„Die Seelen unserer Kinder sind leichter geworden“

Pädagogische Nothilfe für eine traumatisierte Generation

Das Ausmaß der humanitären Katastrophe im Gaza-Streifen ist enorm. Ein 14-köpfiges notfallpädagogisches Team der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V., die bereits seit den kriegerischen Ereignissen im Jahre 2008/09 pädagogische Nothilfe im Gaza leisten, konnte Ende Oktober 2014 den hermetisch abgeriegelten Gaza-Streifen für einem zweiwöchigen humanitären Hilfseinsatz betreten.

+c1-4-Bild1.psd
Morgenkreis

Ziel der pädagogischen Nothilfe in der Kriegsregion war die psychosoziale Stabilisierung traumatisierter lokaler PädagogInnenen und TherapeutInnenen, die Beratung palästinensischer Eltern im Umgang mit traumabedingten Verhaltensweisen ihrer Kinder sowie die notfallpädagogische Akut- und Frühintervention zur Stabilisierung traumatisierter Kinder und Jugendlicher.

„Ich kann nicht mehr schlafen“: Traumatisierte Fachkräfte benötigen Hilfe

Mohammed (51) ist Psychologe in Gaza-Stadt. Im Krieg verlor er bei einem Raketenangriff auf sein Haus seine ganze Familie. Er verdankt sein Leben dem Umstand, dass er während des Angriffes nicht zu Hause war. Seither wird er von Ängsten und Albträumen heimgesucht und leidet an massiven Schlafstörungen: „Ich schlafe höchstens eine halbe Stunde in der Nacht. Sonst liege ich wach und wälze mich auf meiner Matratze hin und her bis es wieder hell wird. Ich habe große Ängste!“. Außerdem plagen Mohammed quälende Schuldgefühle, weil er den Tod seiner Familie nicht verhindern konnte und selbst überlebte.

+c1-4-Bild2.psd
Traumapädagogik

Andere HelferInnen haben überhaupt keine Gefühle mehr oder sind emotional instabil. Was Kinder nach einem Trauma jedoch am dringendsten benötigen, sind stabile Erwachsene, die zur Beruhigung des Kindes beitragen können. Deshalb ist es in Kriegs- und Katastrophenregionen für die Traumabewältigung bei Kindern von zentraler Bedeutung, zunächst das pädagogische Fachpersonal und psychosoziale Helfer zu stabilisieren und sie so wieder zu befähigen, traumatisierten Kindern und Jugendlichen professionelle Hilfe anbieten zu können.

„Hier ist kein Platz mehr sicher“: Traumatisierte Kinder benötigen sichere Orte

In Deir el Balah steht das vierjährige Mädchen Halla unbeteiligt und apathisch am Rande notfallpädagogischer Kreisspiele. Ihre Mutter Saidaa, 45 Jahre, berichtet, dass das Dorf am fünften Kriegstag angegriffen worden sei. Als Saidaas Haus von einer Granate getroffen wurde; flohen ihre Kinder panisch und irrten verstört und orientierungslos durch die Straßen des Dorfes. Zu den Toten in Abu al Ajeen gehört auch Hallas Bruder Abbas. Halla leidet seit den Angriffen unter massiven Ängsten und Schlafstörungen. Wie fast alle Kinder geht Halla nicht mehr alleine zur Toilette, sie nässt wieder ein. „Ich trage sie nachts zur Toilette. Ich habe alles verloren und keine Wäsche mehr zum Wechseln“, klagt ihre Mutter. Ratlosigkeit und Verzweiflung sind ihr ins Gesicht geschrieben.

Wie meist in kriegerischen Konflikten ist auch im Gaza-Streifen die Not der Kinder und Jugendlichen besonders groß. Nach UN-Angaben starben 494 Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren durch Angriffe, annähernd 3.000 Kinder wurden bei den Kampfhandlungen verletzt. Viele haben ihre Familie verloren. Laut einem UN-Bericht „ist davon auszugehen, dass jedes Kind im Gaza-Streifen von der Krise betroffen ist und psychologische Unterstützung braucht“.

Kinder brauchen sichere Orte, um ihre traumatischen Erlebnisse verarbeiten zu können. In Zusammenarbeit mit dem Nawa-Centre for Culture and Arts wurden während des Nothilfeeinsatzes Schutzräume für Kinder in Beit Hanoun, Abu al Ajeen und Deir el Balah errichtet. Sie sollen den Kindern und Jugendlichen innere und äußere Sicherheit bieten. In den Schutzzentren werden altersgemäße Methoden der Traumabewältigung geboten, traumatisierten Kindern wird Sicherheit, Struktur und Kontinuität vermittelt und der Aufbau von neuem Vertrauen in sich, den Mitmenschen und die Umwelt ermöglicht.

„Ich bin verrückt geworden“: Traumatisierte Eltern benötigen Erziehungsberatung

Der kleine Norhan (7) aus Abu al Ajeen will Tag und Nacht nur noch in den Armen seiner Mutter sein, um seine Angst kontrollieren zu können. Norhans Lehrer berichtet der Mutter Shahad (45), dass der Junge nach dem Krieg in der Schule unaufmerksam geworden sei. Norhans Schwester Afnan (10) war laut Erzählung der Mutter vor dem Kriegsausbruch eine fleißige Schülerin. Jetzt würde sie sich nicht mehr konzentrieren können: „Ich habe begonnen, meiner Tochter ins Gesicht zu schlagen, damit sie wieder besser aufpasst. Ich glaube, ich bin verrückt geworden“, sagt Shahad unter Tränen.

+c1-4-Bild3.psd
Kinder in Gaza

Derartige Berichte über traumatische Reaktionen und Symptombildungen erhält das Notfallteam bei Elterngesprächen im Gaza-Streifen in vielen Variationen. Kinder zeigen als Folge traumatischer Erlebnisse oft psychosomatische Reaktionen oder Verhaltenssymptome, die für Eltern und ErzieherInnen eine pädagogische Herausforderung darstellen: Ängste, Bettnässen, Schulverweigerung, oppositionelles, delinquentes Verhalten und traumabedingte Dissoziationen. Viele Eltern sind in Folge ihrer eigenen schweren Traumatisierung nicht mehr in der Lage, empathisch auf die Bedürfnisse ihrer Kinder einzugehen. Andere Eltern sind verzweifelt und verstehen das Verhalten ihrer Kinder nicht. Diese Hilflosigkeit im Umgang mit psychotraumatischen Symptomen macht Elternberatung unumgänglich. Deshalb richteten die NotfallpädagogInnen in Gaza-Stadt, Deir el Balah und Abu al Ajeen Elternsprechstunden ein, in denen den Eltern der Umgang mit traumabedingtem Verhaten näher gebracht wurde.

„Die Seele ist leichter geworden“: Der Aufbau traumapädagogischer Schutzzentren

Viele Kinder und Jugendliche erlebten im Gaza-Streifen innerhalb von sechs Jahren den dritten Krieg. Während die Traumata des letzten Krieges noch nicht verheilt sind, kommen bereits neue Kriegstraumatisierungen dazu. Es ist ein Zustand fortdauernder, sequentieller Retraumatisierung, der durch die transgenerationale Weitergabe unbewältigter Traumata noch verstärkt wird.

Vor diesem Hintergrund ist es besonders wichtig, dass neben notfallpädagogischen Akutinterventionen nachhaltige traumapädagogische Strukturen zur langfristigen psychosozialen Stabilisierung der Kinder aufgebaut werden. Die Freunde der Erziehungskunst planen daher in Kooperation mit dem Nawa Centre for Culture and Arts den Aufbau einer Ambulanz für Notfallpädagogik in Deir el Balah. Hier sollen traumapädagogische Seminare zur Fortbildung pädagogischer Fachkräfte durchgeführt und eine Beratungsstelle für Eltern angeschlossen werden. Außerdem ist der Aufbau von Kinderschutzzentren in Abu al Ajeen, Deir el Balah und in Beit Hanoun vorgesehen, um für traumatisierte Kinder und Jugendlichen soweit möglich sichere Orte zu schaffen, wo sie in der Verarbeitung ihrer Erlebnisse unterstützt werden können und welche verlässliche Beziehungsangebote bieten.

Dass die notfallpädagogischen Maßnahmen rasche Erfolge erzielten, konnte anhand vieler Reaktionen evaluiert werden: an muskulärer Entkrampfung, am Nachlassen traumatischer Symptomatik wie Bettnässen, Albträumen, Bewegungsunlust usw., an der Wiederkehr des Augenglanzes im Blick der Kinder und an ihrer zunehmenden Freunde, wieder Kind sein zu dürfen. Auch die Eltern haben die Veränderungen ihrer Kinder rasch registriert. Negav (54), Mutter von neun Kindern, äußert beim Abschied in Deir el Balah: „Was Ihr uns gegeben habt, ist mehr wert als viel Geld!“ und Nourshin (35), eine Mutter von fünf Kindern, fügt hinzu:“Das war etwas für die Seele. Die Seelen unserer Kinder sind leichter geworden!“

Bernd Ruf

Fotos: © Freunde der Erziehungskunst