Von der Energiewende zur Geldwende?

„Geldgipfel“ der GLS-Stiftung am 1. und 2. Mai 2014 in der Universität Witten-Herdecke.

Die Finanzkrise brachte der GLS-Gemeinschaftsbank einen großen Zulauf. Das führte auch zur Notwendigkeit, die genossenschaftliche Basis zu erweitern. Man entschloss sich, zu diesem Zweck die Genossenschaftsanteile mit bis zu 4 % pro Jahr zu verzinsen. Zugleich wurde über die Gründung einer GLS-Stiftung (nicht zu verwechseln mit der seit langem bestehenden GLS-Treuhand) gesprochen, deren „Vermögen daraus entsteht, dass Mitglieder der GLS Bank der Stiftung einen Teil ihrer Mitgliedschaftsanteile schenken“1 und deren Leitung Lukas Beckmann und Thomas Jorberg innehaben. Stiftungszweck ist die Erarbeitung von Grundlagen für eine Geld- und Finanzordnung, die der Realwirtschaft dient, sowie neuer Unterrichts- und Lehrmaterialien für eine andere ökonomische Bildung an Schulen und Hochschulen. Außerdem sollen Bürgernetzwerke und Bürgergenossenschaften unterstützt werden, „die sich für eine Demokratisierung der Energiewirtschaft und für eine dezentrale, regenerative Energieversorgung in Bürgerhand einsetzen“.2

Der Titel „Von der Energiewende zur Geldwende“ war werbewirksam, weil der Begriff „Geldwende“ einprägsame Bilder evoziert. Es muss jedoch ergänzt werden, dass die beiden angedeuteten Entwicklungen insofern auf einer jeweils anderen Ebene liegen, als die Gestaltung von Geldprozessen bei allen Wende- und Veränderungsprozessen mitspielt.3 „Wie kommt Geld in die Welt? Was hat seine Wirkungsgeschichte mit mir zu tun? Warum fließt Geld oft nur schwer dorthin, wo es am dringendsten gebraucht wird? […] Die GLS Bank Stiftung will an den Grundlagen einer Geldordnung arbeiten, in der Geld nicht sich selbst genügt, sondern Wirtschaft und Gesellschaft als ein soziales und nachhaltiges Gestaltungsmittel dient. Der Geldgipfel versteht sich als Forum und Arbeitsprozess für alle, die sich seit längerem oder auch erst seit der Finanzkrise 2007/2008 mit dem Thema Geld beschäftigen.“4 Die Nutzer dieses Forums kamen aus verschiedensten Bereichen: Hochschullehrer, Genossenschaftler, Regionalgeldentwickler, allgemein Interessierte. Allerdings vermieden Vertreter der konventionellen Finanzwirtschaft und Ökonomie bedauerlicher Weise den Dialog durch Abwesenheit.

„Wie Geld unser Denken bestimmt und verändert“ und „Wie unser Handeln Geld verändert“ so waren die beiden Einleitungsreferate von Prof. Dr. Karl Heinz Brotbeck und Thomas Jorberg betitelt. Dann verteilte man sich auf sieben Workshops, wo die Themen Vollgeld, Finanzierung globaler Klimaintervention, Rolle des Schenkens, Regionalgeld, ökonomische Bildung, Transformation durch Kunst sowie das gesamtgesellschaftliche Transformationspotenzial von Biobodengesellschaften und Energiegenossenschaften erörtert und die Ergebnisse am zweiten Tag von Studierenden der Uni Witten-Herdecke souverän präsentiert wurden. Zu den Vortragenden und Workshop-Leitern zählten neben den bereits Genannten Susanne Reiners, Johannes Stüttgen, Sven Giegold, Prof. Reinhard Loske und Prof. Christoph Binswanger, um nur einige zu nennen.

Die Grundlagenarbeit wurde in drei kleineren Gesprächsrunden begonnen, wo u.a. der Vollgeldansatz, vorgestellt von Prof. Joseph Huber, und Notwendigkeiten ökonomischer Bildung, dargestellt von Prof. Silja Graupe, diskutiert wurden Themen, die auch zu den Schwerpunkten des Geldgipfels gehörten, mit dem man ein größeres, möglicherweise auch politisch wirksames Forum schaffen wollte. Mit dem tatsächlichen Ansturm hatte man nicht gerechnet, sodass von 500 Interessenten aus Platzgründen 100 zurückgewiesen werden mussten.

Viele Diskussionen kreisten um die Frage der Kreditschöpfung, ein Thema, das einer tieferen Bearbeitung bedarf. Überhaupt schien manchen Teilnehmern die Frage der lebendigen Verwandlungsprozesse im Geldwesen zu wenig belichtet, die gesamtgesellschaftliche Dimension des Schenkungsgeldes sei in den Diskussionen nicht ausgelotet worden usw. Vielleicht war auch das der Grund, warum in der Vollgelddebatte auch bei diesem Kongress oft noch Positionen unvermittelt nebeneinanderstanden. Keine wirkliche Verständigung gab es auch über die Frage, welche Veränderungen, beispielsweise im Bodenrecht und im Eigentumsrecht an Unternehmen, eine Geldreform flankieren müssen, damit sie wirksam werden kann.

Solche Kritikpunkte sind ein Hinweis auf Fragen, die in der Zukunft vertieft zu bearbeiten wären, sie können aber die Bedeutung des Geldgipfels nicht schmälern. Dass sich so viele Menschen für die brennend aktuelle Frage der Gestaltung des Geldwesens interessieren und darüber ins Gespräch kommen wollen, ist ein hoffnungsvolles Omen. Dazu haben die Organisatoren des Gipfels einen wesentlichen Beitrag geleistet. Gewiss hat der Kongress mehr Fragen aufgeworfen als von allen entwickelte und gemeinsam getragene Lösungen präsentiert. Das war auch nicht zu erwarten. Deutlich war jedoch der gemeinsame Wille aller Beteiligten, eine Geldwende im Sinne einer Sozialbindung des Geldes herbeizuführen. Die Veranstaltung leistete einen wichtigen Beitrag zur Stärkung des Bewusstseins, dass das herrschende neoklassische Geldverständnis der Ökonomie nicht alternativlos ist. Von der Weiterarbeit in dieser Richtung ist in Zukunft noch manches zu erhoffen. So wäre z. B. eine stärkere Vernetzung und Zusammenarbeit von fortschrittlichen Wirtschaftswissenschaftlern wichtig. Und nicht zuletzt muss auch die Frage eines teilnehmenden Studierenden beantwortet werden: Wo kommen die Dozenten her, die anderes lehren als die heute vorherrschende Doktrin?

Christoph Strawe1

1) https://www.gls.de/privatkunden/ueber-die-gls-bank/organisation/gls-bank-stiftung/

2) a.a.O.

3) So sinngemäß auch Prof. Reinhard Loske in seinem Abschlussvortrag über Transformationsstrategien für eine neue Geldordnung

4)https://www.gls.de/privatkunden/aktuelles/termine-veranstaltungen/ueberregional/forum-zum-thema-geld/

5) Verfasst auf der Basis von Teilnehmerberichten von U. Herrmannstorfer, C. Klipstein, H. Schliffka, H. Spehl und G. Schuster; Bericht mit Bildmaterial auch auf http://blog.gls.de/gls-treuhand/ueber-geld-spricht-man-nicht-oder-besser-doch/

Erschienen in: Sozialimpulse Nr. 2/2014