Neue Gemeinschaften

Interview mit Regine Breusing und Hilmar Dahlem

Was die Coopera in der Schweiz ist, das sind die Hannoverschen Kassen in Deutschland, anthroposophisch orientierte Unternehmen der Altersvorsorge. Gespräch mit den Verantwortlichen der Hannoverschen Kassen Regine Breusing und Hilmar Dahlem über die Bedingungen einer neuen Kultur des Alterns.

Welche Fragen stellen sich heute in der Altersvorsorge?

Regine Breusing: In der Zukunft wird die Altersvorsorge wesentlich mehr Aufmerksamkeit und finanzielle Mittel erfordern. Das gilt persönlich aber auch für Einrichtungen, für Arbeitgeber. Wir sind als Hannoversche Kassen für viele anthroposophische Einrichtungen tätig. Vor dem Hintergrund der allgemeinen Entwicklung ist es für uns wichtig, über unsere Mitglieder hinaus eine möglichst sachliche und zielgerichtete Diskussion über dieses Thema in Gang zu setzen.

Gerade in der Pionierphase ist

das ja nicht der erste Gedanke.

Hilmar Dahlem: Richtig. Wenn man aber schaut, was seit etwa dem Jahr 2000 sozialpolitisch geschieht, was da eingerichtet wurde, dann ist das eine Entwicklung, die 2030 voll zum Tragen kommen wird. Das Rentenniveau wird geplant so weit herabgesetzt, dass man nur noch von einer Grundversorgung sprechen kann.

Das sind Schweizer Verhältnisse, wo die Grundversorgung nur 40 Prozent des Gehaltes ausmacht?

Dahlem: Das wird in Deutschland nicht anders werden. Nur sind hier die Gehälter niedriger. Wir haben das für einen Waldorflehrer durchgerechnet. Dessen Gehalt wird durchschnittlich mit 2700 Euro brutto angegeben. Selbst wenn er durchgehend eingezahlt hat, eine durchgehende Erwerbsbiografie besitzt, wird er 2030 etwa bei 1200 Euro ankommen und davon Wohnen, Krankenversicherung und alles andere bestreiten müssen. Das bedeutet, dass viele, die jetzt im Gehaltsniveau von gemeinnütziger Arbeit tätig sind knapp am oder unter dem Existenzniveau landen werden, wenn sie nicht darüber hinaus Vorsorge treffen. Das hat in Deutschland ja der Gesetzgeber veranlagt, dass es neben der gesetzlichen Altersvorsorge noch eine betriebliche und eine private Säule geben sollte.

Hier werden die Hannoverschen Kassen aktiv?

Breusing: Wir haben natürlich eine breite Palette an betrieblicher Altersvorsorge und das Waldorfversorgungswerk, das Lehrer an Waldorfschulen ermöglicht, aus der gesetzlichen Versorgung auszusteigen und eine bessere Leistung im Waldorfversorgungswerk zu haben. Aber uns geht es um das gesamte Feld der finanziellen Sicherung im Alter. Deshalb haben wir zum Beispiel mit dem Bund der Waldorfschulen seit einem Jahr einen Arbeitskreis ‹Alterversorgung›, wo Geschäftsführer verschiedener Schulen und Experten zusammenkommen. Das sind nicht alles Mitglieder der Hannoverschen Kassen, wir arbeiten da in einem größeren Zusammenhang. Uns kommt es darauf an, hier gemeinsam Bewußtsein zu schaffen und Wege zu finden, wie Einrichtungen sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

Begegnet Ihnen Altersarmut bei ehemaligen Waldorflehrerinnen und lehrern?

Dahlem: Ja, das begegnet uns stark. Das ist auch der Grund, dass wir im August 2012 mit dem Bund der Waldorfschulen begonnen haben, einen ‹Solidarfonds Altersversorgung› zu betreiben. Das ist gewissermaßen ein ‹Grundeinkommen auf Zeit› für Rentner im Waldorfbereich in Deutschland, das von Stiftungsmitteln und Spenden einzelner Schulen gespeist wird. Zurzeit für 1,5 Jahre mit Möglichkeit der Verlängerung für diejenigen, die unter ein Niveau von 1200 Euro fallen würden. Wir verbinden damit die Hoffnung, akute Not zu lindern und auch Raum zu schaffen, um die eigene Lebensplanung aktiv weiterzugestalten.

Worauf kommt es im Alter an?

Breusing: Die Überschrift heißt immer ‹menschenwürdige Entwicklung›, das ist unser Thema fürs Alter und Altwerden. Jeder Mensch braucht Geld für diese Gestaltung und dieses Geld schenkt natürlich auch Freiheit. Deshalb sagen wir, dass die Altersvorsorge in monetärer Form die Basis ist. Wissend, dass man Geld nicht essen kann, es einen nicht pflegt. Dann kommt die soziale Komponente dazu, dass wir ausgehend von den Bedürfnissen der Menschen nach Wohnprojekten und anderen assoziativen Elementen suchen. Hier kommt die Gemeinschaft ins Spiel, aber das funktioniert nur, wenn als Basis die finanzielle Sicherheit gegeben ist. Als drittes kommt die Sinngebung hinzu als ein zentrales Motiv des Älterwerdens, auch verbunden mit bürgerschaftlichem Engagement.

Liegt hier die Anthroposophie des Alterns?

Dahlem: Als Hannoversche Kassen sind wir damit beschäftigt, den Begriff ‹Neue Alterskultur› inhaltlich und praktisch zu füllen. Das haben wir intensiv bearbeitet, vor allem mit der Alanus-Hochschule und Professor Schneider, aber auch mit anderen Partnern wie der Stiftung trias. So haben wir ein gutes theoretisches Fundament gewonnen, was diese Frage betrifft. Es geht vor allem um drei Punkte: Eine Signatur der Gegenwart ist, dass die Individualisierung dazu führt, dass sich die Menschen in jeder Hinsicht neu erfinden müssen. Wir werden, wie es Prof. Schneider formuliert, eine neue historische Person. Individualisierung bezieht sich dabei auf die Kultivierung der eigenen Lebensführung und ist etwas ganz anderes als die Steigerung des Egoismus. Das wird bis in alle praktischen Angelegenheiten wie auch die Altersvorsorge immer wichtiger. Das Zweite sind die ‹neuen Gemeinschaften›. Alte Gemeinschaften basieren auf der Gleichheit, der Konformität von Interessen. Vor dem Hintergrund zunehmender Individualisierung besteht die Kunst darin, Gemeinschaft miteinander zu gestalten, wo diese Basis nicht mehr besteht, wo unterschiedliche Interessen und unterschiedliche Wege bestehen. Was ist dann das Verbindende für die Individuen, die ja weiterhin auch soziale Wesen sein wollen? Wir können heute nicht mehr vorschlagen, dass eine Schule für ihre ehemaligen Lehrerinnen und Lehrer doch ein Haus bauen soll. Weil dann doch die alten Freunde alle wieder beisammen sind im Alter. Da merkt man schnell, dass das so nicht geht. Wir müssen hier neue Formen von Gemeinschaft denken.

Ist das die Antwort auf die Frage nach einer >alternden Gesellschaft›?

Breusing: Der dritte Punkt heißt, dass wir ein neues Bild des Alterns brauchen. Heute schließt sich ja dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben eine neue, oft sehr aktive Lebensphase an. Wir werden heute nicht nur älter, sondern auch gesünder älter. Das Spannende wird sein, wenn wir das als eine Chance anschauen lernen, dann hat Alter mit einem Mal viel mit Aufbruch und Entwicklung zu tun.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 5, 31.1.2014