Christian Kreiß: Geplanter Verschleiß

Christian Kreiß, ehemaliger Investmentbanker und heute Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Aalen, ist unseren Lesern kein Unbekannter. Hat doch diese Zeitschrift immer wieder Beiträge von ihm abgedruckt, zuletzt einen höchst spannenden Artikel über den „geplanten Verschleiß von Produkten“ im Juniheft 2013. Darin beschrieb und vertiefte er Ergebnisse eines Gutachtens, das er mit dem Koautor Stefan Schridde im Auftrag der grünen Bundesfraktion verfasste und das in den Medien große Beachtung gefunden hatte. Es folgte das bemerkenswerte Buch „Profitwahn“, das den Autor weiter bekannt machte (vgl. die Besprechung in Heft 3/2013 Sozialimpulse).

Nun ist im Europa-Verlag Berlin ein Buch von ihm erschienen, das in gemeinverständlicher Form und gestützt auf zahlreiche nachvollziehbare symptomatische Beispiele den ökonomischen, ökologischen und sozialen Aberwitz von Produkten mit Verfallsdatum bloßstellt. Es handelt sich schließlich um eine „Preiserhöhung durch die Hintertür“, bei der der Verbraucher heimlich übervorteilt und die Umwelt geschädigt wird. Kreiß plädiert eindrücklich für eine nachhaltige Wirtschaft, die langlebige Produkte erzeugt. Letztlich zeigt sich, dass geplanter Verschleiß tiefe systemische Ursachen hat und dass die Heilung dieser Krankheit an der Wurzel nicht möglich ist, ohne tiefverankerte gesellschaftliche Strukturen anzutasten.

Das Buch ist stringent gegliedert in vier große, wiederum in sich aufgefächerte Kapitel. Zuerst werden Erscheinungsformen, dann Ausmaß und Auswirkungen sowie Ursachen und schließlich Abhilfen für das Problem diskutiert, wobei es beim letzten Punkt sowohl um politisch-gesellschaftliche Weichenstellungen als auch darum geht, was der Einzelne tun kann. Das erste Kapitel behandelt die historische Entstehung und stellt die Logik geplanten Verschleißes als profitsteigernde Absatzstrategie dar. Die eingesetzten Instrumente und die verhängnisvolle Rolle der Werbung bei der Verbrauchertäuschung werden ebenfalls erläutert. Das zweite Kapitel zeigt u.a. den unnötigen Verbrauch von Finanzmitteln, von materiellen Ressourcen, Energie und Arbeitszeit durch Obsoleszenz auf. Kapitel 3 beschäftigt sich mit Wirtschaftsordnung und Wachstumszwang als Ursachen; es thematisiert die mitursächliche Rolle der Medien, der Politik und der Wirtschaftswissenschaften im Hinblick auf die Probleme. In Kapitel 4 wird „auf makroökonomischer Ebene vorgeschlagen, Vermögen stärker zu belasten, eine Geldreform anzudenken sowie Werbung gesetzlich einzuschränken und zu verteuern“.

Durch diese gesellschaftspolitischen Maßnahmen sollen Gewinn- und Wachstumszwang in unserem Wirtschaftssystem vermindert oder eliminiert werden, der viele Unternehmen zur moralisch fragwürdigen Absatzstrategie „Geplanter Verschleiß“ drängt. Außerdem werden konkrete gesetzliche Einzelmaßnahmen gegen geplanten Verschleiß wie z. B. eine Verlängerung der Gewährleistungsfrist, Ersatzteil- und Reparaturregelungen usw. vorgeschlagen (Zitate s. Vorwort S. 13).

Das Buch bietet gründlich recherchierte und durchdachte Informationen und verhilft dem Leser nicht nur zu einem besseren Verständnis des Problems, sondern auch zu mehr Handlungskompetenz und Argumentationsfähigkeit. Die Lektüre sei wärmstens empfohlen.

Christoph Strawe

Literaturhinweis:

Christian Kreiß: Geplanter Verschleiß. Wie die Industrie uns zu immer mehr und immer schnellerem Konsum antreibt und wie wir uns dagegen wehren können. Europa-Verlag Wien Berlin München 2014. 240 Seiten. ISBN 978-3-944305-51-6, WG 1970, 18,99 Euro.

Erschienen in: Sozialimpulse 2/2014