Die Mucherwiese eine „Kulturinsel“

Alexander Schaumann zu Besuch bei Kristin von Bleichert-Krüger und Peter Krüger.

Anthroposophische Einrichtungen schaffen Orte und das ganz besonders, wenn mit ihnen eine biologisch-dynamische Landwirtschaft oder ein Gartenbaubetrieb verbunden ist. Etwas Ähnliches kann man erleben, wenn man auf die Mucherwiese kommt.

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Rechtsrheinisch, südlich von Bonn, weitet sich der Uferbereich zu einer Bucht, in der Bad Honnef gelegen ist und von der aus ein idyllisches Tälchen in die Wälder und zwischen die Berghänge des Siebengebirges hineinführt. Hier findet sich der etwa 5 ha große Gärtnerhof, der seit 1935 biologisch-dynamisch bewirtschaftet wird, der mit seinen Ferienwohnungen zur Erholung und zum Wandern in den umgebenden Wäldern einlädt und der vor allem Heimstatt des anthroposophischen Malers und Bildhauers Walter Kniebe war, der hier seinen persönlichen Wirkensort gefunden hatte.

Kniebe kaufte dieses Anwesen vom Erlös seiner Michaelfigur, die er zwischen 1930 und 32 in Rheydt, heute Mönchengladbach, errichten konnte. Dieses als Ehrenmal konzipierte Werk war ein ungewöhnlicher Auftrag für einen anthroposophischen Künstler. Sein Betonsockel barg einen Weiheraum, der mit Mosaik verkleidet und mit geschnitzten Möbeln ausgestattet war und trug eine sechs Meter hohe, aus Kupferblech getriebene Michaelstatue, die mit weit in die Höhe ragendem Flammenschwert auf einen Drachen niederblickte. Es war eine großflächige, von expressionistischem Furor, aber auch von Wärme erfüllte Figur, die bald schon den Unmut der Nationalsozialisten auf sich zog, von denen sie 1940 zerstört wurde.

Dieses bedeutendste und größte Werk Walter Kniebes führte zur Gründung der Mucherwiese, die inmitten der Wälder hinter einer Bergflanke versteckt den Wunsch nach einer Enklave im Dunkel der Zeit geradezu symbolisch zum Ausdruck brachte. Vom Mauern bis zum Gärtnern wurde alles mit eigener Hand angepackt und noch heute ist der Gestaltungswille zu spüren, der den im Inneren erlebten Geist mit der in die eigene Verantwortung gegebenen Umgebung in Zusammenhang bringen will. Eine „Kulturinsel“ sollte entstehen, die bald darauf manchem Verfolgten Unterschlupf bot und die auch heute noch eine besondere Kultur spüren lässt. Kein Quadratzentimeter entgeht der Gärtnerin, die mit liebevoller Hand ein Fleckchen Paradies entstehen lässt oder mit anderen Worten ein Fleckchen von Menschenhand umgewandelter Natur, das den Menschen einmal nicht als Feind, sondern als deren Wohltäter erscheinen lässt.

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Ländliche Idylle - Kulturinsel.

Doch ist es nicht leicht für ein solches Kleinod den rechten Bestimmungszweck zu finden. Solange der Begründer lebte, machte er es zu einem geistigen Zentrum, das zahlreiche Gäste anzog und das sich mit unermüdlichem Einsatz aufrechterhalten ließ. Seither ist diese Frage aber nicht zur Ruhe gekommen. Es bietet zwei erwachsenen Behinderten Lebensraum. Im Atelier Kniebes trifft sich eine anthroposophische Arbeitsgruppe und finden Vorträge statt. Die Ferienwohnungen werden von Familien mit Kindern genutzt oder von Personen mit einem besonderen Erholungsbedarf, für die das Angebot von Biographiearbeit von besonderem Interesse ist. Auch Klausurtagungen finden hier in dieser Enklavesituation statt.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass nun wieder Kunst zum Zeichen einer Neuorientierung wird. Bei meinem letzten Besuch fiel mein Blick auf Papierarbeiten, die Kraft, Entschiedenheit und Großzügigkeit verrieten und dabei ganz offensichtlich nicht zu dem gehörten, was ich bisher kennengelernt hatte weder im anthroposophischen, noch im nichtanthroposophischen Bereich. Es war ein Atem zu spüren, der mich erstaunte und der auch in der Offenheit lebte, mit der Kristin von Bleichert-Krüger und ihr Mann Peter Krüger der Schatzmeister der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland von ihrem Nachdenken über Entwicklungsmöglichkeiten erzählten. Sie sind schon lange mit den Geschicken der Mucherwiese verbunden.

Als Tochter bzw. Schwiegersohn von Frau von Bleichert, der heute hier im hohen Alter lebenden Schwiegertochter Walter Kniebes, wirkten sie zuletzt in Leipzig als Waldorferzieherin und als Rechtsanwalt. Mit dem Ausstieg aus dem Arbeitsleben sind sie nun ebenfalls auf die Mucherwiese gezogen zusammen mit ihrer Kunstsammlung, die sie von dort mitgebracht haben. Dadurch erweitern sie den Kreis der Personen vor Ort. Zusammen mit den langjährigen Mitarbeiterinnen und weiteren Menschen im Umkreis bewegen sie die Fragen der Gestaltung, um sowohl im Sozialen wie im Organisatorischen eine zukunftsfähige Basis zu gewinnen. Dafür reicht die Geste des Rückzugs aber nicht aus. Die Enklavesituation bildet einen besonderen Wert. Um diesen nutzbar zu machen bedarf es jedoch gerade des Gegenteils. So ist von Vernetzung die Rede, von einer Einbindung in die sozialen Zusammenhänge der näheren und weiteren Umgebung, durch die der potentielle Wert dieses Ortes auch zu einem tatsächlichen werden kann.

Alexander Schaumann

Alexander Schaumann, geb. 1953, Maler, Dozent für Malerei, Kunstgeschichte und Anthroposophie, lebt in Bochum.

Erschienen in: InfoBrief 31 der Hannoverschen Kassen Nr. 04/2014

www.mucherwiese.de

Fotos: privat