Selbstbestimmung geht uns alle an!

Fortbildungen in der Gemeinschaft Altenschlirf für Angehörige, Bewohner und Mitarbeiter zu einem wichtigen Thema

Spätestens in der Folge der UN-Konventionüber die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist die Sensibilität für das Thema Selbstbestimmung enorm gewachsen.

Das hat große Auswirkungen auch für alle Einrichtungen, in denen Menschen mit Hilfebedarf begleitet werden. In der Gemeinschaft Altenschlirf gab es im Jahr 2014 zu diesem wichtigen Thema mehrere Fortbildungen mit Michael Dackweiler, der seit rund 35 Jahren in der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie tätig ist, davon viele Jahr in Lautenbach sowie in Tennental. Bei den „Tagen der Begegnung“ setzten sich Bewohnerinnen und Bewohnern gemeinsam mit ihren Angehörigen sowohl in einem Vortrag als auch in Gruppenarbeit mit diesen wichtigen Fragen auseinander. Zusätzlich gestaltete Michael Dackweiler eine mehrteilige Mitarbeiter-Fortbildung zum Thema Selbstbestimmung.

Im Spannungsfeld von Fremd- und Selbstbestimmung

In seinem Vortrag betonte Michael Dackweiler, dass üblicherweise mit der Pubertät ein Prozess beginnt, in dessen Verlauf Eltern die Verantwortung für ihre Kinder Schritt für Schritt abgeben, ist die Lage bei Menschen mit Behinderungen anders. Je nachdem, wie groß der Hilfebedarf ihrer Kinder ist, fühlen sich die Eltern zeitlebens in der Pflicht, deren Leben durchaus eng zu begleiten.

Dennoch gibt es heute den berechtigten Anspruch, das Augenmerk vor allem auf Unterstützung und Ermutigung der eigenen Fähigkeiten zu richten und so wenig wie möglich über die Köpfe der Betroffenen hinweg zu entscheiden.

In jeder sozialen Begegnung, in jedem Zusammentreffen mehrerer Menschen gibt Selbstbestimmung geht uns alle an! es ein Spannungsfeld von Selbstbestimmung auf der einen und Fremdbestimmung auf der anderen Seite und wohl alle Menschen müssen in dieser Hinsicht Kompromisse eingehen. Schwierig ist aber, wenn jemand nur begrenzt in der Lage ist, sich gegen unangebrachte Einmischung von außen zu wehren – sei es, weil er oder sie sich nur schwer ausdrücken kann oder aber, weil das nötige Selbstbewusstsein fehlt. Eine zentrale Rolle spielt auch die Kommunikation: Stülpe ich dem anderen sprachlich etwas über, oder gelingt es, einen Raum zu öffnen, in dem zwar vielleicht Anregungen gegeben werden, aber doch auch Entscheidungsfreiheit besteht?

Aus den Rückmeldungen der Bewohnerinnen und Bewohner wird deutlich, wie sehr ihnen ihre Eigenständigkeit am Herzen liegt. „Ich finde es schön, wenn man mich alleine machen lässt, aber mit überlegt, was meine Aufgabe ist“, heißt es da beispielsweise, oder auch: „Ich möchte als erwachsener Mensch wahrgenommen werden.“ „Meine Eltern sollen mich meine eigenen Erfahrungen machen lassen und auch einmal mein Scheitern zulassen“, so ein weiterer Bewohner.

Durch sich selber wirken – Selbstbestimmung fängt mit „selbst“ an

Ein respektvoller Umgang mit anderen Menschen bedeutet auch, auszuhalten, dass mein Gegenüber etwas anderes will als ich – dass er einen anderen Geschmack hat, andere Vorlieben, vielleicht auch andere Werte. Interessant auch: Je mehr man selbst mit seinem Leben im Reinen ist, desto besser kann man meist andere Lebensentwürfe akzeptieren und fühlt sich durch diese nicht bedroht.

Diese Frage des Selbstmanagements war auch in den Fortbildungen für die Mitarbeitenden ein wichtiger Aspekt. „Es war ausgesprochen anregend, zunächst einmal anzuschauen, wie es denn in unserem eigenen Leben aussieht“, berichtet Katja Fesch, die an dem insgesamt vierteiligen Seminar für die Mitarbeiter teilgenommen hat. „Ich fand es gut, die Begriffe Fremdbestimmung und Selbstbestimmung auf den Alltag herunterzubrechen und zu fragen, in welcher Form sie dort eigentlich vorkommen.“

Auch die bunte Zusammense zung der Seminargruppen hat die Mitarbeiterin der Wollwerkstatt überzeugt, schließlich sei es interessant zu sehen, wie die Kolleginnen und Kollegen aus den unterschiedlichen Arbeitsbereichen mit dem Thema umgehen. Sie selbst hat den Eindruck, seit den Seminaren einen viel differenzierteren Blick auf Fragen der Selbstbestimmung zu haben: „Natürlich ist es sinnvoll, bestimmte Strukturen vorzugeben, aber es ist doch wichtig, auch immer wieder einmal zu hinterfragen, ob es tatsächlich nur diese eine Möglichkeit oder Lösung gibt. Ich kann beispielsweise einen respektvollen Umgangston innerhalb der Werkstattgruppe anregen, aber ich sollte auch akzeptieren, wenn jemand einmal eine andere Meinung hat und die auf seine Art und Weise zum Ausdruck bringt.“

* Die Zitate sind Aussagen, die im Rahmen der Fortbildung zum Thema Selbstbestimmung von Bewohnerinnen und Bewohnern sowie von Angehörigen geäußert wurden.

erschienen im altenschlirfer Brief Nummer 35