Jedes Jahr ein Jahr des Kindes

Je besser im heutigen Mainstream, desto weniger Zuwendung zum Kind. Die Französin Corinna Maier schrieb gerade den Bestseller ‹No Kid, 40 Gründe›. Doch bei der Entstehung des Christentums waren drei Kinder die Wegbereiter. Dabei war nicht nur zu Weihnachten ‹Weihnachten›, sondern auch zur Johannizeit. Goethe erlaubte sich diese Provokation.

Zu Beginn von Goethes Roman ‹Wilhelm Meisters Wanderjahre› begegnet dem Wanderer eine heilige Familie und mit ihr zwei Knaben, die Kirschen essen und zu denen sich Wilhelms Sohn Felix gesellt. Es ist Johannizeit. Ist durch das ganze Jahr hindurch Weihnachten? Das Fest des Kindes gibt es über das ganze Jahr hin, nämlich dreimal. Zuerst wurde am Dreikönigstag das königliche Kind geboren, was die Ostkirchen als ihr Weihnachten feiern. Ein halbes Jahr später, eben zu Johanni, wurde Johannes der Täufer geboren. Seine Eltern Zacharias und Elisabeth mussten nicht mehr mit ihm fliehen. Die herodianische Kinderverfolgung war vorbei. Dann, gegen Ende des Jahres, wurde in der Nacht zum 25. Dezember das dritte heilige Kind geboren, dessen Leib einst am Kreuz hängen wird. Dieses Weihnachtskind feiern die Westkirchen. Der 25. Dezember ist also nicht der Anfang des Geburtenreigens der drei heiligen Kinder, sondern sein abschließender Höhepunkt. So ist eigentlich das ganze Jahr hindurch Weihnachten und erst recht eben immer dort, wo Kinder sind.

Kinder humanisieren die Welt

Die größten Künstler der Renaissance, Leonardo da Vinci mit seinem Schüler Bernadino de’Conti wie auch Raphael Santi haben wohl etwas von diesem offenbaren Geheimnis der beiden Jesuskinder und des mit ihnen verbundenen Johannesknaben ahnend gewusst.1 Kannten sie dieses Motiv aus den Ausmalungen Tessiner Bergkirchen?2 Was liegt diesem Geheimnis zugrunde? Nicht ein einzelner Mensch kann der Träger des Christus sein.3 Er lebt in dem, was sich zwischen den Menschen in ihrem Zwischenraum vollzieht.

Kinder humanisieren die Erwachsenenwelt, denn wo sie sind, geschieht unmittelbar ein solcher Urvorgang des Zwischenmenschlichen. Doch Eltern sehen oft in ihren Kindern bloß ein Stück von sich selbst. Das ist zwar biologisch-erbgutmäßig der Fall, birgt aber die Gefahr in sich, die ureigene Individualität des Kindes nicht zu sehen, sondern es nur als Besitz zu betrachten, mit dem man meint, machen zu können, was man will. Man liebt in seinen Kindern nur sich selbst. Dagegen hilft am besten der Gedanke der Wiederverkörperung. Das heißt: Geistig stammt das Kind von sich selbst ab. Es kann reifer und weiser veranlagt sein als seine leiblichen Vorfahren. Und doch haben die Eltern das Verfügungsrecht über ihre Kinder im Vertrauen zugesprochen bekommen, dass sie es recht machen, haben sie doch die reichere Erdenerfahrung dem Kinde voraus. Rudolf Steiner warb für das Elternrecht in der Erziehung mit dem Satz: Der einzige berechtigte Egoismus ist der Elternegoismus (für die eigenen Kinder).

Helfen, wo die Not am größten ist

In vielen Krankenhäusern werden inzwischen 40 bis 50 Prozent aller Geburten operativ per Kaiserschnitt durchgeführt, sodass schon das Kind unnötigerweise narkotisiert zur Welt kommt wodurch ein erhöhtes Entwicklungsrisiko in Kauf genommen wird. Die Krankenhausverwaltungen stehen unter hohem Kostendruck so bringt eine operative Geburt erheblich mehr Geld ein als eine natürliche Geburt. Dann kommt die Säuglingszeit. Man will sich nicht zu sehr binden und legt dem Kleinen die laufende Kassette ins Körbchen: «Mothers heartbeat baby feels well while mother is shopping.» Wie praktisch. Der Kleine bekommt Mutters Herzschlag vorgespielt, so als ob er bei ihr schlafen dürfe und wird belogen. Dann kommt die Kinderwagenzeit. Auch hier gilt die Parole: nicht zu stark binden. Man kauft einen Wagen, in welchem das Kind nicht mehr die Mutter sieht, sondern vor sich die riesigen Lastwagenräder und die grelle Werbebeleuchtung. Dahinter steckt die primitive Psychologie, dass sich in der sensiblen Phase der Prägung das Gehirn durch möglichst viele Sinnesreize erst so richtig differenzieren wird die Folge der sensualistischen Doktrin von John Locke aus dem 17. Jahrhundert.

In einem vom Staat inhaltlich befreiten Bildungswesen leben alle freien Kindergärten und Schulen von dem Geschenk der Eltern, von sich aus ihr Bestes anderen Menschen anzuvertrauen. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg waren schon freie Landerziehungsheime entstanden. Ihre Vertreter lehnten eine vollgültige Erziehung innerhalb der Städte grundsätzlich ab, ja machten Steiner einen Vorwurf daraus, in einer solch großen Stadt wie Stuttgart eine zukunftsträchtige Pädagogik begründen zu wollen; das ginge nur in Gottes freier Natur. Steiners Antwort war: Gerade dort, wo die Not der Kinder am größten ist, wollen wir helfen. Heute ist es anders als nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg nicht mehr die äußere Not, sondern in unseren inzwischen erreichten hochtechnologisierten Gesellschaften die Wohlstandsnot, die das zwischenmenschliche Verantwortungsgefühl verarmen lässt. Zwischen Mensch und Mensch schieben sich die immer ausgefeilteren Kommunikationsmaschinen, denn man spricht de facto immer seltener miteinander und selbst die Kleinsten werden damit stillgehalten.

Verwechseln eigener Emotionalität und Individualität

Unsere Spaßgesellschaft weiß oft nicht mehr so recht, was sie mit ihren Kindern anfangen soll. Sie sind ihr ein nervenaufreibendes Übel geworden. Sie kann nicht mehr die eigene Emotionalität von der menschlichen Individualität unterscheiden, nicht den eigenen Astralleib vom eigenen Ich. Kinder werden vom Astralleib, weil nicht nur Spaß bescherend, als Belastung empfunden. Für das Ich in seiner Du-Fähigkeit hingegen sind sie ein unbeschreibliches Geschenk. Das waren sie immer und werden es immer sein. Aber was meist die Menschen als das Ich vermeinen, ist wie es der Seelenkenner Steiner einmal auf den Punkt brachte nur der Astralleib, vom Ich beschienen;4 also die innerseelische Subjektivität, die zwischen der eigenen Spaßbefriedigung und der wahrhaft beglückenden Zuwendung an das Du hin- und herschwankt. Dabei locken oft erst Kinder den Erwachsenen die Zuwendung heraus, die das Leben unmessbar bereichert.

Aber immer mehr Eltern Väter wie Mütter wissen trotz alledem nicht so recht, was sie denn nun mit dem Nachwuchs machen sollen, der plötzlich da ist. Das Kind ist, leiblich gesehen, ebenso schon vor wie nach der Geburt natürlicherweise ein Egoist und fordert oder nimmt sich, was es braucht. Seelisch und erst recht geistig ist es aber zugleich ein unglaublich du-fähiges Wesen, voll von schwer erschütterbarem Vertrauensvorschuss, mit einer Bindungsfähigkeit und Nachahmungsbereitschaft, die Ähnliches zwischen Erwachsenen meist völlig überragt. Die Spaßgesellschaft kann aber nicht mehr zwischen beiden Seiten des Kindseins unterscheiden. Dagegen hilft de facto nicht die wissenschaftliche Gesellschaftsanalyse noch der erhobene Zeigefinger, keine noch so gut statistisch gesicherten Ergebnisse über die Ursachen zunehmender psychiatrischer Erkrankungen durch frühkindlichen Bindungsverlust5 noch die bloße Aufforderung, doch bitte lieb zu den Kindern zu sein, weil beides bekanntlich nicht umgesetzt wird. Was hilft dann?

Die Madonnen Raphaels

Zumeist sind es die Kinder selbst, die ihre Eltern schon lieben, bevor sie da sind. Aber selbst das hilft ihnen nicht sicher. Eine große Hilfe ist die Kunst, zum Beispiel die Kunst des größten Malers der Hochrenaissance, Raphael Santi (14831520). Seit 500 Jahren hängen in Kinderzimmern, Wohnräumen, Kindergärten und Klassenräumen die Nachbildungen der Raphael’schen Madonnen. Am Anfang seiner Malerlaufbahn standen zwei Madonnenmaler der Frührenaissance: sein eigener Vater Giovanni Santi in Urbino und Pietro Vanucci in der Nachbarstadt Perugia, deshalb zumeist Pietro Perugino genannt. Noch in beider Stil malte Raphael seine ersten Mutter-Kind-Bilder, wenn auch schon von seiner mitgebrachten Genialität berührt. Dann ging er 1504 nach Florenz, wo er seinen eigenen Stil fand und wo die anrührendsten Verherrlichungen der reinen Mutter-Kind-Beziehung entstanden. Dann rief ihn 1508 Rom, wo er gerade auch in seinen Madonnen und Heiligen Familien die klassische Reife erreichte. Schon mit 37 Jahren starb der Frühvollendete, als er sich bei antiken Ausgrabungen in der Stadt das Sumpffieber geholt hatte. Seine letzten Madonnenbilder nahmen schon Anklänge an den bevorstehenden Manierismus und Barock an.

Überschaut man die Verwandlungen seiner Madonnen, so stellt sich aus der Fülle Überraschendes heraus: Sie werden alle einsam überragt von der Madonna Sistina.6 Von fast allen Madonnen sind die Entwurfskizzen erhalten geblieben und erlauben, dass man etwas von der Entstehungsgeschichte des einzelnen Bildes mitbekommt. Oft sind die Strichskizzen liebenswerte und liebenswürdige Italienerinnen. Die Umsetzung in das große farbige Gemälde bringt dann erst zumeist den Einbezug des Überindividuellen, Menschheitlichen, des Zeitlosen in der Zeit.Auf Reisen versäume man nicht, die Originale in den Museen der Welt zu besuchen. Das Kind der Kinder hilft uns darin, der Welt des Kindes das Vertrauen entgegenzubringen, mit dem sie uns vertrauen.

Die Antike und das Mittelalter sahen im Kinde einen kleinen Erwachsenen, der zu den kindhaften Seelen der damaligen Erwachsenenwelt nahtlos dazupasste. Philipp Ariès stellt heraus, dass es die historische Tat Raphaels war, erstmals die Eigenwelt des Kindes als eine besondere, ihm eigene Weise des Menschseins entdeckt und dargestellt zu haben.7 Im Laufe der bisherigen Neuzeit lebten sich dann die Kinderwelt und die Erwachsenenwelt auseinander. Raphaels Entdeckung ist aber auch zugleich die Hilfe, dass sie wieder ungebrochen zusammenfinden können.

Wolfgang Schad

1 Krause-Zimmer, Hella: Die zwei Jesusknaben in der bildenden Kunst, Stuttgart 20014 2 Schad, Wolfgang: ‹Christentum und Naturerkennen. Die Madonnen von Maggia›, in: Die Drei 1/1980, S. 2241; Wolfgang Schad: ‹Das Ich als Du›, in: Bind, Rudolf: Wissenschaft, Kunst, Religion, S. 7995, Dornach 1998 3 Steiner, Rudolf: Der innere Aspekt des sozialen Rätsels (GA 193), Vortrag vom 9. März 1919, Dornach 2007, S. 52 4 Steiner, Rudolf: Aus der Akasha-Forschung. Das Fünfte Evangelium (GA 148), Vortrag vom 17. Dezember 1913, Dornach 1992, S. 258 5 Reister, Gerhard/ Tress, Wolfgang: Psychosomatische Störungen im Erwachsenen- und Kindesalter. München, Basel 1990 6 Schad, Wolfgang (Hg.): Die Madonnen des Raphael Santi von Urbino, Ittigen/Schweiz 2008

7 Ariès, Philipp: Geschichte der Kindheit, München, Wien 1975.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 25, 20.06.2014