Die Anfänge der Eurythmie

Vorbereitung und Beginn, die Jahre von 1907 bis 1912 – aus der jüngst vorgelegten Studie ‹Eurythmie: Entstehungsgeschichte und Portraits ihrer Pioniere›.

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Lore Smits - die erste Eurythmistin, ca. 1915. Foto: © Rudolf Steiner Archiv, Dornach

Man kann davon ausgehen, dass Rudolf Steiner schon bald nachdem ihm die Bedeutung des künstlerischen Elementes für die geisteswissenschaftlichen Bestrebungen aufgegangen war, auch begann, nach einer neuen, spirituellen Bewegungskunst zu suchen. Insbesondere seine Ausführungen zum Prolog des Johannes-Evangeliums legen das nahe; so heißt es in einem Vortrag vom Juni 1907: «Denken Sie jetzt, ich spreche das Wort ‹Gott› durch den Luftraum. Könnten Sie in dem Augenblick, wo die Schallwellen hier wären, die Luft erstarrt machen, dann würde eine Form – wie beispielsweise eine Muschelform – herunterfallen. Bei dem Worte ‹Welt› würde eine andere Welle herunterfallen. Sie könnten meine Worte auffangen, und jedem Worte würde eine kristallisierte Luftform entsprechen.»  – Ein Jahr später fragte er – wiederum nach einem Vortrag über den Prolog – die Malerin Margarita Woloschin: «Könnten Sie das tanzen?» – Doch sie hörte die Frage nicht in ihrer Tiefe.

Erst ein Gespräch in der zweiten Adventswoche des Jahres 1911 gab Rudolf Steiner die Möglichkeit, die von ihm erstrebte neue Bewegungskunst ins Leben zu rufen. Die langjährige Theosophin Clara Smits, deren Mann gerade unerwartet verstorben war, suchte in einem Gespräch mit Rudolf Steiner neue Lebensorientierung. Gesprächsthema war dabei auch der Berufswunsch ihrer 18-jährigen Tochter Lory. Rudolf Steiner eröffnete Clara Smits die Möglichkeit, «eine ganz neue Bewegungskunst [zu] inaugurieren, die auf geisteswissenschaftlicher Grundlage aufgebaut»  sei. Sie eröffnete ihm darauf, dass ihr schon nach einem Vortrag von ihm über ‹Lachen und Weinen› die Frage gekommen wäre: «Könnte man nicht durch rhythmische Bewegungen, das Ätherische anregend und stärkend, gesundende und heilende Wirkungen hervorrufen?»  Rudolf Steiner bestätigte dies: Schon lange habe er eine auf «ätherischen Bewegungsimpulsen beruhende Bewegungskunst erstrebt», weil er eine solche brauche, um geistige Wahrheiten an den Menschen heranzuführen, die sich nicht oder nur sehr schwer in Worte fassen ließen. Mit dieser neuen Bewegungskunst könne er «an andere Erkenntnismöglichkeiten» des Menschen appellieren.

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Buch-Cover.

Clara Smits konnte bereits mit einer konkreten Schulungsaufgabe nach Haus Meer bei Düsseldorf zurückfahren – Lory sollte Alliterationen schreiten. Am 29. Januar 1912 bekam sie in Kassel weitere Aufgaben: Aneignung von Anatomiekenntnissen, Beobachtungen des Sprechprozesses sowie bestimmte Formgestaltungen im Raum. Im Sommer 1912 setzte Rudolf Steiner im dritten Mysteriendrama ‹Der Hüter der Schwelle› für die Darstellung der ahrimanischen und luziferischen Wesen schon keimhafte Elemente der neu geschaffenen, noch namenlosen Bewegungskunst ein.

Der erste längere Schulungskurs für Lory Smits fand – parallel zum Vortragszyklus über das Markus-Evangelium in Basel – vom 16. bis zum 27. September 1912 im Haus Wiesengrund in Bottmingen statt. In einem kleinen Raum gab Rudolf Steiner die Grundelemente der neuen Kunst an (Vokale, Konsonanten, Kopfhaltungen, Seelengesten, dionysische Formen etc.), die am letzten Tag – neun Monate nach dem ersten Gespräch – von Marie Steiner ihren Namen erhielt: Eurythmie.

Eine Bewegung, außerhalb des Menschen

Margarita Woloschin

Nach dem Vortrag trat er zu mir und fragte: «Könnten Sie das tanzen?» Ich war über diese Frage nicht erstaunt, weil ich von meiner Kindheit an das Bedürfnis hatte, jedes tiefere Erleben zu tanzen; und dass Rudolf Steiner ‹alles weiß›, davon war ich überzeugt. Ich antwortete ihm: «Ich glaube, man könnte alles tanzen, was man fühlt.»–«Aber auf das Gefühl kam es doch heute an!» Diesen Satz wiederholte er und blieb eine Weile vor mir stehen, indem er mich anschaute, als wenn er auf etwas wartete. Ich fragte ihn aber nicht.–Im Herbst desselben Jahres, nach einem Vortrag über die Entsprechungen der Rhythmen im Kosmos und im Menschen trat er zu mir und sagte: «Der Tanz ist ein selbständiger Rhythmus, eine Bewegung, deren Zentrum außerhalb des Menschen ist.

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Elisabeht Dollfus, Annemarie Donath, Lory Smits (v.l.n.r.) - beim Üben in Stuttgart. Foto: © Rudolf Steiner Archiv, Dornach

Der Rhythmus des Tanzes führt zu den Urzeiten der Welt. Die Tänze unserer Zeit sind eine Degeneration der uralten Tempeltänze, durch welche die tiefsten Weltgeheimnisse erkannt wurden.» Und wieder stand er wartend vor mir, und wieder fragte ich nichts. Ich wußte damals nicht, dass die Worte eines Lehrers immer ein Hinweis sein wollen, ohne die Freiheit des Schülers anzutasten. Worauf er wartete, verstand ich erst vier Jahre später, als er auf die Frage einer Schülerin die Grundlage einer neuen Bewegungskunst darlegte.

Für die Tiefe, jenseits des Wortes, die an den Menschen dringt

Lory Maier-Smits

Meine Mutter hat mir oft und ausführlich erzählt, wie aus diesem Gespräch, das unter dem Schatten eines ihr kaum fasslichen, viel zu frühen Todes begann, mehr und mehr zukunftsfrohes, hellstes Leben erblühte. Wie Rudolf Steiner davon gesprochen habe, dass er schon lange diese neue, wie sie richtig gefühlt habe, auf ätherischen Bewegungsimpulsen beruhende Bewegungskunst erstrebt habe, weil er sie mehr und mehr für lebensnotwendig für das Ganze der anthroposophischen Erkenntnis halte, aber man sei auf seine Anregungen bisher nicht eingegangen. Und doch brauche er selbst diese neue Bewegungskunst, zum Beispiel dann, wenn Dinge an die Menschen herangebracht werden sollten, die so tief seien, dass man sie überhaupt nicht in Worte fassen könnte, auch solche, die entweder von den Zuhörern eine kaum aufzubringende Konzentrationsfähigkeit oder von ihm selbst lange, umständliche und zeitraubende Ausführungen verlangten. Dann sollte diese neue Kunst einsetzen und, an andere Erkenntnismöglichkeiten appellierend, den Menschen ein Verständnis auch solcher Wahrheiten vermitteln. «Es wird sich aber um das Wort, nicht um Musik handeln!»Lory Maier-Smits

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Erika Schilbach in der toneurythmischen Gebärde der Dissonanz, ca. 1923. Foto: Otto Riemann © Dokumentation am Goetheanum, Dornach

«Ich bin gerne bereit, es Ihrer Tochter zu zeigen!»

Lory Maier-Smits

Während der nun folgenden Besprechung fragte Dr. Steiner ganz plötzlich und scheinbar unvermittelt: ‹Was wird Ihre Tochter Lory machen?› Da erzählte die Mutter von meiner Neigung und auch von dem eben geführten Gespräch, indem sie auf die Mensendiecksche Gymnastik aufmerksam gemacht worden war. ‹Ja›, sagte Doktor Steiner, ‹man kann natürlich ein guter Theosoph sein und nebenbei Mensendieck machen, aber das hat nichts miteinander zu tun! Man könnte so etwas aber auch ganz auf theosophischer Grundlage machen. Ich bin gerne bereit, es Ihrer Tochter zu zeigen.›  ––  Ich aber wartete [in München] von Tag zu Tag darauf, dass Dr. Steiner uns rufen lassen würde und die ‹Stunden› begännen. Endlich eines Tages begegnete ich ihm in einer offenen Tür. Vielleicht habe ich ihn sehr fragend und erwartungsvoll angesehen, jedenfalls legte er die Hand auf meine Schulter und sagte: «Ja, Kleine, es gehört die Weisheit der ganzen Welt dazu, ich kann es Ihnen jetzt noch nicht sagen. – Ich kann mir in diesen Wochen hier nicht die Zeit nehmen, die ich dazu brauche. – Wäre es möglich, dass Sie im September, wenn ich in Basel bin, dorthin kämen? Da werde ich Zeit haben.»

Martina Maria Sam

Erschienen in: Goetheanum Nr. 33-34/2014 - Copyright: Verlag am Goetheanum