Programmierunterricht für Kleinkinder?

Im „New Scientist Magazine“ vom 31. Juli 2013 findet sich folgende Geschichte in einem Bericht über Programmierunterricht von Kleinkindern:

„LORNA is 4, going on 5. I’ve never met her before, but her eyes light up when she sees me. She rushes over, blonde curls bouncing. „I’m going to sit on you!“ she declares. I demur, so she climbs into the chair next to me. „I weigh forty pounds!“ she exclaims. I hand her the iPad I’m carrying and the silliness melts away in an instant.“

Entschuldigen Sie, dass ich den Text erst einmal im Original belassen habe. Also, ein vierjähriges Mädchen freut sich riesig über das Interesse eines Erwachsenen und will ihm auf den Schoß klettern, was abgelehnt wird. Dafür bekommt es einen iPad und der Erwachsene stellt befriedigt fest, dass das Kind jetzt keine Albernheiten mehr anstellt. Später im Text wird dann berichtet, wie erfolgreich dieser Programmierunterricht ist. Und als Schlussfolgerung wird angefügt, dass das Bildungsministerium in England nun wegen des mangelhaften Programmierunterrichts beschlossen hat, ab 2014 den Programmierunterricht ab dem 5. Lebensjahr verpflichtend einzuführen.

Reden wir eigentlich noch über Erziehung oder doch nur über Dressur? Niemand wird bezweifeln, dass man auch Kinder dressieren kann, und doch wird jeder ernsthafte Mensch dies als Eingriff in die Unversehrtheit der Menschenwürde betrachten. Mir scheint immer deutlicher, dass wir uns auf die auf Menschenwürde beruhenden Erziehungsideale nicht mehr verlassen können, sondern diese mit aller Kraft erkämpfen müssen.

Die Aktualität dieser Situation kann man exemplarisch in Dubai studieren. Dort gehen Kinder ab dem 4. Lebensjahr in Schulen, die, werden sie als besonders gut eingeschätzt, mit Plastikmöbeln ausgestattet sind, Plastikgrasböden und Plastikbäume haben und elektronische Tafeln, sogenannte digitale „Whiteboards“. Eine Schule ist dort umso besser, je bessere Noten die Kinder bei den jährlichen Prüfungen abliefern. Den Inhalt der Prüfungen müssen sie zuvor auswendig lernen. Einige Menschen waren daran interessiert, in Dubai eine Waldorfschule einzurichten. Als sie verstanden haben, dass Waldorfschule gemeinnützig ist und nicht eine Privatschule, mit der man Geld verdienen kann, hörte das Interesse auf. Auch hier geht es, wie bei dem obigen Beispiel, um die Erwartungen der Erwachsenen und leider nicht um die Kinder.

Kinder haben in der Regel große Erwartungen an die erwachsenen Lehrerinnen und Lehrer, und diese könnten sich entsprechend vorbereiten und immer wieder Kräfte sammeln, um mit neuem Interesse auf die Kinder zuzugehen. Die große Sommertagung der IAO in Riga, bei der sich etwa 200 Lehrerinnen und Lehrer aus mittel- und osteuropäischen Ländern versammelt haben, war eine solche Gelegenheit, durch künstlerisches Üben selbst wieder in Bewegung zu kommen und gleichzeitig das 21-jährige Bestehen dieser Schulbewegungen zu feiern übrigens auch mit einer Eurythmie-Aufführung der Budapester Eurythmieschule, die von allen als Krönung der Tagung erlebt wurde.

Nana Göbel

Erschienen in: Freunde der Erziehungskunst: Rundbrief Herbst 2013