Mit Essen die Welt verändern

Die Ernährungstagung am Goetheanum führte rund 180 Köche, Ernährungswissenschaftlerinnen, Landwirte, Hauswirtschaftslehrerinnen und Ernährungsberater aus mehr als 15 Ländern zusammen.

Essen ist keine Selbstverständlichkeit: Über eine Milliarde Menschen hungern, und wer etwas zu essen hat, ist möglicherweise allergisch oder ernährt sich vegan.

Jean-Michel Florin: Es ist noch schlimmer: Es gibt zudem rund zwei Milliarden Menschen, die an ‹hidden hunger› leiden, denen also wichtige Spurenelemente wie Eisen und Zink fehlen. Andererseits leiden mehr als eine Milliarde Menschen unter Fettsucht, Diabetes und anderen neuen ‹Zivilisationskrankheiten›, die direkt mit der modernen Ernährungsweise zu tun haben.

Was steckt hinter diesen Phänomenen?

Immer mehr Menschen erwachen an den Problemen der modernen industriellen Lebensmittelproduktion, etwa weil sie Allergien oder Intoleranzen entwickeln oder weil sie aus ethischen Gründen beispielsweise Massentierhaltung nicht mehr ertragen. Dieses Erwachen aus Mitleid zur Kreatur führt zunächst zu Gefühlen wie Scham und Ekel, dann dazu, dass diese Menschen ihre Nahrungsweise vollständig umstellen, beispielsweise auf vegan. Gewiss herrscht manchmal auch die egoistische Seite vor, um für sich selbst die beste Ernährung zu haben. Das kann pathologisch werden, etwa zum ‹zwanghaften Gesundessen› (Orthorexie).

Wenn uns einerseits Ernährung mit der Welt verbindet, wir uns aber andererseits aus ihr unsere eigene Substanz bilden, was geschieht dann an der Schwelle zwischen Weltbezug und Eigensubstanz?

Mit der Ernährung nehmen wir die Naturreiche in uns auf. Diese uns fremden Substanzen müssen von unserem Organismus wahrgenommen und integriert werden, sie werden verdaut, das heißt: Substanzen werden geschieden und andere behalten, aber total verwandelt, um unsere eigene Substanz zu werden. Sich ernähren ist Arbeit, sagt der Koch Joel Acremant. In der Zerstörung findet die Konfrontation mit den Lebensmitteln statt, und dadurch werden wir innerlich regsam. Wenn einer von diesen Prozessen nicht gut geht, werden wir krank.

Ist das Soziale beim Essen ‹nur› noch eine Kulturtradition, die sich im Zeitalter der Individualisierung überlebt hat?

Das Soziale beim Essen ist ein Gegengewicht zum egoistischen Aspekt der Ernährung: Wenn ich esse, denke ich zuerst nur an mich. Wenn ich das Essen mit anderen am Tisch teile, wird es zum sozialen Ereignis: Ich biete dem anderen das Brot, bevor ich mir ein Stück nehme. Abgesehen davon wird gemeinsames Essen neu entdeckt, um mit Freunden etwas Gemeinsames zu erleben.

Wie ist die Zusammenarbeit zwischen Produzenten und Verarbeitern?

Wir hatten ein Treffen der Köche mit einigen Landwirten während der Tagung. Die Stimmung war sehr lebhaft, und jeder hatte viele existenzielle Fragen zu besprechen. Zum Beispiel hat der Koch Mühe mit den Produkten des Landwirts, die nicht genug standardisiert sind. Auf der anderen Seite versteht der Landwirt nicht immer die Ansprüche einer Großküche (schnell, billig und doch gut und biologisch-dynamisch kochen zu müssen). So sieht meistens jeder die Probleme von seiner Seite, ohne die Blickrichtung der anderen Wirtschaftspartner zu bedenken. Aus den Gesprächen kamen neue Ideen: zum Beispiel die Küche wie den Hof auch als Organismus mit Beziehungen und Prozessen zu betrachten.

Das Kabarett Birkenmeier behauptete: Ernährung hat das Potenzial, die Welt zu verändern. Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Überhaupt nicht. Indem wir täglich essen, können wir uns täglich üben und damit viel ändern. Die Menschen wollen wissen, woher ihre Lebensmittel kommen. So trug der Boykott von Outspan-Orangen aus Südafrika mit dazu bei, das Apartheidregime zu beenden. Als ein junger Mann erfuhr, dass in Asien und Afrika Wälder für sein Palmöl gerodet werden, verzichtete er nicht nur auf dieses Öl, sondern änderte sein ganzes Ernährungsverhalten: Statt im Supermarkt einzukaufen, wurde er Mitglied einer Bio-CSA, also eines Gemeinschaftshofs. Im Essverhalten steckt also eine «(r)evolutionäre Kraft».

Welche Aufgaben haben sich die Tagungsteilnehmenden vorgenommen?

Für die nächsten Jahre gibt es entsprechend der recht unterschiedlichen Berufsgruppen ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Einige möchten die Ernährungsprozesse besser verstehen, um zu Kriterien für die Ernährung in verschiedenen Lebensaltern zu kommen: vom Kindergarten- und Schulkind bis zu alten Menschen. Die Sektion für Landwirtschaft möchte die Beziehungen zwischen den Partnern im Bereich Ernährung wie Landwirte, Verarbeiter und Köche fördern. Konkret war der Wunsch nach Treffen zwischen biologisch-dynamischen Landwirten und Köchen. Und es gibt den Wunsch, dass wir uns in Allianzen im Bereich Ernährung als Zivilisationsbrennpunkt einbringen.

Sebastian Jüngel

Jean-Michel Florin ist einer der Leiter der Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. Goetheanum 20/2014