Organspende Sie entscheiden!

Mit einer jungen Teilnehmerin des Berliner Kongresses im Gespräch.

Unter dem Titel „Organspende Sie entscheiden!“ fand am 9. und 10. Mai 2014 in Berlin ein Kongress statt, der vom Patientenverband Gesundheit Aktiv veranstaltet wurde. In Vorträgen und anschließenden Workshops mit Experten und Betroffenen wurden zahlreiche verschiedene Aspekte rund um das Thema Organspende beleuchtet und bewegt, um Kriterien für eine eigene Urteilsbildung zu finden.

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Beim Kongress v. l.: E. Brand, Milena, Madita, Carl.

Drei OberstufenschülerInnen der Rudolf Steiner Schule Witten stellten in diesem Rahmen gemeinsam mit ihrer Lehrerin, Eva Brand, ihr Schulprojekt zum Thema vor. Sie hatten sich in Arbeitsgruppen selbstständig mit ethischen, medizinischen und rechtlichen Fragen auseinandergesetzt und anschließend ein Oberstufenforum veranstaltet. Beim Kongress moderierten sie eine eigene Arbeitsgruppe und überraschten durch ihr Fachwissen und ihre intensive Beteiligung an den Gesprächen. Eine von ihnen, die 18-jährige Milena, die auch eine Jahresarbeit zum Thema geschrieben hat, hat in einem Interview mit dem Patientenmagazin „point“ berichtet, wie es ihr damit ergangen ist.

Point: Milena, Sie haben sich intensiv mit dem Thema Organspende auseinandergesetzt und sich auf unserem Kongress sehr mutig dazu geäußert. Was hat die Beschäftigung mit diesem komplexen und nicht gerade leicht zugänglichen Thema mit Ihnen gemacht?

Milena: Es gab sehr unterschiedliche Phasen. Zu Beginn war ich völlig fasziniert, habe sehr viel gelesen und hatte das Gefühl, ich werde richtig in das Thema hineingezogen. Dann gab es Zeiten, die nicht einfach waren, weil es einen doch sehr persönlich betrifft, wenn man sich mit dem Tod beschäftigt. Das zieht einen natürlich irgendwie runter. Es gab auch viel Frust - aber insgesamt würde ich sagen, ich habe ganz viel dabei gelernt.

Haben Sie Hilfe bekommen, als es schwierig wurde?

Ich hatte eine tolle Betreuungslehrerin. Sie hat mir ganz viel zugehört und mich immer ermutigt, einfach weiterzumachen, nicht aufzugeben und auf das zu hören, was mir mein Innerstes sagt.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie sich verändert haben?

Ja, ich denke schon, weil ich viele Fragen für mich bewegt oder auch geklärt habe, wie z.B. ob ich bereit bin zu akzeptieren, dass mein Todesprozess durch die Organentnahme nicht gerade ruhig wird - im Hinblick darauf, dass ich vielleicht das Leben eines Menschen erleichtern oder retten kann? Oder die Frage, was mit dem Bewusstsein und mit meiner Persönlichkeit in dem ganzen Prozess passiert.

Hat sich Ihre eigene Position zur Organspende geändert?

Als ich ganz am Anfang davon hörte, dachte ich nur, das ist eine gute Sache. Ja, warum soll ich das eigentlich nicht machen? Nachdem ich das meiner Familie verkündet hatte, kam die erste Diskussion auf und mir wurde klar, dass es so einfach nicht ist und ich mehr darüber nachdenken sollte.

Sie sind trotzdem bei Ihrer anfänglichen Meinung geblieben?

Ja, im Endeffekt schon, aber ich war zwischendurch durchaus an Punkten, wo ich dachte, ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob ich das jetzt wirklich will.

Welche Erlebnisse oder Gespräche haben Sie besonders beeindruckt?

Das Gespräch mit einer Organempfängerin war sehr ausschlaggebend, vor allem, weil sie in meinem Alter und in einer ähnlichen Lebenssituation war wie ich. Nach diesem Gespräch konnte ich mir zum ersten Mal wirklich vorstellen, wie es auf der anderen Seite aussieht, auf der Seite der Organempfänger. Das war für mich eine ganz wichtige Erfahrung. Am Tag zuvor hatte ich eine Organentnahme mitangesehen. Ich habe erlebt, dass es auch gut laufen kann. Ich hatte nicht das Gefühl, die Organe würden geraubt.

Sind Ihrer Meinung nach die heiklen Punkte auf dem Kongress genügend angesprochen worden?

Ich fand, dass ein sehr offenes Gespräch zustande kommen konnte, weil das Publikum kritisch war und auch die Vortragsredner. Ich fand die Beiträge sehr gut ausgewogen mit Argumenten, die dafür und dagegen sprechen. So gab es viel zum Nachdenken. Ich glaube, im Rahmen eines Kongresses kann man das eigentlich nicht viel besser machen. Die Detailarbeiten für die eigene Entscheidung muss natürlich jeder für sich selbst leisten.

Meine KlassenkameradInnen und ich hatten jedenfalls nach dem Kongress das Gefühl, wir haben da nochmal etwas Neues mitgenommen, neue Gedanken, neue Ansätze.

Und das, obwohl Sie vorher schon so ins Thema eingetaucht waren?

Ja, irgendwie geht mir das immer wieder so. In jedem Gespräch entdecke ich immer wieder irgendetwas Neues.

Was würden Sie anderen Jugendlichen raten, bevor sie einen Organspendeausweis ausfüllen? Gibt es z.B. eine empfehlenswerte Internetseite?

Es gibt so unglaublich viele und ich wüsste nicht eine Seite, die alles abdeckt.

Im Gespräch mit anderen reiße ich selbst kurz Punkte an, die meiner Meinung nach problematisch sind und weise darauf hin, dass sie sich genauer informieren oder darüber nachdenken sollten, ehe sie sich entscheiden. Aber ich sage auch, dass ich glaube, es macht keinen Sinn, sich eine Deadline zu setzen, bis zu der man sich entschieden haben will, denn es ist ein echt schwieriger Prozess!

Milena, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview ist erschienen in „point“, Ausgabe 15, Herbst 2014. Das Interview führte Sabine Phumdorkmai, © gesundheit aktiv

Foto: © GESUNDHEIT AKTIV