Meditation weltweit

Vom Treffen der Goetheanum Meditation Initiative Worldwide vom 3. bis 6. Juli 2014

Am Lagerfeuer

Mit dem Bild der Karawanserei, jener Raststelle auf den langen Reiserouten von Ost nach West, gab Christine Gruwez dem Treffen einen geistigen Anker. Wenn man mit der Karawane diesen Halt erreicht, werden die Lasten von den Kamelen genommen und kleine Glocken am Hals klingen, wenn die Tiere sich dafür niederknien. Beim Beladen am nächsten Tag läuten sie von Neuem, aber jetzt mit anderem Sinn. Wie damals, als die Reisenden am Lagerfeuer Ruhe von der Reise fanden, unter dem Sternenhimmel sich Erlebnisse austauschten, so sei es nun, wenn hier an Meditation Interessierte von China bis Kanada sich austauschten. Auch wir, so Gruwez, sind Reisende, oft durch die Wüste, und versammeln uns jetzt am Feuer.

Das Bild erinnerte mich an eine wiederkehrende Erfahrung bei gemeinschaftlichen Sternbeobachtungen. Man hebt den Blick und ist hingegeben an die stellare Pracht, bis jemand beginnt, von sich zu erzählen. Aus der erhabenen Ordnung, dem Geist über uns, wird der Geist in uns, vielleicht weniger transparent, weniger strahlend, aber umso greifbarer, umso wirklicher und gegenwärtiger. Darum ging es während der ganzen Zusammenkunft, den Blick von den Sternen zum anderen Menschen zu lenken. Robin Schmidt vom Vorbereitungskreis hat es zum Abschluss der Tagung mit einem Zitat von Levinas unterstrichen: «Das Verhältnis zur Zukunft ist das Verhältnis zum anderen.» In der Anthroposophischen Gesellschaft ist die Formel ‹Erwachem am Seelisch-Geistigen des andern› so alt wie deren Gründung, aber damit ernst zu machen, liegt heute in der Luft. Ein großer Bestandteil des Treffens waren sogenannte Meditations-Labs. Je sieben oder acht Personen stellten ihre Übwege vor.

Von der Wahrheit zur Wahrhaftigkeit

Gehörte es bisher zum Ton, mit Ätherleib und Lemurien, Doppelgänger und zwei Jesusknaben vertraut zu sein, zählte hier, von eigenen Übwegen berichten zu können. Wie ein Teilnehmer aus Moskau. Das Leben hatte ihm einen Finger und einige Zähne genommen, so saß er massig gegenüber. Die Rosenkreuzmeditation wollte ihm kaum gelingen, bis er einen ‹proletarischen› Weg gefunden hatte. Er fällt im Geist einen Baum, nimmt ihm die Äste und schabt Rinde ab, schneidet Balken daraus, die in kochendes Pech getaucht werden. Jetzt, so erzählte er, könne er den Tod des Holzes fühlen. So ging es weiter und die Gefühlsdichte blieb uns sechs Mitreisenden lange haften. Bodo von Plato hatte am Eingang des Meditationstreffens betonte, dass Wahrheit zu besitzen Gräben schaffe, während Wahrhaftigkeit Brücken bilde. Dieser Gedanke erinnerte an Erich Fromms Gegenüberstellung von ‹Haben› und ‹Sein›, und um dieses Sein, so schlicht und anfänglich es sein mag, zu befestigen und empfänglich zu machen, ging es an den Tagen.

Heilige Spiele

Dazu half auch ein Kunstgriff des Vorbereitungskreises. Jeder der Teilnehmenden sollte für die Tage sich mit einem Begleiter, einer Begleiterin verbinden. Wieder die Erfahrung, wie schnell ein Unbekannter bekannt werden kann und so neues Sein entsteht. Dem eigenen Hochmut zu begegnen, ist oft unangenehm, an dem Meditationstreffen geschah es mit Augenzwinkern. So stellten sich einige der Vorbereitungsgruppe im Kreis auf und warfen sich erst einen, dann zwei und schließlich gleichzeitig drei kleine Bälle zu. Wie langweilig sieht es von der Zuschauerperspektive aus und welche Offenbarung ist es, wenn man selbst im Kreis steht und aus allen Richtungen die Bälle kommen. Wie schwierig es ist, das Bewusstsein sich vom Punkt zum Feld zu erweitern. «Für mich sind es heilige Spiele», sagt Bart Vanmechelen vom Vorbereitungskreis. Dass diese Gruppe sich mehrere Wochenenden zur Vorbereitung getroffen hat, das ist spürbar. So wie in der Seele vermeintliche Klugheit und Wirklichkeit im Spiel, ja im Kampf sind, so ist es im Plenumsgespräch. Aber man hört auf, sich über eine altkluge Meldung zu ärgern, sondern lernt zu fragen, wer jetzt diese Untiefe heilen könnte.

Quo vadis

Zum Schluss fragte Nathaniel Williams für die Vorbereitungsgruppe, worin man die Identität und die Perspektive dieser Goetheanum-Worldwide sehe. Meine Antwort fällt deutlicher aus als vor einem Jahr, beim letztjährigen Treffen: Es gibt viel Geschriebenes über die Schulung des Denkens und auch des Willens, aber kaum etwas über die Entwicklung des Gefühls, der Empathie. Es ist kein Zufall, dass die internationale Kindergartentagung an Pfingsten dem Gefühl galt und auch die heilpädagogische Jahrestagung im Oktober nach einer Gefühlskultur fragt. Und häufig sind es Missgunst und Argwohn, mangelnde Kultur des Gefühls, die anthroposophische Unternehmungen von innen gefährden. Es überrascht nicht, dass Arthur Zajonc, der vielfach dem buddhistischen Geist begegnet ist, zum Kern der Verantwortlichen zählt, denn es ist wohl vor allem der Buddhismus, der in der Kultivierung und Befriedung des Gefühls seine Stärke hat.

Ich wünsche der ‹Goetheanum Meditation Initiative Worldwide› langen Atem beim Bewirtschaften der anthroposophischen Gefühlslandschaft. Die Mantren Rudolf Steiners, so Bodo v. Plato im Hochschulgespräch, seien auf Langsamkeit angelegt. Das gilt auch für diese Aufgabe einer meditativen Gefühlskultur. Anders als in der Karawanserei setzen wir uns nicht ans Feuer, um beisammen zu sein, sondern wir kommen zusammen und mit einem Mal lodert das Feuer.

Wolfgang Held

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 28/2014