Unsere Nahrung

Die Erde ernährt uns „food from the earth“

Dazu bearbeiten wir sie. Wir betreiben Landwirtschaft. Die Landwirtschaft in umfassendem Sinne, die bearbeitete Natur ist Herkunftsort unserer Nahrungsmittel.

Und umgekehrt: Was wir morgen essen, steht heute auf den Feldern. So wie wir essen, so wird Landwirtschaft betrieben. Als Landwirt arbeitet man draußen und auf großer Fläche man kann nichts verstecken, was man macht. Alle können es sehen. Das heißt, wir können an den Agrarlandschaften und an den Ställen sehen und riechen, wie wir uns ernähren. Zu 90 bis 95 % ist dies traditionell, konventionell, industriell. Die 5 10% anders bewirtschafteter Fläche stehen für eine Lebenslandwirtschaft, die echte Lebensmittel erzeugt. Da gibt es verschiedene Richtungen und Ansätze, die aber alle miteinander verwandt sind. Was hat die biodynamische Landwirtschaft in dieser kleinen Familie für eine Stellung, für eine Aufgabe? Nun, sie ist verwandt mit allen lebensschonenden, artgerechten, lebensgesetzlichen Richtungen. Dann ist sie auch verwandt mit den weitergehenden landwirtschaftlichen Ansätzen, die wesensgemäss arbeiten, die regenerative Prozesse fördern und kultivieren. Aber sie geht darüber hinaus. Sie ist ihrer eigentlichen Bestimmung nach eine Menschen-Landwirtschaft, eine menschengemässe Landwirtschaft. „Der Mensch wird zur Grundlage gemacht“, ist ein Kernsatz aus dem Landwirtschaftlichen Kurs von Rudolf Steiner. Das Model, das Urbild, der Archetyp, nach dem nur die anthroposophisch inspirierte Landwirtschaft betrieben wird, ist der Mensch in seiner leiblichen und seelischen Ausgestaltung und in seiner geistigen Bestimmung. Wir sprechen zum Beispiel von der „Landwirtschaftlichen Individualität“. Individualität als landwirtschaftlicher und agronomischer Begriff eizuführen, ist schon eine kleine Revolution. Dies ist ein rein menschlicher Begriff. Tiere sind ja keine Individualitäten und Engel und Erzengel auch nicht. Dann arbeiten wir mit den Präparaten. Die Ingredienzien sind aus der Natur: Pflanzenblüten, tierische Hüllen und die Kräfte der Jahreszeiten aber die Substanzen, die entstehen, sind reine Kulturprodukte. Und sie sind ja Träger von Fähigkeitskräften. Das ist durch und durch kultivierte Natur, vermenschlichte Natur, zukunftsbefähigte Natur. So wie wir Menschen Wesen im Werden sind, wie wir als erwachsene Menschen uns selbst erziehen, vielleicht einen Schulungsweg anstreben, so führen wir die Natur in ein Werden in eine Entwicklung, die über die geschöpfte Natur hinaus geht. In diesem Vergleich können wir vielleicht die Präparate ansprechen als „verstofflichte Meditationen“.

Die Nahrung ist für den Menschen „food for men“

Ganz kurz: Der Mensch ist auch ein Verbrennungsapparat, und Essen kann auch wie das Füllen eines Tankes sein. Wenn man eine Jungmannschaft am Tisch hat, ist das alltägliches Erlebnis.

Der Mensch ist auch eine Gesundheitswesen und Essen kann und soll auch Vitalität, Lebenskräfte vermitteln und salutogenetisch wirken.

Der Mensch ist auch eine Genusswesen und ein ästhetisches Wesen und Essen soll auch schön sein, gut sein, die Gemeinschaft fördern.

Der Mensch ist auch und seinem innersten Kern nach ein geistiges Wesen. Am kürzesten und prägnantesten kann man diese Geistdimension fassen in der Fähigkeit zur Freiheit und Verantwortung. Frei aus Einsicht und Erkenntnis zu handeln. Also nicht nur das sich befreien von etwas, sondern das freie sich hinwenden zu einer Aufgabe ist das Eine. Für die Folgen aus diesem freien Tun dann die Verantwortung zu übernehmen nicht fortzulaufen, sondern aus den Konsequenzen lernen für die nächste freie Tat, ist das Andere. Freiheit und Verantwortung zwei michaelische Qualitäten. Die können wir nicht essen. Aber das Essen, die Nahrung soll uns dazu disponieren. Das kann sie eben wenn sie so durchgestaltet, reif, ausbalanciert ist wie biodynamische Nahrung. Dies gibt die inneren Spannkräfte, die den Ball hoch springen lassen, die es mir potentiell erlauben, den höheren Menschen im Alltagsmenschen wirksam werden zu lassen.

Die Nahrung ist zum Teilen „food is for sharing“

Damit kommen wir zu den sozialen und sozioökonomischen Fragen rund um die Nahrung und Ernährung. Essen ist ja auch ein egoistischer Akt. Den Apfel, den ich esse, kann ein Anderer nicht auch noch essen. Er ist weg. Ich habe ihn verschluckt. Jetztsind wir 7 Milliarden Menschen auf der Erde. Wir wissen, dass eine Milliarde hungert. Wie kann ich mich solidarisch dazu verhalten? Soll ich ein „Bisschen“ weniger essen? Soll ich weniger Fleisch essen? Es gibt ja viele Empfehlungen.

Ich habe anhand des Weltagrarberichtes gelernt, dass das Welthungerproblem mit den Zahlen in Milliarden ein abstraktes Problem ist, das es so in der Realität nicht gibt. In der Realität gibt es konkrete Orte, wo Menschen leben und an diesen Orten muss auch die Nahrung wachsen, die sie brauchen. Wir produzieren aktuell 4600 Kalorien pro Person und Tag, wir brauchen aber 2500. Wir produzieren also fast das Doppelte, das heisst, rein theoretisch können wir heute schon die 10 bis 12 Milliarden ernähren von denen alle sprechen im Hinblick auf 2050. Aber das ist reine Theorie. Denn zwischen dem Feld und dem Magen schmeisßen wir die Hälfte weg. Viele dieser Kalorien sind schlechte Kalorien, sie nähren nicht, sie füllen. Wir haben eine Milliarde Fettleibige heute auf der Erde, die gehören ins Gesamtbild. Also konkret und praktisch geist-praktisch müssen wir unser Denken verwandeln. Es gibt keine „Welthungerproblem“, sondern wir brauchen in allen Regionen, in denen Menschen leben, die Nahrungsmittel für diese Menschen. Also nicht mehr Nahrungsmittel, sondern am richtigen Ort und in guter Qualität. Daran kann ich mich orientieren für mein freies verantwortliches Verhalten in der Ernährung. „Food is for sharing“ heisst heute nicht mehr weniger zu essen, sondern es heisst, so zu essen, so zu kochen, so einzukaufen, so zu handeln, so anzubauen, dass meine Brüder und Schwestern an ihrem Ort in Afrika, Asien, Amerika, Australien ihre Ernährungssouveränität ausbilden können. Es ist schlicht eine Frage der Menschenwürde und die kann ja jeder nur für sich realisieren und gegenseitig haben wir sie uns zu ermöglichen.

Ueli Hurter

Gekürzter Text erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 28, 11.7.14