Eine Geste, die den Raum öffnet

Ein Interview mit Michael Dackweiler

Welchen Stellenwert hat das Thema Selbstbestimmung Ihrer Erfahrung nach in den anthroposophischen Lebensgemeinschaften?

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Michael Dackweiler

Wenn man in die Tiefe geht, dann hat es einen sehr hohen Stellenwert. In der Praxis ist es aber zumindest früher häufig so gewesen, dass wir als Mitarbeitende aus unserer Sicht tolle Angebote gemacht haben und die Erwartung hatten, dass diese bitteschön auch genauso übernommen werden. Manchmal schieben sich strukturelle Gegebenheiten auch inhaltlich in den Vordergrund, so dass wir die individuelle Situationdes anderen nicht genügend in den Blick nehmen können. Es ergeben sich ja oftmals Notwendigkeiten durch verschiedenste Faktoren – durch die Organisation, die Struktur der Einrichtung, bauliche Gegebenheiten, die Personalsituation und andere.

Wie erleben Sie die Veränderungen auf diesem Gebiet in der Folge der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung?

Die UN-Konvention ist ein Segen! Sie hat wirklich einen weltweiten Prozess des Wachrüttelns in Gang gesetzt. Man wird wach für die Frage, worin das Eigene, der persönliche Klang jedes Einzelnen in der Gesamtheit der Menschen und der Menschheit liegt – nur durch seine persönliche Stimme, seinen eigenen Beitrag kann sich seine Biografie erfüllen.

Wie stark ist denn Ihrer Einschätzung nach bei den Bewohnern der Einrichtungen das Bewusstsein für Fragen der Selbstbestimmung ausgeprägt?

Das ist ganz stark eine Generationenfrage. Menschen unter 25 sind sich meiner Erfahrung nach ihrer Selbstkompetenz deutlich bewusst und auch mutig genug, diese einzufordern. Sie sind auch in der Schule so erzogen worden, das ist für sie ganz selbstverständlich.

Bei älteren Bewohnern ist die Situation oft ganz anders, häufig haben sie in Verhältnissen gelebt, in denen es einen starken Anpassungsdruck gab. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass es am einfachsten ist, den an sie gestellten Erwartungen zumindest äußerlich zu entsprechen, um entspannt durch ihr Leben zu kommen.

Jemand, der heute 50 Jahre alt ist, hat ja im Laufe der Zeit unzählige verschiedene Betreuerinnen und Betreuer erlebt, denen er sich auf verschiedenste Weise anpassen musste.

Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich für die Angehörigen von Menschen mit Behinderung?

Das Thema Selbstbestimmung kann durc aus heikel sein. Es geht nicht nur um die Frage, ob man eine Jacke mehr oder weniger anzieht, sondern es geht um existentielle Fragen der Lebensführung. Auch Fragen zur Sexualität, Partnerschaft oder Kinderwunsch spielen da eine Rolle – vielen Angehörigen fällt es nicht leicht, da eine Balance zwischen ihrem Wunsch nach Fürsorge und dem Recht ihres erwachsenen Kindes auf Selbstbestimmung zu finden. Was ist Ihr Eindruck: Wie ist der Umgang mit diesen Fragen in der Gemeinschaft Altenschlirf? Ich glaube, da gibt es gerade eine große Aufbruchstimmung. Es gibt in Altenschlirf eine gesunde Tradition, aus der heraus das gemeinsame Leben gestaltet wird, aber eben auch ein deutliches Aufwachen und eine Sensibilisierung für diese Fragen. Es geht ja darum, einen Raum zu öffnen. Eine solche raumöffnende Geste von Seiten der Angehörigen und Mitarbeiter ist entscheidend – nicht davon auszugehen, dass man weiß, was für den anderen am besten ist, sondern dass ich ihn oder sie anrege, selbstbestimmt zu Entscheidungenzu kommen. Und das gilt keineswegs nur für den Umgang mit Menschen mit Behinderung, sondern auch ganz allgemein im Zwischenmenschlichen. Wenn wir den Gedanken der Inklusion ernst nehmen, dann muss sie für alle gelten, der Blick sollte da nicht nur in eine Richtung gehen.

Die Fragen stellte

Laura Krautkrämer.

erschienen im altenschlirfer Brief Nummer 35

Foto: Ulrike Härtel / Christof Herdt