Nicht das Gehirn - der Mensch!

Das Memorandum ‹Reflexive Neurowissenschaftt›, das vor Kurzem veröffentlicht wurde, sagt, was die Resultate der Hirnforschung nicht sagen können.

Milliarden werden für die Hirnforschung ausgegeben. Zum zehnten Jahrestag eines dazumal mehr als ambitiösen, hirndeterministischen Manifestes zu den erhofften Kapazitäten und Perspektiven der Neurowissenschaften publizierte Anfang März dieses Jahres die Zeitschrift ‹Psychologie heute› das Memorandum ‹Reflexive Neurowissenschaft›. Wissenschaftler von namhaften Universitäten ziehen Bilanz und die fällt keineswegs positiv aus. Es mangele vor allem an einer erkenntnistheoretischen Basis, mit der die durchaus auch bewundernswerten  Detailergebnisse erst sinnvoll deutbar werden können.

Die Kritik im Originalton

Zentrale Aussagen des Memorandums im Originalton: «Von einer Erklärung der gesamten subjektiven Aspekte der Hirntätigkeit [… wie] Geist, Bewusstsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit […] sind wir jedoch noch immer weit entfernt. […]Letztlich ist die Reduktion des Menschen und all seiner intellektuellen und kulturellen Leistungen auf sein Gehirn als ‹neues Menschenbild› völlig unzureichend. […] Es ist immer die ganze Person, die etwas wahrnimmt, überlegt, entscheidet, sich erinnert usw., und nicht ein Neuron oder ein Cluster von Molekülen. […] So wie man im Prinzip ohne Hirnrinde nicht denken kann, kann man ohne Arme keine Bäume fällen, ohne Beine nicht gehen und ohne Augen nicht sehen. […] Nicht das Gehirn erlebt, sondern der Mensch. […] Es geht also um nichts weniger als die Frage: Was ist der Mensch?»

Verwechslung von Bedingung und Ursache

Ganz neu ist die Diskussion nicht. Als früher und prominenter Vertreter der materialistischen Sichtweise wird gerne de La Mettrie angeführt, der 1746 in ‹Der Mensch, eine Maschine› schrieb: «Wenn es einem Schwachsinnigen […] nicht an Gehirn fehlt, so wird die schlechte Beschaffenheit dieses Eingeweides, z. B. seine zu große Weichheit, daran schuld sein. […] Ein Nichts, eine kleine Faser, ein Ding, das auch die feinste Anatomie nicht entdecken kann, würde aus Erasmus und Fontenelle zwei Toren gemacht haben.»

1916 kommentiert Rudolf Steiner diese Aussagen: «Nun, der Bekenner einer geistgemäßen Weltanschauung würde wenig Einsicht verraten, wenn er das Schlagende, das Selbstverständliche einer solchen Behauptung nicht zugäbe. Er kann sogar diese Behauptung noch verschärfen und sagen: Hätte die Welt jemals bekommen, was der Geist des Erasmus bewirkt hat, wenn seinen Leib irgendjemand erschlagen hätte, da Erasmus noch ein Knabe war?» Jeder menschliche Geist braucht seine physischen Bedingungen, um erscheinen und auf Erden wirksam werden zu können. Er selbst aber muss als Ursache für seine Erscheinung betrachtet und als solche an den Erscheinungen erforscht werden. «Das Seelische selbst, ist seinem Wesen nach von den Leibeswerkzeugen nicht abhängiger als der vor dem Spiegel stehende Beschauer von dem Spiegel. Nicht die Seele ist von den Leibeswerkzeugen abhängig, sondern allein das gewöhnliche Bewusstsein der Seele» so Steiner weiter.

Grundsätzliche Kritik

Die im Memorandum ‹Reflexive Neurowissenschaft› kritisierten erkenntnistheoretischen Mängel der Neurowissenschaften sind keineswegs ein Einzelfall in den modernen Biowissenschaften. Trotz aller Fortschritte in der Epigenetik werden noch immer Moleküle, Gene, Proteine oder auch deren Zusammenspiel als Ursache für den Organismus betrachtet. Und auf die Frage ‹Warum singen Vögel?› antwortet ein gerade erst im Springer-Spektrum-Verlag erschienenes Lehrbuch der Ornithologie mit: Die Muskeln, mithilfe derer der Gesang moduliert wird, «werden ihrerseits von Nerven aktiviert, die ihre Signale aus einem bestimmten Hirnareal empfangen (nXIIts-Bereich). Die eigentliche Schaltzentrale für den Gesang liegt im Gehirn […].» Wer das Memorandum vor diesem Hintergrund liest, findet eine weitreichende Kritik an der modernen, materialistisch-deterministischen Naturwissenschaft.

Ein Gang entlang der Grenze

Dennoch tun sich auch die Autoren des Memorandums mit einer eigenen Perspektive schwer. Wohin soll der Blick gelenkt werden, um zur Ursache, zur Natur, zum Wesen der Sache vorzudringen? Immer dann, wenn es eigentlich anstünde, von Geist zu sprechen, von Übersinnlichem  etwa von dem erlebenden Menschen, dann weisen sie auf ein ‹systemisches Denken›, auf ‹Mathematik› hin oder im besten Falle wird auf die Zusammenhänge ausgewichen, in denen ein Phänomen erscheint. Dabei bleibt der Blick auf die durch den Zusammenhang verbundenen physischen Bedingungen gerichtet, anstatt auf den Zusammenhang selbst. Ist bereits dieser geistiger Natur, umso mehr das Wesen, das diesen Zusammenhang letztlich stiftet beides ist erst einer seelischen Beobachtung zugänglich. Das Memorandum erscheint daher wie ein Grenzgang entlang einer Mauer des zum Greifen nahen Geistigen, in dem das jenseits der Mauer Liegende allein im Blick auf das Diesseits gesucht wird. Dennoch wie auch gegenüber Thomas Nagels Kritik am Darwinismus  kann den Autoren des Memorandums nur zustimmend zugerufen werden:

Endlich sagt das mal jemand!

Hans-Christian Zehnter

www.gehirn-und-geist.de/manifest

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 13/2014