Es lebe die Biene

Sie ist eines der kleinsten und zugleich das größte Lebewesen in der Landwirtschaft. Sie ist vielfältig bedroht und stellt dabei drei Fragen an uns. Es sind Schlüsselfragen, weil an ihrer Beantwortung die gesamte Ökologie zu hängen scheint.

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Biene an einer Ringelblume.

Weltweit gibt es nur zwei Arten Honigbienen, die in Hohlräumen im Wabenbau ihr Nest bauen: die westliche und die östliche Honigbiene, Apis mellifera und Apis cerana. Die Cerana-Biene ist in Asien verbreitet und lebt seit Urzeiten im Gleichgewicht mit der Varroa-Milbe. Diese Milbe ernährt sich ausschließlich vom Blut der erwachsenen Biene und ihrer Brut. Unsere Biene kennt die Milbe nicht und hat deshalb keinerlei Abwehrstrategie. Unsere Biene kann also nicht für ein Gleichgewicht sorgen und bringt dadurch sich und die Milbe in die Lage, beim Zusammenbrechen der Völker miteinander zu sterben.

Wir haben in Europa eine enge Korrelation zwischen sterbenden Bienenvölkern während der Überwinterung und ihrem Parasitierungsgrad. Man muss sagen: Die Milbe steht bei den Ursachen für das Bienensterben im Winter im Vordergrund. Aber sie steht in dem Sinne im Vordergrund, dass sie die anderen Belastungsfaktoren verdeckt. Dabei handelt es sich um Faktoren, die der Intensivierung der Landwirtschaft geschuldet sind. Die imkerlichen Betriebsweisen und der Einsatz von Arzneimitteln seien sie ökologisch oder nicht sind mehr oder weniger Teil dieser Entwicklung. Der Weg für die Praxis besteht aus meiner Sicht darin, sich klarer zu werden, was organische und was mechanische Elemente in unseren Betriebsweisen sind. Ein Beispiel: Ich hatte vorletztes Jahr praktische Prüfungen von zukünftigen Imkern abzunehmen. Als Erstes wurde ich von den Prüflingen gefragt: Wie alt ist die Königin? Falls sie ‹zu alt› wäre, sollte man sie gleich austauschen! Das Bienenvolk ist in der konventionellen Imkerei zu einem Baukastensystem verkommen. Bei der Bienenhaltung gehen wir mit konkreten Erscheinungen um, die von einem Wesen hervorgebracht werden. Ich bin überzeugt, dass es immer mehr auf unsere innere Haltung ankommen wird, wie gesund unsere Bienen sind.

Die einzelne Biene

Die Biene in ihrem feinen Haarkleid ist gegliedert in Kopf, Brust und Hinterleib mit den glänzenden vier Flügeln, die wie die sechs Beine vom Thorax, der Brust, abgehen. Nur die Fühler, die ‹Antennen› gehen vom Kopf ab. Ihr Körper hat wie bei allen Insekten seinen Halt durch ein Außenskelett, dem Chitin-Panzer. Die Biene hat kein zentrales Gehirn, im Kopf ist lediglich eine gewisse Konzentration an Nervenzellen. Ein dezentrales Strickleiter-Nervensystem ist vorhanden, vor allem als Bauchmark, es gibt kein Rückenmark. Das entspricht einem völlig anderen Bewusstsein als das bei Säugetieren oder gar beim Menschen. Es scheint kein Zentrum zu geben. Und wie atmet die Biene? Sie wird geatmet. Es gibt keine Lunge, kein zentrales Organ für den Gaswechsel. Sie öffnet sich für den Luftraum, der sie umgibt; die Außenluft gelangt über eine Reihe Öffnungen in Luftsäcke und fein verzweigte Röhren, sogenannte Tracheen, bis an die Orte, wo der Sauerstoff gebraucht wird. Die Antennen sind mit Tausenden Sinneszellen für Geruch, Geschmack und Tastsinneszellen besetzt Bienen riechen räumlich! Die Facettenaugen schaffen keine kreuzenden Sehachsen, dafür eine Hingabe an den Himmelsraum und die Landschaft. Die ganze Konstitution der Biene zeigt ein peripheres Bewusstsein, dem Umkreis, dem Kosmos hingegeben. Sie ist in unvergleichlicher Weise offen.

Das Bienenvolk

Es gibt etwas Gewaltiges und Wunderschönes zu entdecken, wenn wir Bienen im Volksganzen betrachten. Was bei der Staatenbildung geschieht, ist ein Quantensprung, eine Umstülpung der Natur des Individuums. Ein ganz anderes Wesen tritt uns entgegen: Eines mit kraftvollem Zentrum, erfüllt von seelischer Wärme, mit einem innenliegenden Skelett, dem Wabenwerk, das vom Himmel aufrecht herunterwächst. Ein Schlüssel dazu, dieses Lebewesen zu verstehen, ist die Gliederung seines Organismus in die drei Bienenwesen: Königin, Drohne und Arbeitsbiene. ‹Die› Biene gibt es nicht. Das Bienenwesen, der Bien, verkörpert sich in drei Tieren und zwei davon wurden noch nie auf einer Blüte gesehen.

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Bienenstamm.

Eine einzige Königin lebt im dunklen Zentrum des Volkes, im ‹stockdunklen› Bienenstock. Sie stiftet den individuellen Charakter des Volkes über ihren Duft und Erbstrom. Alle Individuen stammen von ihr ab. Mit einer ungeheuren Stoffwechselleistung legt sie am Tag 1500 Eier. Das ist mehr als ihr Körpergewicht, und sie wird wenn der Imker sie lässt fünf bis sechs Jahre alt. Eine unglaubliche Vitalität! Die Drohnen hingegen verkörpern in ihrem Leib und ihrem Verhalten den Nerven-Sinnes-Pol des Volkes. Sie können sich nicht selbst ernähren und sind empfindlich, ein wenig Kälte, und sie sind schlapp. Sie sind so wenig vital, dass sie sterben, wenn sie der Königin bei der Begattung ihr Sperma geben. Zu dieser geringen Vitalität gehört der große Sinnensapparat. Sie tragen ein Vielfaches an Sinnesorganen auf den Fühlern und ihre Augen umspannen den ganzen Kopf. Sie nehmen den Umraum wahr und vagabundieren von Volk zu Volk. Sie verbinden die Bienenstöcke der Landschaft.

Die Imme steht zwischen beiden. Sie wird auch in andere Völker hineingelassen, aber nur, wenn sie mit vollem Honigmagen kommt. Im Tages- und Jahresrhythmus verbindet sie die taghelle Landschaft mit dem Stockdunkel. Sie sammelt Harz der Knospen, Blütenstaub, Nektar und verwandelt all diese Stoffe. Aus dem Pollen macht sie das Bienenbrot, aus dem Nektar den Honig. All das geschieht in einem großen Konzentrationsprozess, was besonders schön am Honig zu sehen ist. Er ist zuerst flüssig und wird eingedickt bis zum Kristallinen. Diese fleißigen Immen lassen sich vom Geist des Bienenstockes in unterschiedlichste Organprozesse hinein organisieren.

Organprozesse

Der Bienenstock ist ein Organismus, der vielfältige Organe funktioneller Natur ausbildet. Bestimmte Tätigkeiten werden kontinuierlich ausgeführt. Die einzelnen Bienen aber wechseln dabei. Ein Teil dieser Tätigkeiten ist an eine bestimmte Drüsenaktivität gebunden. Jede Biene macht einen ‹biografischen› Reifungsprozess durch, in dem Futtersaftdrüsen, Wachs erzeugende Drüsen, Giftdrüsen usw. nacheinander einen Höhepunkt an Aktivität entfalten. Nacheinander tut dabei jede Biene zwar alles, aber was, wie viel, ... wie lange und wann sie etwas macht, das geschieht ohne Arbeitspbesprechung. Es läuft auch kein festes genetisches ‹Programm› ab. Was mich am meisten beeindruckt ist, dass sie sogar ihr Lebensalter nach dem richten, was nötig ist! Bei der grandiosen Leistung des Bienenvolkes braucht es uns nicht zu wundern, das wohl kaum an einem andern Tier weltweit so viel geforscht wird wie an den Bienen. Hier stößt die Naturwissenschaft an offenkundige Erkenntnisgrenzen.

Hinter dieser Zusammenarbeit des Volkes steht ein geistiges Wesen, es bringt sich in all dem zum Ausdruck, hat diese Erscheinungen hervorgebracht und tritt durch sie hinein in unsere physische Welt. Dieses Wesen nennen wir den ‹Bien›. Das Wort bekam seinen Stellenwert durch Ferdinand Gerstung, einen der Großmeister der Bienenzucht, durch sein bahnbrechendes Werk mit dem Titel ‹Der Bien und seine Zucht› Auss dem Jahr 1901.

Bestäubung, Biene und Landschaft

Jeder hat von der wichtigen Bestäubungsleistung der Bienen, dem großen volkswirtschaftlichen Nutzen und dem unverzichtbaren Stellenwert für die Biodiversität gehört. Die volle Wirklichkeit der Blütenbestäubung erschließt sich aber erst im Kontext dessen, was Rudolf Steiner ‹kosmische Befruchtung› nennt: Die Bienen helfen, das kosmische Urbild der Pflanzen immer wieder in die Frucht- und Samenbildung einzuweben und so der Erde die Saat zu bereiten. In diesem Prozess verbinden sie Himmel und Erde, und so ist natürlich die Liebe der Bienen zu den Blumen ein weiterer Schlüssel zum Verständnis des Bienenwesens.

Ich habe einen Freund, der hat nicht nur einen Hof und Bienen, sondern ein eigenes Flugzeug, das ist doch ziemlich selten. Er hatte mich eingeladen, den Flugradius seiner Völker mal von oben zu bestaunen. Die Fläche ist gewaltig, viele Quadratkilometer. Unfassbar, dass unsere Völker diesen Raum erfüllen und durchdringen. Dieser enormen Ausbreitung steht die Konzentration des Volkes im Bienenstock gegenüber. Bei Tageslicht atmet das Volk seine Bienen aus, nachts zieht es sich zusammen ins Dunkle des Stockes. Diese Urpolarität lebt das Bienenvolk im Tag-Nacht-Rhythmus und in den Höhepunkten des Jahreslaufes, in Winter- und Schwarmtraube. Der Bien atmet im Einklang mit der Erdennatur. Im Winter ist das Volk still zurückgezogen in den Schoß der Erde. Zu Johanni wirkt es in der innigen Durchdringung der Elemente und der Entfaltung alles Lebendigen. Diese große Gebärde können wir draußen miterleben und sie ist ein ideales Motiv für eine bienenfreundliche Meditation. Den landwirtschaftlichen Betrieb sollen wir als Hoforganismus verstehen und die Bienen sind ein Organ darin. Dieses Lebewesen ergießt sich über den Hof, nimmt ihn in sich hinein mit allem: mit Blüten, Tieren und Menschen. Die Bienen fragen uns Menschen heute etwas. Ihre Fragen werden immer lauter Sie fragen: Erkennst du mich? Fühlst du mich? Willst du mich?

Wenn wir uns am Duft und Klang der Bienen freuen, werden wir die Fragen beantworten können im Sinne der Bienen. Und damit wie könnte es anders sein: im Sinne des Ganzen. Und so mag ich mit dem Motto der Stiftung ‹Aurelia› schließen, die wir gerade gründen. Es lautet: «Es lebe die Biene!»wir gerade gründen. Es lautet: «Es lebe die Biene»!

Thomas Radetzki

Vorstand des Bienenvereins ‹Melifera›

Weitere Informationen zur Aurelia-Stiftung, die in Gründung ist: www.aurelia-stiftung.de

 

Fotos: Mellifera e.V.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 15-16/2014.