Vom Traum einer besseren Welt

Ob die 64 Felder des Schachspiels, die 32 Karten beim Skat-Kartenspiel oder das 105 mal 68 Meter große Fußballfeld: immer ist beim Spiel ein begrenzter Ort das Ein und Alles. Was in der großen Welt nie möglich ist, in der so abgezirkelten kleinen gelingt es: Alles ist bekannt, alle Regeln und Gesetze, alle Möglichkeiten und Zufälle. Die Sehnsucht, die ganze Welt fassen zu können, verstehen zu können, hier wird diese Sehnsucht für 90 Minuten gestillt. Dazu muss die große Welt vollständig draußen bleiben. Kein Maulwurf darf sich in den Fußballrasen graben, kein Flitzer darauf Haken schlagen, sonst ist das Spiel vorbei. Leichtfüßig und lustig kann ein Spiel nur sein, wenn seine Grenzen und Regeln unverletzlich sind. Wer sich ihnen nicht unterwirft, den nennen schon die Kleinsten ‹Spielverderber›.

Nicht nur Regelverletzung verdirbt das Spiel, Leidenschaftslosigkeit oder genauer Ziellosigkeit ist ebenso schlimm, denn auch hier erfüllt das Spiel eine Sehnsucht. «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen», sagen die Engel in Goethes Faust. Zum Leben gehört das Ziel, die Perspektive, doch meist ist dieser zukünftige Fluchtpunkt diffus, mehr dem Traum als dem Erkennen zugänglich. Anders im Spiel: Hier ist das Ziel unverhüllt, hier weiß jeder, wo es langgeht alle Unsicherheit ist abgeschüttelt.

Das Spiel ist deshalb der Traum einer besseren Welt, in der alle Gesetze selbst geschaffen, alle Bedingungen verstanden sind und das Ziel vor Augen ist. Deshalb werden Menschen, solange sie eine bessere Welt erhoffen, nicht aufhören, sich am Spiel zu begeistern, und immer neue Spiele erfinden.

Wolfgang Held

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. Goetheanum 27/2014