Das Herz wird nicht dement

Ethische Gesichtspunkte zu Autonomieverlust und Körperpflege

Bilder von pflegebedürftigen alten Menschen, die auf Unterstützung beim Essen, beim Waschen, bei Inkontinenz angewiesen sind, bewegen wohl jeden, der über das eigene Altwerden nachdenkt. Tatsächlich vermögen die vielen ermutigenden Beispiele vom selbstbestimmten, würdigen Senium angesichts von über 2,7 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland kaum, die Unausweichlichkeit des Autonomieverlustes im Alter zu relativieren. So stellt sich die Frage, wie ein Leben in der Angewiesenheit als ein würdiges, weil sinnvolles geführt werden kann.

Scham ist ein geistiger Schmerz

Zwei Vorstellungen vom Alter sind besonders angstbesetzt. Der Verlust mentaler Fähigkeiten durch eine Demenzerkrankung und die Abhängigkeit bei Körperpflege und Ausscheidungen. Die zynische, aber oft ernst gemeinte Option, «in der Demenz kriegt man das ja dann wenigstens nicht mehr mit», unterstreicht, wie Urteile über das Leben von Demenzkranken und pflegebedürftigen Menschen kaum das Ergebnis empathischer und differenzierter Wahrnehmung und Einfühlung sind. Tatsächlich können Demenzkranke das gesamte Spektrum der Gefühle von Schmerz, Wut, Trauer, Freude und Glück erleben. «Das Herz wird nicht dement!»

Angewiesenheit ist nach einem selbstgestalteten, selbstbestimmten Leben für die meisten Menschen sehr schmerzlich. Schamgefühle begleiten den Verlust von Orientierung und Kontrolle über die Leibesfunktionen. Scham ist wie Schuld ein geistiger Schmerz. Beide stellen das eigene Selbstbild radikal infrage. Die Erkenntnis der nackten Körperlichkeit ist, wie uns der Mythos vom Sündenfall erzählt, ein ursprüngliches Schamerlebnis, das mit der Erkenntnis der Schuld zusammenfällt, das heißt mit der Entzweiung vom eigenen Wesen. So ist verständlich, wenn der Verlust der mentalen und körperlichen Selbstverfügungskraft mit dem Verlust der Menschenwürde gleichgesetzt wird.

Allein, der bloße Verlust, das Unvermögen, die Nacktheit und die Angewiesenheit sind nicht entwürdigend. «Die Würde des Menschen ist unantastbar!», erkannten die Verfasser des deutschen Grundgesetzes und verwarfen damit alle Versuche, die Würde des Menschen an irgendwelchen Eigenschaften wie Rasse, Religion, Geschlecht, Gesundheit oder Intelligenz festzumachen. Es ist nicht entwürdigend, wenn jemand seinen Namen nicht mehr weiß oder seine Ehefrau nicht mehr erkennt; es ist nicht entwürdigend, wenn jemand seine Ausscheidungen nicht mehr kontrollieren kann. Aber ist es nicht eine Beleidigung des Menschseins, wenn einem Menschen, der seiner selbst nicht mehr mächtig ist, Unverständnis, Spott und Untätigkeit widerfährt? Nicht die Angewiesenheit ist entwürdigend sie ist auf allen Gebieten unseres Lebens selbstverständlich, immer brauchen wir andere Menschen , sondern erst die Abweisung des Angewiesenen stellt die Menschenwürde infrage. Die Abweisung verzerrt das Menschenmögliche.

Entlastung schaffen

Die Waschung des Intimbereichs eines Erwachsenen, der seine Ausscheidungen nicht kontrollieren konnte, ist eine unmittelbare Befreiung aus einer peinlichen Not. Die Orientierung über Tag und Ort, selbst über den eigenen Namen und wenn dieser nicht mehr wichtig ist die Achtung vor einem Namenlosen ordnet, schafft Raum und Licht. Ob Peinlichkeit und Scham oder das Gefühl der Entlastung und Frische dominieren, liegt an der Kunst des Pflegenden. Wenn es gelingt, leicht und bewegt, klar und bestimmt mit wenigen Handgriffen Entlastung zu schaffen, wird etwas gut gemacht, wird eine Wunde geschlossen, wird Frieden gestiftet. Es ist die Qualität des Wassers, die hier im Denken, Fühlen und Wollen erscheint. Im Denken als Lösung und Formung, im Fühlen als rhythmisches Fließen, im Wollen als Leichte und Kraft. Den Pflegenden (!) erfüllt Dankbarkeit, wenn aus Angewiesenheit Angenommenheit wurde. Gehört es nicht zum Höchsten, einen Namenlosen erkennen zu dürfen?

Rolf Heine

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 38/2014