Buchtipp:

Die Überwindung der Sprachlosigkeit

Gespräche mit einem Alzheimer-Kranken

Mit dem Buch „Die Überwindung der Sprachlosigkeit“ legt die Autorin Valerie Gutmann einen ungewöhnlichen Dialog zwischen ihr und ihrem an Morbus Alzheimer erkrankten Mann vor. Durch den Fortschritt der Demenz ist Rolf, der zeitlebens in voller beruflicher Verantwortung stand, zur Sprachlosigkeit verurteilt, kann sich verbal nicht mehr ausdrücken und ist geistig scheinbar für seine Umwelt nicht mehr erreichbar. Seine Frau Wally, die als Pädagogin arbeitete und ihren Ausdruck in künstlerischen Tätigkeiten findet, entdeckt in ihrer Verzweiflung darüber, dass die Kommunikation zu ihrem Mann abreißt, eine sensitive Möglichkeit über die körperliche Pflege hinaus mit ihm in Kontakt zu treten.

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Valerie Gutmann: Die Überwindung der Sprachlosigkeit. Gespräche mit einem Alzheimer-Kranken. Novalis Verlag 2010. 210 S., EUR 18,-, ISBN 978-3-941664-13-5

Mit sogenanntem automatischen Schreiben vermag sie Botschaften zu empfangen, die ihr, wie sie sagt, von Verstorbenen „diktiert“ wurden. Eines Tages öffnet sie sich mit Papier und Stift ihrem kranken, aber verstummten Mann: „Mein lieber Rolf, willst Du mit mir sprechen?“ Und die Antwort „Ja!“ fließt sogleich aufs Papier.

Ein berührender Dialog entsteht in den folgenden Monaten, in dem er sich über seine Wahrnehmungen und sein Bewusstsein mitteilt, seine Probleme und Wünsche. Neben dem Motiv weiter mit ihrem Mann geistig verbunden zu bleiben, beseelt beide Menschen auch das Ziel, Anregungen für den Umgang mit Alzheimer-Kranken und deren Pflege weiterzugeben.

Das Thema des Buches, der grenzüberschreitende Dialog mit einem Menschen, der scheinbar nicht mehr in der Lage ist, zu kommunizieren, berührt sehr. Die ansteigende Zahl von Menschen, die nicht nur altersbedingt in die Demenz gleiten, in eine Vergesslichkeit und Abschottung vom Außen, erreicht zunehmend Aufmerksamkeit. Eine Pflege von Menschen mit Demenz ist betreuungsintensiv und umso mehr kraftzehrend, da wenig bis gar keine Kommunikation möglich scheint. Nicht nur der Erkrankte auch Angehörige, die die Pflege übernehmen, erleben viele Stunden der Einsamkeit. Aussagen über ein inneres Bewusstsein, Gefühle und Gedanken von Menschen in einem fortgeschrittenen Stadium der Demenz liegen aufgrund der versiegenden Mitteilungsfähigkeiten nicht vor. Dass doch ein reges Innenleben stattfindet, auch wenn dies nach außen nicht hör- und sichtbar ist, mag ein liebender Angehöriger, ein mit ganzer Seele beteiligter Pfleger, spüren. So eindringliche Äußerungen, wie in dem Buch niedergeschrieben, die darauf aufmerksam machen, wie sehr dieser Alzheimer-Erkrankte Anteil nimmt und dankbar ist für die Geduld, Achtsamkeit, beständige Ansprache und Gegenwart seiner Frau, vermögen nicht nur die Barrieren der Sprachlosigkeit zu überwinden, sondern auch eine Brücke zu einem bewussten Miteinander zu bauen.

Die Autorin Valerie Gutman, geboren 1933 in Estland, absolvierte an der Universität in Freiburg ein „Studium Generale“, u.a. bei dem Philosophen Martin Heidegger und dem Parapsychologen Hans Bender. Danach studierte sie Malerei, Pädagogik und Kunsterziehung an der Akademie der Bildenden Künste in München. Bis zu ihrer Pensionierung arbeitete sie als Kunsterzieherin und wirkte kreativ als Malerin.

Red./Michaela Frölich

Foto: © Novalis Verlag