400 Jahre Fama Fraternitatis

Ein Aufruf zum Erkenntnisaustausch

Die Fama Fraternitatis ist die Schrift, mit der sich die Rosenkreuzer im 17. Jahrhundert an die Staatsmänner und Gelehrten Europas richteten. Das Manifest mit dem Aufruf zur „Generalreformation“ wurde 1614 in Kassel bei Wilhelm Wessel gedruckt. ( 1 ) Sein Inhalt berichtet aus dem Leben des jungen Christian Rosenkreutz, der in den Orient gelangt und in Damaskus das Erlebnis des Paulus hat. Ganz auf sich gestellt, findet er in Damcar (Jemen) die Weisheit arabischer Gelehrter und das Buch der Welterkenntnis (Librum mundi), das die Erinnerung an seinen Auftrag in ihm weckt. Zurückgekehrt nach Europa, gründet er mit zunächst drei Mitarbeitern einen esoterischen Bund, der es sich zur Aufgabe macht, die Welt auf das Zeitalter der Erkenntnis vorzubereiten. Nach seinem Tod 1484 ist die Bruderschaft 120 Jahre im Verborgenen tätig, bis sie mit der Bekanntmachung der Fama an die Öffentlichkeit tritt. Ihr Auftreten hängt mit dem Auffinden der Grabstätte zusammen, in der sich der unversehrte Leichnam des verstorbenen Rosenkreutz befindet. Wie die Auferweckung des Lazarus, kennzeichnet die Entdeckung einen Wendepunkt der mit der Erneuerung des Leibes durch Christus in einem Zusammenhang steht Der Vorläufer dieses Mysteriums ist der in Christian Rosenkreutz wiederverkörperte Lazarus - Johannes ( 2 ) Was er unter dem Kreuz als Durchlichtung seines Bewusstseins erfahren hat, soll mit der Zeit ein allgemeines Gut der Menschheit werden. Diesem Ziel dient die Arbeit der Rosenkreuzer.

Das berühmte Mantram, welches dem Menschen den Zugang zum lichten Zeitalter öffnet, fasst das Ich - Prinzip des „Stirb und Werde“ (Goethe) im Blick auf eine dreigliedrige, dynamische Menschenkunde zusammen: ex deo nascimur - in Jesu (Christi) morimur - per spiritum (sanctum) reviviscimus. Die Geburt aus Gott - das Sterben in Christus - die Wiedergeburt aus der Kraft des heiligen Geistes. Der Spruch lässt sich auf die Welt der Gedanken beziehen, wenn sich der Sinn folgender Textstelle aus der Fama erschließt: „Unsere Gedankenwelt ist nicht neu. Sie ist von der Art, wie sie Adam nach seinem Fall erhalten hat und wie sie Moses und Salomo ausgebildet haben. Sie ist nicht dazu da, allerlei Zweifel oder andere Meinungen zu widerlegen. Sie ist wie alle Wahrheit einfach, überschaubar und im Einklang mit sich selber. Vor allem aber stimmt sie mit dem Wesen Jesu in allen ihren Teilen und Gliedern so überein, dass wie er die Erscheinungsform für den Vater ist, sie die Erscheinungsform für ihn bildet. (...) Da kommt alles zusammen und bildet eine gemeinsame Wahrheitssphäre, wo alle Einzelgebiete wie die Kontinente auf dem Globus gleich weit um den Kugelmittelpunkt versammelt sind. Davon wäre Weiteres und Ausführlicheres zu sagen, wenn man in christlichem Geiste seine Erfahrungen zusammentragen würde.“ ( 3 ) Die Stelle endet mit dem Hinweis auf die gemeinsame Erkenntnisarbeit, mit der sich der Ätherleib des Christian Rosenkreutz verbindet. Im esoterischen Sinn ist dieser Ätherleib seit seiner Einweihung im 13. Jahrhundert zu einem Anziehungsort für die Weltgedanken geworden ist. (4)

Mit dem Gedächtnisorgan des Meisters steht die Arbeit der Rosenkreuzer in einem wechselseitigen Verhältnis, welches auch exoterisch bewirkt dass sich immer mehr Menschen an die Erscheinung des ätherischen Christus erinnern können. Spüren wir dem Ruf in der Fama nach, dann werden wir, wie der zitierte Auszug zeigt, auf ein Denken verwiesen, welches die sozialen Fragen bewältigen kann. Das normale Denken das, sich selbst überlassen, nur die Außenform der Naturerscheinungen durchdringt, reicht dazu nicht aus. Es führt lediglich zu der Einsicht, dass ein höheres bewusstes Denken nötig ist, wenn lebendige Zusammenhänge erkannt und verstanden werden sollen. Ohne eine innerliche Verstärkung der Denkkraft produzieren wir heute nur mehr den Tod Die Denkaktivität muss daher mit Hilfe der Konzentration und Meditation in eine Beziehung mit dem Herzen treten. Erst dann erschließt sich dem Bewusstsein das Ätherische mit seinen bewegten Formen, die man ohne das Denken nicht beobachten kann. Die denkerische Anschauung erzeugt in der meditativen Durchdringung die Klarheit, durch die der Begriff in seiner formalen Begrenzung  durch die Natur neu gestaltet werden kann. (5) Das bedeutet aber auch, dass man den Christus-Begriff, welcher der Gedankenwelt zugrunde liegt, nur  findet, indem man weiter kommt, als die Natur einen kommen lässt. (6)

Rudolf Steiner hat den Übergang vom räumlichen zum zeitlichen Denken in einem Vortrag vom 26. Nov. 1921 ausgeführt: „Wenn wir bestimmte, überschaubare Vorstellungen immer wieder und wieder in systematischer Übung in den Mittelpunkt unseres Bewusstseins rücken und mit dem ganzen Menschen uns hingeben an solche Vorstellungen, so verstärken wir gerade unsere Denkkräfte.“ Das an die Materie gebundene Denken kommt in Bewegung. In einem weiteren Schritt kann dann, durch die Ordnung der Gedanken, das morphologische Denken ausgebildet werden. „Wenn man einen Begriff, eine Idee, einen Gedanken hat, dann kann man nicht in beliebiger Weise zum anderen übergehen. Geradeso wie man nicht beim Organismus des Menschen vom Kopf zu beliebigen anderen Formen übergehen kann, sondern zum Hals, zur Schulter, zum Brustkorb und so weiter übergehen muss, wie in einem Organismus alles gegliedert ist, wie auch ein Organismus nur ganz betrachtet werden kann, so muss dasjenige Denken, das ich das morphologische Denken nenne, innerlich beweglich sein. (...) dass es eine Gestalt aus der anderen hervorruft, dass dieses Denken selber fortwährend organisch gliedert, fortwährend wächst.“ (7)

Rudolf Steiner beschreibt in dem Vortrag methodische Schritte, die zur imaginativen Erkenntnis führen. Sein Bestreben war es, die rosenkreuzerische Methode im Sinne der Fama Fraternitatis auch in der Pädagogik zu verankern, damit sich das lebendige Denken als ein zukünftiger Kulturfaktor in der Welt verbreiten kann. (8) Dann kann durch die soziale Erneuerung der Christus zur persönlichen Erfahrung werden.

Karl- Heinz Tritschler

Literaturnachweis:

1) Die Fama Fraternitatis in Peter Selg, Rudolf Steiner und Christian Rosenkreutz, Arlesheim 2010, S.128ff.

2) Rudolf Steiner, Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der esoterischen Schule 1904-1914 (GA265) Dornach 1987, S.419f.

3) Wie 1, S.145f. Vergleiche dazu in: Das Goetheanum Nr. 20/2011, Tritschker K.-H., Richtkräfte der Erkenntnis. Zum 90. Geburtstag von Joseph Beuys.

4) Rudolf Steiner, Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschen (GA130), Dornach 1977, S.61ff.

5) Frank Teichmann, Auferstehung im Denken, Stuttgart 1996

6) Rudolf Steiner, Die Erziehungsfrage als soziale Frage (GA296), Dornach 1980, S.91f.

7) Rudolf Steiner, Vortrag vom 26. Nov. 1921 in: Die geistige Wirklichkeit der höheren Welt (GA79)

8) Rudolf Steiner, Von Jesus zu Christus (GA131), Dornach 1988, 2. Vortrag