Verliebt in einen Stein

Am Anfang hört man nur das Klopfen von Hämmern und Meißeln auf Stein. Acht Wochen lang verbringen Studenten der Bildenden Kunst im ersten Studienjahr in Norwegen. Sie wohnen in Hütten auf einem abgelegenen Hof, versorgen sich in einer gemeinschaftlichen Küche selbst und haben die Arbeitsplätze direkt vor der Türe oder auf dem weitläufigen Gelände. Wer will, kann schon vor dem Frühstück an seinem Stein arbeiten.

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Mitten in der Natur mit Steinen arbeiten...

Andreas Kienlin, Professor für Bildhauerei, reist seit über zwanzig Jahren mit den Studenten nach Norwegen und ist überzeugt, dass „diese Erfahrung ein kostbares Fundament für die künstlerische Entwicklung ist“. Die Studenten suchen sich zunächst einen Stein aus der Umgebung und lernen mit dem Material und den Werkzeugen umzugehen, zunächst mit Hammer und Meißel in Handarbeit.

Den passenden Stein finden

Dann fahren alle zusammen in einen gigantischen Steinbruch, wo überall Steine liegen: Bruchsteine, gesägte Steine und riesige Blöcke. Jeder hat die Aufgabe bekommen einen Stein zu finden, „in den er sich spontan verliebt“. Und zwischen den Unmengen von Steinen findet jeder mehrere, die er unbedingt bearbeiten möchte. Das Ziel der späteren Arbeit ist dann, „den Ausdruck, den man in dem Stein erlebt hat, zu verstärken und diesen besonderen, zunächst unbearbeiteten Stein durch die bildhauerische Arbeit über sich hinauszuheben“, erläutert Kienlin. Dabei kommen dann auch Maschinen zum Einsatz. Es staubt, die Flex kreischt.

Fern vom Alltag

In der Abgeschiedenheit des Hofes heißt das Motto der nächsten Wochen dann: arbeiten, schlafen, essen. Es gibt kaum etwas anderes als den Stein, der auf seine Bearbeitung wartet keine anderen Verpflichtungen, keine Ablenkungen, kein üblicher Alltag. In dieser hoch konzentrierten Zeit kann und muss sich auch jeder die Frage stellen: Möchte ich wirklich Bildhauer werden, möchte ich Material verwandeln, möchte ich Stoff in eine neue Qualität bringen oder nicht?

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Auf einem abgelegenen Hof wohnen: Arbeiten, schlafen, essen.

 

Der Stein als Partner

Und natürlich gibt es auch Krisen. Es fängt an mit Blasen an den Händen und blauen Flecken. Denn jeder muss erst einmal lernen, mit dem harten Material umzugehen. Es erfordert Durchhaltevermögen und kontinuierliches Arbeiten. Im Laufe der Tage und Wochen wird der Stein zum Gegenüber, mit dem man ringt, den man aber auch lieben lernen muss, auf den man sich einlassen muss und von dem man sich leiten lassen muss. Oft müssen die jungen Künstler von ihrer ursprünglichen Idee ablassen, denn die Steine geben einen anderen Weg vor.

Am Ende werden dann alle Steine in große Holzkisten verpackt und für den Transport vorbereitet, zurück zur Hochschule nach Alfter, wo dann eine Ausstellung organisiert wird. Wenn dann die Steine ankommen „ist das ein tolles Erlebnis; da rundet sich die Sache!“ begeistert sich Andreas Kienlin.

Bildhauerei-Studium

Ende September beginnt das neue Studienjahr im Fach Bildhauerei an der Alanus Hochschule. Es gibt noch einige freie Plätze. Das Studium dauert vier Jahre und schließt mit dem Bachelor of Fine Arts ab.

Claudia Zanker

 

Fotos: Barbara Locher-Otto