Ein Bär macht Mut

Gestern war Luisa Tegtmeyer im Gefängnis. Sie ist wieder durch lange, kahle Flure gelaufen, die so verzweigt sind, dass man sich in ihnen verläuft, hat unzählige schwere Stahltüren passiert und im Besucherraum zwischen grün gestrichenen Wänden, klinisch weißen Tischen und abgenutztem Spielzeug Eltern mit ihren Kindern gesehen. Die Studentin war zu einem Termin mit der Leiterin der Justizvollzugsanstalt, kurz: JVA Köln vor Ort, um die nächsten Schritte ihres Projektes zu besprechen. Teil ihres Projektes ist ein Stoffbär mit hellbraunem Fell und blau gemustertem Halstuch. Den Prototyp hält Tegtmeyer in den Händen.

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Luisa Tegtmeyer hat ein Leitsystem und ergänzend dazu Buch und Stoffbär entwickelt. Foto: © Alanus Hochschule

„Der Bär soll Kindern dabei helfen, damit umzugehen, dass ein Elternteil im Gefängnis sitzt“, erklärt sie. Dazu hat sie passend zum Bären ein Kinderbuch geschrieben und gestaltet, das Ängste und Fragen der Kinder aufgreift. In farbenfroh gestalteten Aquarellen und kindgerechter Sprache erzählt das Buch die Geschichte vom kleinen Bären, der seinen Vater im Gefängnis besucht. „Der Plan ist, dass die Kinder den Bären von ihren inhaftierten Eltern geschenkt bekommen und gemeinsam das Buch lesen“. Dadurch soll Eltern und Kindern der Umgang mit der schwierigen Situation erleichtert und die Auseinandersetzung damit gefördert werden.

Kinder Inhaftierter unterstützen

Entwickelt und umgesetzt hat Tegtmeyer Buch und Bär im Rahmen des Projektes „Bindungsräume“, das die Professorinnen Beatrice Cron, Janne Fengler und Diemut Schilling für Studenten der Bachelorstudiengänge Kindheitspädagogik und Kunst-Pädagogik-Therapie angeboten haben. Nach einem Blockseminar zu den pädagogischen und psychologischen Hintergründen sowie einem Besuch in der JVA Köln entwickelte eine Gruppe von acht Studenten verschiedene Maßnahmen, um die Kinder Inhaftierter zu unterstützen. „In Deutschland gibt es so etwas bisher kaum ganz im Gegensatz zu den Skandinavischen Ländern zum Beispiel“, stellt Luisa Tegtmeyer fest.

Raum beeinflusst Bindung

Das Projekt soll nun Wege aufzeigen und realisieren, die sowohl das Kindeswohl als auch den Gefängnisalltag berücksichtigen. „Die Idee, dass Kinder von Inhaftierten besonderen Unterstützungsbedarf haben, ist nicht ausreichend verbreitet“, begründet Janne Fengler. „Darüber hinaus ist hinsichtlich der Möglichkeiten in ganz konkreten Situationen im Lebensalltag für Kinder und ihre inhaftierten Elternteile aus pädagogisch-psychologischer Sicht noch viel zu tun“, fügt sie hinzu. Die Professorin für Kindheitspädagogik und Pädagogische Psychologie und ihre Kolleginnen wollen mit dem Projekt mehr erreichen als Besucherräume zu renovieren. „Während einer Inhaftierung muss die Beziehung zwischen Kind und Mutter oder Vater über einen langen Zeitraum unter kritischen Bedingungen aufrechterhalten werden“, betont die Pädagogin.

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Der Stoffbär als Hilfe. Foto © JVA Köln

Das einschneidende Lebensereignis, das die Inhaftierung eines Elternteils für die Kinder bedeute, könne das Bindungsverhalten nachhaltig beeinflussen und die Qualität der Bindung deutlich verschlechtern. Die Besucherräume können eine bedeutende Rolle für die Qualität der Bindung zwischen inhaftierten Eltern und ihren Kindern spielen „räumliche Rahmenbedingungen haben immer Einfluss auf die Qualität menschlicher Interaktion“, verdeutlicht die Professorin. Seien es Langzeit-Besucherräume, in denen Familien stundenweise unter sich sein können oder die Gemeinschaftsräume, in denen bis zu neun Inhaftierte gleichzeitig Besuch empfangen sie sind die Orte, in denen ein direkter Kontakt zwischen Inhaftierten und ihren Kindern stattfindet. „Diese, für die Kinder fremde Umgebung, möchten wir so gestalten, dass zu verschiedenen gemeinsamen Tätigkeiten angeregt wird“, beschreibt Janne Fengler. So könne ein Begegnungsraum geschaffen

werden, in dem die Beziehung zwischen dem Aufsuchen von Nähe und eigenständigen, entdeckenden Aktivitäten ausgelotet werden kann. „In einer Form, die von den Beteiligten als stimmig erlebt wird“, hält Janne Fengler fest. In dem interdisziplinären Projekt fließen dazu Erkenntnisse aus Kindheitspädagogik, Psychologie, Kunsttherapie und Bildender Kunst zusammen.

Enge Voraussetzungen

„Die Herausforderung ist, etwas an einem Ort zu machen, an dem man nichts machen darf“, beschreibt Diemut Schilling die engen Voraussetzungen, unter denen sie in der JVA arbeiten.

Die Professorin führt seit langem partizipatorische Kunstprojekte durch und legt großen Wert auf die Teilhabe der Häftlinge. Studenten und Dozenten haben trotz der begrenzten Möglichkeiten zahlreiche Ideen entwickelt, von denen einige bereits umgesetzt wurden. Für die Besucherräume beispielsweise werden Wandmalereien gestaltet, die Motive aus der Natur in jeweils unterschiedlichen Farbstimmungen zeigen. Darin integriert sind fliesenförmige Flächen in passenden Farben, die die Inhaftierten unter dem Motto „Farbe sammeln“ in ihren Zellen fotografiert haben. „Damit beteiligen wir die Inhaftierten an der Gestaltung und holen Elemente aus den Zellen in den Besucherraum“, erklärt Schilling. Klar strukturierte und freundliche Räume wolle man schaffen, so die Künstlerin.

Gemeinsame Zeit sinnvoll nutzen

Luisa Tegtmeyer fertigt momentan großformatige Gemälde an, die an den verschiedenen Orten in der JVA platziert werden, die die Kinder auf dem Weg in die Besucherräume passieren.

Stets ist darauf der Bär zu sehen, der sich in derselben Situation befindet wie das Kind an dieser Stelle: beim Durchschreiten eines Detektorrahmens, auf einer steinernen Treppe oder in einem langen Flur unmittelbar vor einer vergitterten Tür. Zusätzlich sollen Bärenspuren den Weg weisen die geeigneten Orte dafür hat sie gestern gemeinsam mit der Leiterin ausgewählt. „Der Bär begleitet die Kinder beim Besuch. Als Leidensgenosse und Freund er soll Mut machen“, so Tegtmeyer.

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Naturmotive bereichern den Besucherraum. Foto: © JVA Köln

Zunächst werden einige Exemplare des Bären von Inhaftierten in der Schneiderei der JVA Köln gefertigt. Einen Verlag für ihr Buch hat Tegtmeyer schon gefunden. Gegenwärtig versucht sie, die Finanzierung der ersten Auflage durch Crowdfunding zu realisieren. Als nächstes möchte sie ihr Konzept Haftanstalten in ganz Deutschland anbieten. „Ich möchte dazu beitragen, dass Kinder und Eltern die Zeit, die sie gemeinsam verbringen, sinnvoll nutzen“ unterstreicht die junge Frau. Man kann sich sicher sein, dass ihre Materialien dieses Anliegen unterstützen nicht zuletzt aufgrund der großen Sensibilität, mit der Luisa Tegtmeyer sich, ebenso wie das gesamte Projektteam, diesem komplexen Thema genähert hat.

Bindungsräume

Das Projekt „Bindungsräume“ zeigt neue, gangbare Wege auf, wie Gefängnisalltag und Kindeswohl besser in Übereinstimmung gebracht werden können. Es wird durchgeführt in Kooperation mit dem Sozialdienst katholischer Frauen e. V. Köln, dem Sozialdienst katholischer Männer e. V. Köln, der JVA Köln, der Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffälligenhilfe e. V. sowie dem Verein Morning Tears Alliance. Weitere Informationen, auch zu den im Text beschriebenen Maßnahmen, können unter kindheitspaedagogik@alanus.edu angefragt werden.

KERNSATZ

Atmosphäre und Ausstattung von Besucherräumen in deutschen Gefängnissen sind meist wenig förderlich für die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen. Doch an diesen Orten treffen auch Kinder auf ihre inhaftierten Eltern. In einem Projekt entwickeln Studenten und Dozenten ideenreiche Maßnahmen für eine Umgebung, die Bindung fördern soll.

Auszug aus dem Alanus-Magazin Universalis No 5 / Januar 2015