‹Die City›: Das gut geführte Unternehmen

Wer nach Paris fährt, unternimmt weniger eine Stadt- als eine europäische Zeitreise. Nicht nur die Straßenzüge, auch das sich in ihnen abspielende Leben, seine Gepflogenheiten, sein Rhythmus, seine Institutionen (das Café, der Zeitungskiosk, das alteingesessene Geschäft), halten in ganzen Quartieren zumindest an der Schwundstufe einer bürgerlichen Ära fest, die in Deutschland längst ihr Ende gefunden hat. Unwillkürlich fühlt sich der östliche Besucher under-, gegenüber bettelndem Leid aber auch overdressed. Und während er das erste Mal durch das lebendige Freilichtmuseum an der Seine schlendert, erstaunt ihn zunächst nichts so sehr wie das Andere, das Neue der nur ein paar Zugstunden entfernten Welt, die er jenseits des Rheins behaust.

So muss es wohl auch der Stuttgarter Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer, die zwei Jahre lang in Paris gelebt hat, gegangen sein. Denn gedanklich begibt sie sich immer wieder in die viel gerühmte, einst als ‹großer Bibliothekssaal› verklärte ‹Hauptstadt des 19. Jahrhunderts› (Walter Benjamin), um den Blick auf ein heimisches Gebilde zu schärfen. Dem hat der Sensationssprech zwar längst einen Namen verpasst. Es ist bisher, glaubt man der Autorin, jedoch kaum wahrgenommen oder bedacht worden.

City ist für Schlaffer also nicht einfach nur ein neumodisches Wort für ‹Innenstadt›. Hinter dem Ausdruck konstatiert sie ein Phänomen, das jedem aufmerksamen heutigen Stadtbewohner in Umrissen geläufig ist: Die Globalisierung des Stadtzentrums bei gleichzeitiger Provinzialisierung. Einerseits ist der Stadtkern zunehmend ein Warenhaus international aufgestellter Ketten und Investoren. Andererseits sorgt vor allem das per S- und U-Bahn-Netz oder PKW angeschlossene Umland dafür, dass seine Straßen vor Leben pulsieren denn in den vor nicht allzu langer Zeit ausgebombten, nun auf maximale Wirtschaftlichkeit ausgelegten Zentren deutscher Großstädte wohnt kaum noch jemand. «Die City, scheinbar Knotenpunkt der Weltwirtschaft, ist gleichwohl keine Weltstadt. City  das ist eine Provinzstadt, die global vernetzt ist. […] Die alte Opposition Metropole  Provinz besteht nicht mehr.» Das neue Stadtzentrum ist, vergleichbar einem Shoppingcenter auf der grünen Wiese, ‹hergestellte› und ‹besuchte Stadt›. Und letztendlich ‹ein gut geführtes Unternehmen›.

Damit einher geht nach Schlaffers Beobachtungen nicht nur eine geschichtsarme Beliebigkeit des architektonischen Stadtbilds; die City bringt auch eine neue Öffentlichkeit hervor. Deren Protagonist ist eine friedliche, unauffällige Menge, die sich den Freuden der Partizipation am allgemeinen Wohlstand hingibt: Dem verdienten wie gesellschaftlich notwendigen Müßiggang in Form des Konsums. Alles Randständige oder auch nur Extravagante in den inneren Pariser Stadtbezirken noch sichtbar hat in der City keinen Platz mehr. Es stört die demokratische Gleichheit aller, die, als Glücksversprechen, immer wieder erkauft werden muss (und dank einer Niedrigpreiskultur auch erkauft werden kann). Als Symptom für die quasi systemisch legitimierte Konsumlust erachtet Schlaffer das Straßenleben im Zentrum. In seinem Mittelpunkt stehe, so die durchaus überspitzte These, der gemeinsame Verzehr von Speisen und Getränken. Diesem dienten, nur schlecht getarnt, auch alle möglichen Feste oder Veranstaltungen in der ‹geplanten Stadt›. Für Hannelore Schlaffer geht Demokratie hierzulande, und zunehmend in ganz Europa, wesentlich durch den Magen.

Ihr Essay wäre nicht brisant, sondern nostalgisch, deutete seine Polemik nicht auf die Errungenschaft und die Gefahr, also die Ambivalenz der urbanen und gesellschaftlichen Entwicklung. Denn: Die «demokratische Vereinigung, deren Schauplatz die City ist», geht vollkommen entpolitisiert vonstatten. In der begrüßenswerten Aufhebung gesellschaftlicher Gegensätze manifestiert sich eine unschuldige Infantilität. Die Teilhabe am Konsum, eine Bedingung für die Befriedung der Gesellschaft, wird zu ihrem selbstverständlichen Zweck.

Nimmt man die Autorin beim Wort und dazu gibt ihr umsichtiger Blick in das Brennglas City allen Anlass hieße das: Die Zivilisiertheit der gelebten bundesdeutschen Demokratie ist die einer wiederkäuenden Schafherde. Solange die Weide im Saft steht, muss man sich um sie keine Sorgen machen.

Maximilian Pötzsch

Literaturhinweis:

Buch: Hannelore Schlaffer ‹Die City. Straßenleben in der geplanten Stadt›, Klampen Verlag 2013, 169 Seiten, 18,- EUR.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 28/2014