Weltweite Konflikte belegen Aktualität des Dreigliederungsgedankens

Die gegenwärtigen Krisen und Konflikte verweisen auf die Aktualität der sozialen Dreigliederung. Diese These vertritt Prof. Christoph Strawe in der neuen Ausgabe der Zeitschrift Sozialimpulse. Finanzkrise, Staatsverschuldung, Demokratie-, Umwelt- und Energiekrise in all diesen Erscheinungen finde man am Grund die Frage, wie sich Formen des sozialen Miteinanders entwickeln lassen, die der heutigen Zeit angemessen sind.

Strawe spricht in diesem Zusammenhang von einer „verrückten Welt“, in der sich die Felder des gesellschaftlichen Lebens nicht ihren Eigengesetzmäßigkeiten entsprechend entwickeln und von den Menschen gestaltet werden können. Vielmehr greife ein Bereich in „schädigender und die Mündigkeit der Menschen missachtender Weise“ auf die anderen über.

Diese Konfusion sei überall zu beobachten: Der Staat lasse das Kulturleben nicht zu einer wirklich selbständigen Entfaltung kommen, gleichzeitig verstärke sich die Fremdbestimmung der Kultur durch die Ökonomie. Es sei genauso selbstverständlich, Menschen auf die Notwendigkeiten der Wirtschaft vorzubereiten wie Sachgüter und Maschinen, wird eine Veröffentlichung der OECD zitiert. So stehe „Standortsicherung“ und nicht die menschliche Entwicklung im Fokus von Erziehung und Bildung.

Die Staaten, die sich in der Kultur nicht auf die Rechtsaufsicht beschränkten, sondern strategisch-inhaltliche Richtlinien aufoktroyieren wollten, seien gleichzeitig nicht in der Lage, sich dem „erpresserischen Druck einer profitorientierten, finanzmarktgesteuerten Ökonomie zu entziehen bzw. dieser Grenzen zu setzen“. Im Gegenteil von diesen Staaten werde ein Eigentumsrecht geschützt und entwickelt, das die Fehlentwicklungen der Wirtschaft nicht nur ermögliche, sondern begünstige. Dass nicht nur Waren und Dienstleistungen, sondern auch Verfügungsrechte Unternehmen, Geldkapital, Grund und Boden sowie Arbeit käuflich seien, sei die „wesentliche Ursache der wachsende soziale Ungleichheit auf unserem Planeten“.

Mangelnde kulturelle Autonomie

In der Übergriffigkeit des Staates im Kulturbereich sieht Strawe auch eine Ursache für den verstärkt zu beobachtenden Wunsch nach Abspaltung kleinerer Staatsgebilde als scheinbaren Ausweg aus diesem Konflikt. Mangelnde kulturelle Autonomie für Minderheiten spiele hier eine verhängnisvolle Rolle. Wenn der Staat alle privaten und kulturellen Angelegenheiten regele, wolle man in ihm die Mehrheit haben und so entscheiden, wie man leben möchte, zitiert Strawe in diesem Zusammenhang Eckhard Behrens. Hier gebe es in Europa durchaus noch mehr Potenzial für Konflikte: Katalonien, das Baskenland, Flandern, Südtirol und „am Ende vielleicht auch Bayern?“

Als bedrohlich stuft Strawe auch die Lage in der Ukraine ein und gibt dem Altbundeskanzler Helmut Schmidt Recht, der auf allen Seiten „Schlafwandler“ in der Politik am Werk sieht, wie sie von Historiker Christopher Clark für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verantwortlich gemacht werden. Es sei mit Händen zu greifen, wie der Gedanke des Nationalen mit dem Staatsgedanken und mit ökonomischen Interessen verquickt „Zwietracht unter die Menschen sät“.

Auch für die anderen Krisenherde der Welt wie Gaza, Sudan oder Irak gelte: Wenn die Frage nicht gelöst werde, wie man auf einem Territorium friedlich zusammenleben könne und solle, bestehe immer wieder die Gefahr, dass Konflikte für eigensüchtige Interessen ausgenutzt würden, dass der Dialog ende und zur Waffe gegriffen werde. Ethnische und religiöse Konflikte bildeten den Hintergrund, wobei auch willkürliche Grenzziehungen, die nach dem Ersten Weltkrieg erfolgt seien, immer wieder eine Rolle spielten.

Dreigliederung

Als Konsequenz fordert Strawe, sich vermehrt für den Dreigliederungsgedanken einzusetzen. Trotz aller Fortschritte, die im Einzelnen durchaus zu beobachten seien, seien die grundlegenden Erfordernisse der Dreigliederung „Freiheit für das Geistesleben, Gleichheit für das Rechtsleben und Geschwisterlichkeit“ für das Wirtschaftsleben nicht wirklich umgesetzt. Eine „Fülle von Aufgaben“ warte darauf, angepackt zu werden.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn „der Dreigliederungsimpuls bei einer kritischen Minderheit der Menschen eine größere Resonanz fände“, wenn sie z.B. in den Sozialwissenschaften eine größere Rolle zu spielen beginnen würde. Hier sieht Strawe auch Hindernisse in der Dreigliederungsbewegung selbst, die überwunden werden müssen.

NNA-News/ung

(Zitate aus Hrsg. Initiative Netzwerk Dreigliederung, Sozialimpulse Nr. 3 September 2014, S.12/13)