Fenster zur Unterwelt

Schon 20 Prozent der Menschheit besitzt ein iPhone oder ein iPhone-inspiriertes Smartphone. Wie konnte solch ein Gerät zu einem der Hauptparameter der heutigen menschlichen Kultur werden? Und was hat das für Konsequenzen?

Am 9. September 2014 hat die amerikanische Firma Apple ihre neuen Smartphones vorgestellt: ‹iPhone 6› und ‹iPhone 6 Plus›. Diese Ankündigung ist nicht nur für den Technologiedilettanten von Interesse: Sie ist global maßgebend auf wirtschaftlichen und kulturellen Ebenen, denn Produkte von Apple haben bei Konsumenten einen riesigen Erfolg und einen nicht weniger wichtigen Einfluss auf andere Smartphone-Hersteller. Seriösen Schätzungen zufolge hat Apple mehr als 500 Millionen iPhones weltweit verkauft und sollte nächstes Jahr weitere 200 Millionen ausliefern.

Ganz im Sinne der Bauhaus-Philosophie ist das iPhone sowohl ein innovatives Alltagsgerät wie auch ein kleines Kunstwerk, zugleich ästhetisch und funktional. Steve Jobs, der Gründer von Apple, wollte mit einer seltenen Achtsamkeit jedes Detail des Gerätes gestalten, so wie es sonst nur große Künstler machen. Diese Sorge um die Ästhetik hat er nicht nur auf die materiellen, sondern auch auf die virtuellen Aspekte des Gerätes angewandt. In diesem Sinne ist das iPhone das erste Fenster zur elektronisch-informatischen Welt geworden, die sich so gut an die menschliche Welt anzupassen vermochte. Die ganz einfach stilisierte Benutzeroberfläche ermöglicht jedem, mit den weiten Potenzialitäten dieser eigentlich fremden Unterwelt in Kontakt zu treten und zu verkehren, ohne Ingenieur oder Informatiker zu sein. Der Übergang zwischen sinnlicher, natürlicher Welt und elektrischer, unternatürlicher Welt verläuft nahtlos. Das Besondere bei diesem Fenster zu der unternatürlichen Welt ist, dass nicht nur unser Sehsinn angesprochen wird, sondern auch der Tastsinn. Die Touchscreens (‹Berührungsbildschirme›) bieten sozusagen die Möglichkeit, die unternatürliche Welt zu berühren. Gewöhnlich ist das Tasten ja der Sinn par excellence für die sinnlich-materielle Welt: Will man sich vergewissern, dass eine Sache eine materielle Existenz hat, so versucht man, sie zu greifen, zu tasten. Wenn man auf dieses Phänomen des Tastens einer sonst unsichtbaren und untastbaren unternatürlichen Welt genauer hinschaut, merkt man bald, dass es ein sehr armes Tasten ist, eine Berührung, die man nicht wirklich fühlt. Denn schon unter dem Finger liegt das ganze Paradox dieser Geräte: Die Welt der unglaublichen Potenzialitäten, der Komplexität und Versprechungen tritt lediglich als Plastikscheibe auf. Dennoch kann sich der Eindruck festsetzen: Ich berühre diese Welt. Dadurch kann sie nicht mehr von meiner alltäglichen Welt unterschieden werden. 

Die ästhetische und sinnliche Verschmelzung von Natur und Unternatur, aber auch die Tatsache, dass die Mehrheit der Menschen seelisch immer mehr Zeit in dieser virtuellen Welt verbringt, sind Symptome einer Menschheit, die zum Teil schon in diese unternatürliche Welt geglitten ist. Die Gefahr besteht, dass der Einzelne diese neue Welt nicht richtig einzuschätzen vermag und das Gefühl entwickelt, diese unternatürliche Welt gehöre doch zur Natur, dass sie sogar menschenfreundlich sei und dass der Mensch sich an sie anpassen solle. Die französische Electronica-Musikgruppe ‹Daft Punk›, deren zwei Mitglieder immer nur als Robotermenschen in der Öffentlichkeit auftreten mit einem futuristischen Helm auf dem Kopf , hat in ihrem Bestseller-Album ‹Random Access Memories› von 2013 ein aussagekräftiges Bild von einem solchen Menschen geliefert. In den Stücken ‹Within› und ‹Touch› begegnet uns die melancholische Tragik eines Menschseins, das sich in der Unternatur verloren hat. In ‹Touch› fragt sich ein Wesen, was es einmal war, wohin es eigentlich gehört. Vermutlich war dieses Wesen einmal ein Mensch, aber jetzt lebt es ewig in der Maschine weiter. Es erinnert sich an eine Zeit, in der es noch tasten konnte, in der diese Berührungen auch Bilder in ihm geweckt haben. Es will das Tasten der Wirklichkeit wiederfinden, es sehnt sich nach dieser vergessenen Heimat voller Farben, Berührungen und vor allem auch Liebe. Doch es ist vergebens: Am Ende des Stückes ist das Wesen wieder hoffnungslos in den Roboterzustand zurückgesetzt.

Die Unternatur ist unter die Menschen gekommen. Wir leben alltäglich mit und in ihr. Die Menschheit scheint sie im Allgemeinen mit Begeisterung zu begrüßen. Doch um wie viel größer ist die Begeisterung, wenn man diese unternatürliche Welt nicht als Endziel versteht, sondern als notwendige Begleiterscheinung einer anderen Welt, in der der Mensch nicht Roboter, sondern erkennendes Wesen werden kann. Im Unterschied zur Unternatur muss diese Welt der Geisterkenntnis mit Kräften geschaffen werden, die von der bloßen menschlichen Freiheit stammen. Wir Menschen sollten nicht zweifeln und denken, dass wir zu wenig Kräfte haben, um diese Sphäre der übernatürlichen Erkenntnis zu schaffen: Sie ist uns schon nah, man braucht nur richtig zu lauschen. In dieser Welt der Geisterkenntnis allein wird der Mensch sich finden können.1 Aber sie ist zart und kann leicht verschwinden, sobald wir unseren Blick zu starr auf die unternatürlichen Erscheinungen richten.

Jonas Lismont

1) Siehe Rudolf Steiner, GA 26, letzter Brief: ‹Von der Natur zur Unter-Natur›

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 43/2014, Oktober 2014