Überzeugen, Bezeugen, Zeugen ein Dreischritt

In der Politik, in der Wissenschaft, zwischen Freunden oder in der Vermittlung geisteswissenschaftlicher Forschungsergebnisse erweist sich das Sprechen als wirklichkeitsbildend. Sein Gedeihen hängt aber viel mehr vom ‹Wer› als vom ‹Was› ab. Gedanken zur Qualität des Dialogs.

«Überzeugen macht unfruchtbar», sagte Walter Benjamin irgendwann, irgendwo.

Diese Wortspielerei mit Tiefsinn erfreut jedes Mal, wenn sie erwähnt wird. Wenn man sich fragt, was ‹überzeugen› bedeutet oder auch was es bedeutet, eine Überzeugung zu haben, beinhaltet es etwas Identitätsstiftendes. Mit Benjamins Satz im Hintergrund fällt es jedoch leicht, die Unmöglichkeit des ‹andere überzeugen Wollens› zu empfinden. Einem Missklang kommt es gleich. Das Ich, das überzeugen will, zieht auf unangenehme Art das andere Ich zu sich, bindet es ein in eigene Kontexte. Das gegenüber seiende Ich erlebt (bei Wachheit) ein Eingesponnenwerden, ein nicht freiwillig vollzogenes Mitstehenmüssen. Und der ‹Überzeuger›, wenn er sich selbst beobachtet? Ihm fehlt die Fähigkeit, den anderen stehen zu lassen, sein zu lassen, frei zu lassen. Überzeugungsgespräche sind eher Diskussionen oder Debatten.

Ein ‹echtes› Gespräch hingegen, ein Dialog, setzt zwei anwesende, geistig wache und eigenstehende Gesprächspartner voraus, die vielleicht zu einer Art von ‹Bezeugung› füreinander kommen können, die sich als Zeugen füreinander erweisen. Man macht sich zum weißen Blatt Papier, auf welchem sich der andere aussprechen kann und die Möglichkeit erhält, sich selbst wahrzunehmen ein beidseitiges Vergnügen. Ein wohlwollendes ‹Bezeugen›, welches die Andersartigkeit des anderen ernst nimmt, findet sich in der Philosophie Martin Bubers (auch Dialogphilosophie genannt) stark ausgeprägt. Es ist eine Fähigkeit, die der Welt durchaus etwas mehr Friedfertigkeit schenken würde. Wenn ich mich entschließe, ein Zeuge zu werden, schafft das Freiraum.

Es ist lohnenswerte Arbeit, die ich für den anderen und mich leiste. Und doch kann es ein wenig ‹kitschig›-romantisch anmuten, wenn man davon ausgeht, dass es nur darauf ankomme; wenn man das ‹Bezeugen› nicht als einen Schritt auffasst, der noch woanders hinführen kann.

Ließe man das Präfix weg und nur das ‹Zeugen› stehen, also nicht das ‹Zeuge Sein› in seiner Zustandsqualität, sondern das ‹Zeugen› in seiner willentlichen Aktivität, welche eine Tat ist, eröffnet sich ein neuer Raum, wir eröffnen einen neuen Raum. Ein Drittes, welches erst und nur im Augenblick entsteht, hebt über das Verschieden- und Sosein der Gesprächspartner hinaus. Die Qualitäten der ersten beiden Schritte sind notwendiger Bestandteil einer Zeugung. Es braucht die Selbstwahrnehmung des ‹Überzeugers›, die sich durch die Fähigkeit der Wahrnahme des anderen bereichert, um zur Steigerung des gemeinsamen Zeugens zu kommen. Im zeugenden Gespräch ginge es nicht mehr darum, seinen eigenen Standpunkt durchzudrücken oder nur den anderen sich aussprechen zu lassen. Man würde eine Kathedrale im Nichtsinnlichen bauen, in der die Gesprächspartner die individuell situativen gegenwartenden Säulen sind für das, was im Moment durch sie gezeugt wird. Und erst hier wären die Beteiligten dann echte Zeugen für etwas sich durch sie oder zwischen ihnen Ereignendes. Man zeugt und ist zugleich Zeuge für etwas, was geboren werden will. Walter Benjamins Satz würde dann lauten: «Zeugen ist fruchtbar». Er verliert damit zwar seinen charmanten Witz, gewinnt aber Aktivitätscharakter.

Gilda Rhien

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 22/2014