AnthroposoWie?

Ein Klanggeschehen besonderer Art

Was passiert, wenn nach sehr langer Tradition die Vorbereitung der Jahresversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft in die Hände der Jugend gelegt wird? Mehr als 500 Teilnehmer durften dieses schöne Ereignis erleben!

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Am Nachmittag - Zusammenkünfte mit nicht enden wollender Gesprächsintensität.

Für vier Tage gestalteten sie die Räume und das Gelände der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart zu einem Fest der Begegnung. Die Vorbereitungsgruppe beschrieb im Eröffnungsteil ihr Anliegen und erzählte von ihrem Weg zum Thema dieser Tagung. Anthroposophie, wie sie an den verschiedensten Orten lebt und ausgestaltet ist, ist oft nur sehr schwer zugänglich für junge Menschen. Daher möchte man sich hier über die vielfältigen Wege und Methoden zum Geist austauschen, diese bewusst machen und vertiefen. Das Motto der Tagung in Form eines Zitates von Rudolf Steiner auf einem großen Banner im Saal sprach davon, dass es zwar nur eine Wahrheit gibt, aber viele Wege dahin. Und so gehe es bei dieser Begegnung nicht um richtig oder falsch; vielmehr möchte man dialogisch an dem je individuellen Weg zur Anthroposophie und damit zum Geist arbeiten. So sollte im besten Falle ein Raum entstehen, in den alle Teilnehmer als Teil des Geschehens einsteigen können, statt dem Geschehen gegenüberstehend nur aufzunehmen.

Die anspruchsvollen künstlerischen Einrahmungen trugen die Versammlungs- und Plenumsteile in besinnlicher Weise. Auf dem Podium entwickelte sich über drei Tage ein Gespräch mit fünf Menschen über ihren persönlichen Zugang zum Geist, ihre Erfahrungen damit und die Einbindung in ihren Lebensalltag. Diese fünf so verschiedenfarbigen Einblicke ermöglichten bei sensiblem hinhören, in der eigenen Seele die Komplementärfarbe zu bilden und damit mit der Frage nach dem intim-persönlichen Zugang zum Geistigen auf sich selbst verwiesen zu sein.

Ganz anders dann nachmittags die Zusammenkünfte mit der Überschrift „Wege zur Begegnung soziale Kunst“. Hier entspann sich nach anfänglich angespannt-erwartungsvoller Haltung eine reiche, nicht enden wollende Gesprächsintensität unter den Teilnehmern quer gemischt durch Jung und Alt, der man sich nicht entziehen konnte und wollte. Ereignen konnte sich dies auf der Grundlage der so frisch-freudigen Prozessgestaltung und -begleitung durch zwei junge Menschen aus der Vorbereitungsgruppe ein absolutes Novum bei einer Mitgliederversammlung. Die abzuarbeitenden Regularien, die ein Verein auch zu bewältigen hat, wurden auf der vorher geschaffenen Grundlage gut getragen, die Verantwortlichen für ihre geleistete Arbeit entlastet und die neuen Mitglieder des Arbeitskollegiums mit eindeutigen Wahlergebnissen bestätigt.

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Eurythmievorführung unter freiem Himmel.

Besonders zu erwähnen gilt es aber das Campus-Festival am Samstagabend als einen Stimmungs-Höhepunkt der Tagung. Der Vorbereitungsgruppe gelang es ein derart buntes Programm für diesen Abend zu gestalten, so dass sieben Veranstaltungen gleichzeitig, dafür aber mehrfach zu aufeinander folgenden Zeiten an verschiedenen Orten stattfanden, man aber dennoch der Qual der Wahl nicht entkommen konnte: Spannende Eurythmieveranstaltung unter freiem Himmel, Klang-Performance zu Fragmenten von Paul Celan, Szenen aus Peer Gynt, „Nacht-Lichtern“ begegnen als poetische Reise und einiges mehr. Für die nicht wenigen, die bei Tanzmusik auf dem Hof und rund ums Nacht-Café mit köstlichen Speisen und Getränken nicht nach Hause wollten, mischte sich überraschender Weise fast zur mitternächtlichen Stunde noch eine wunderbare Installation in Form einer bewegten Licht-Gestalt unter das Publikum und erreichte mit ihrer Übergröße dennoch die Herzen aller! Ein Erlebnis, das sich Worten entzieht.

Bezüglich der inhaltlichen Vertiefung, die in annähernd 20 Arbeitsgruppen gesucht wurde, kann ich nur aus der von mir miterlebten Gruppe berichten. In der Verbindung von inhaltlicher Entwicklung und Eigentätigkeit wurden drei Kerngebiete der anthroposophischen Praxis aufgesucht, die als Bedingtheit des Menschseins im 21. Jahrhundert verstanden werden können: Die Erfahrung des Nichts, die im Selbst aufzusuchende Frage nach Transformation und die daraus individuell neu zu fassende Verbindung zu Welt und Mensch. Auch hier war in der über drei Tage aufbauenden Arbeit sehr viel mehr zu erfahren als das, was hier seinen Niederschlag finden kann. Diese Arbeit an drei aufeinanderfolgenden Tagen bildete eine spirituelle Grundlage für diese schönen Begegnungen. Die nächste Jahrestagung wird vom 19. bis 21. Juni 2015 in Kassel stattfinden.

Monika Elbert

Erschienen in: Leben Anthroposophie Juli/August 2014, Rundbrief der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland

 

Fotos: Monika Elbert