärmten die Atmosphäre. Die Oberflächenwässer bis 75 Meter Tiefe erwärmten sich von 1970-2010 um 0,45°C. Die vom Menschen durch Umwandlung von Öl, Gas und Kohle sowie durch Waldrodung, Monokultur-Landwirtschaft und Zementherstellung freigesetzte Menge von Kohlendioxid ist zu zwei Dritteln in der Atmosphäre verblieben und ein Drittel ist in die Ozeane eingetragen worden. Dadurch ist die Versauerung des Ozeanwassers deutlich angestiegen. Die Ozeane sind die sensiblen Bereiche unserer Erde. Das Strömungsgleichgewicht und die vielfältigen Lebensvorgänge könnten auf diese im Vergleich zu früheren Zeiten schnelle Veränderung des Temperaturhaushaltes und der chemischen Zusammensetzung bedenklich reagieren. Anzeichen der rapiden Verschlechterung der Lebensgrundlagen im Ozeanwasser zeigten sich im Absterben der oberflächennahen Warmwasserkorallen und der in größeren Tiefen lebenden weißen Kaltwasserkorallen. Durch den Anstieg der Versauerung vermindert sich generell die Kalkschalen-Bildung der Meeresbewohner. Eine schnelle Erwärmung des Oberflächenwassers vor allem am Rande der Arktis und der Antarktis führt zu Bedingungen, die das Oberflächenwasser weniger absinken lassen. Dieses Absinken ist aber entscheidend für die durchmischende Gesamtzirkulation der ozeanischen Wassermassen. Durch die übermäßige Erwärmung der Arktis ist auch das Abschmelzen der Grönlandgletscher angestiegen. Von 2002 bis 2011 ist sechsmal so viel Grönlandeis geschmolzen wie im Jahrzehnt zuvor. Der starke Süßwassereintrag in Nähe der Absinkzonen ist eine weitere Bedingung zur Abschwächung der Absinkrate.

Als Hauptursache für die Erwärmung sieht der ipcc-Bericht die Freisetzung von Treibhausgasen. Auf co2 entfallen 76 Prozent und auf Methan 16 Prozent. Die Quellen für die Treibhausgas-Emissionen sind Energieumwandlungen in den Industrienationen und veränderte Landnutzung in Entwicklungs- und Schwellenländern. Der Anstieg der Treibhausgase wurde von Jahrzehnt zu Jahrzehnt stärker. Klimakritiker argumentieren, dass co2 kein Treibhausgas sei. Tatsache ist aber, dass durch eine wachsende Fülle von Dokumenten in Eisbohrkernen, Meeresablagerungen und Landsedimenten die Korrelation zwischen Anteil co2 in der Atmosphäre respektive im Ozeanwasser und Temperaturveränderung immer klarer wird. Diese Klimadokumente beziehen sich über die Eiszeitzyklen hinaus bis in geologische Zeiträume. Hauptbedingung für den rhythmischen Wechsel des Klimas sind wahrscheinlich die impulsierenden langperiodischen kosmischen Rhythmen. Bei steigendem co2-Gehalt haben wir auch Temperaturerhöhungen. Dies ist ein offensichtlicher Bedingungszusammenhang, welcher nicht nach dem einfachen Ursache-Wirkung-Prinzip erklärt werden kann. Lebenszusammenhänge lassen sich nicht kausal beweisen.

Ein neuer Lebensstil liegt in der Luft

Wenn nun im Synthesebericht mit Rechenmodellen Prognosen für die Klimazukunft erstellt werden, sind das natürlich Aussagen über die Wahrscheinlichkeit der Veränderung der Erde. Die schlechte Nachricht ist, dass die Wahrscheinlichkeit der rapiden Verschlechterung der Lebensverhältnisse auf der Erde bei Weiterführung des bisherigen zivilisatorischen Pfades sehr hoch ist, zumal dieser Verschlechterungsprozess schon im Gang ist und sich vor allem in Afrika und Asien auswirkt. Die gute Nachricht ist, dass es Strategien und Technologien gibt, die Freisetzung von co2, Methan und anderen Treibhausgasen massiv zu verringern. Man spricht hier von der Energiewende, von umweltfreundlichen Technologien, Energieeffizienz und nachhaltiger Waldbewirtschaftung sowie ökologischer Landwirtschaft. Leider sind bei der Verminderungsstrategie von Treibhausgasen nach wie vor Atomkraftwerke genannt.

Das Besondere dieses möglichen neuen Lebensstiles de Menschheit ist ein neuer Blick auf das Verhältnis des Menschen zur Welt. Nicht ökonomisch effiziente Ausbeutung der Erde wird das Motiv des Handelns werden, sondern die Pflege und Belebung der Erde. Ein Handeln für die Vitalisierung der Erde hat zur Folge, dass die Erde auch die Lebensgrundlagen für die leibliche und kulturelle Entwicklung der Menschen abgibt.

Hans-Ulrich Schmutz

Literaturhinweise:

IPCC Fifth Assessment Synthesis Report, Climate Change 2014;

www.ipcc.ch · Der Ozean ist unsere Zukunft, Kieler Meeresforscher auf Zeitreise ins Jahr 2100;

www.futureocean.org/de/cluster/veroeffentlichungen/print/essayband.php

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. Goetheanum Nr. 47/2014