Paolo Bavastro: Patientenverfügung Vorsorgevollmacht

Sicherheit am Lebensende oder gefährliche Illusion?

Dott. Paolo Bavastro, Internist und Kardiologe, beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der Patientenverfügung und ethischen Grenzfragen der modernen Medizin. Er ist ein profunder Kenner der rechtlichen Rahmenbedingungen, wie sie insbesondere durch das am 1. September 2009 in Kraft getretene Gesetz zur Regelung der Patientenverfügung gegeben sind, welches er in seinem Buch kritisch kommentiert.

Ihm ist damit ein wichtiger Beitrag zur ethischen und juristischen Debatte über das Thema gelungen. Sein Buch wird vielen Menschen helfen, in der Praxis zu entscheiden, welche Vorsorge sie treffen können und sollen, für den Fall dass sie infolge schwerer Krankheit oder wegen eines Unfalls ihren Willen nicht mehr artikulieren können. Die Lektüre regt den Leser zu einer Auseinandersetzung mit Grenz- und Sinnfragen der menschlichen Existenz an, was im täglichen Leben hilfreich und inspirierend sein kann.

Die Patientenverfügung erscheint nur auf den ersten Blick als eine unproblematische Angelegenheit: Man schreibt auf, was man für den Fall der Entscheidungsunfähigkeit wünscht und das soll dann als verbindlich gelten. Bavastro zeigt nun auf, dass es sich hierbei um eine gefährliche Illusion handelt, die auf ethische und juristische Konstruktionen baut, die nicht tragfähig sind.

Eine Patientenverfügung bedeutet, so Bavastro, sich zum Gefangenen der Mutmaßung über das eigene zukünftige Wollen zu machen und damit auch Ärzte, Verwandte usw. in eine unmögliche Situation zu bringen. Alle Erfahrungen zeigen, dass das unterstellte „Willenskontinuum“ eine Fiktion ist und dass in Wirklichkeit zwischen dem mutmaßlichen künftigen Willen des Gesunden und dem tatsächlichen Lebenswillen des Kranken sich ein Unterschied wie Tag und Nacht auftun kann. Es ist also die Gefahr gegeben, sich mit einer Patientenverfügung in einer Situation höchster Verletzlichkeit selbst Schaden zuzufügen.

Bavastro berichtet beispielhaft von zahlreichen Patienten, bei denen gemäß Verfügung bestimmte lebenserhaltende Maßnahmen hätten unterbleiben müssen, und die dem Leben zurückgegeben zutiefst dankbar dafür waren, dass Ärzte sich aus Gewissensgründen über die Verfügung hinweggesetzt hatten (manchmal nach eingehender Diskussion in einer Ethikkommission).

„Eine Vorsorgevollmacht“, so Bavastro, sei „mit Abstand die sinnvollste Form, wenn man für die Zukunft vorsorgen möchte, sich aber dennoch nicht zum Gefangenen der eigenen Patientenverfügung machen will. Da im Zustand der Einwilligungsunfähigkeit prinzipiell stellvertretend über mich entschieden werden muss, sollte derjenige eingesetzt werden, der mein Vertrauen genießt.“ (S. 146) (Das gelte natürlich nur für den Fall, dass man überhaupt eine Regelung für das eigene Lebensende treffen wolle, was ja jedem selbst überlassen sei.) Besprochen wird auch die Problematik von Betreuungsverfügung, Bankvollmacht und Generalvollmacht.

Explizit nimmt Bavastro Bezug auf zahlreiche Aspekte der medizinische Menschenkunde R. Steiners, implizit leistet er einen Beitrag zur Debatte über Steiners Untersuchung der freien Handlung und der Rolle der Situationsgerechtigkeit im Rahmen der Entwicklung seiner Konzeption des ethischen Individualismus („Die Philosophie der Freiheit“). Dass offenbar kein anthroposophischer Verlag das Buch drucken wollte, mutet angesichts dieser Tatsache merkwürdig an.

Christoph Strawe

Inhalt des Buches

Vorwort | Entwicklung und Hintergründe | Die Aufgabe des Heilens: menschenkundliche Aspekte | Die Intensivstation: Angst vor der Apparatemedizin? | Die Aufgaben der Intensivmedizin | Einige Aporien oder Antinonomien | Einige Beispiele, die bedenklich stimmen | Juristische Entwicklung | Das vorerst letzte BGH-Urteil | Das Gesetz | Zusammenfassende Bewertung | Welche Folgen wird das Gesetz haben? | Häufig verwandte Begriffe | Verfügungsformen | Empfehlungen | Organspende und Vorsorgevollmacht | Anhang

Literaturangabe

Paolo Bavastro: Patientenverfügung Vorsorgevollmacht. Sicherheit am Lebensende oder gefährliche Illusion? Mit einer kritischen Betrachtung des neuen Gesetzes vom 1. September 2009. Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried 2013, 316 Seiten, 24,90 EUR.

Erschienen in: Sozialimpulse Nr. 4/2013