Lehrerbildung als Persönlichkeitsentwicklung

Forschungsprojekt an der Freien Hochschule Stuttgart zur Bedeutung von Kunst, Anthropologie und Persönlichkeitsentwicklung in der Lehrerbildung eine Vergleichsstudie zur Vorbereitung auf die Unterrichtstätigkeit an staatlichen Regelschulen und Waldorfschulen.

Muss eine Lehrkraft als „Master of Education“ zwei Fachwissenschaften studieren, um sie Schülern beizubringen“? Oder ist es möglich, sich als „Master of Arts“ durch Kunst, Anthropologie und Anthroposophie in „Erziehungskunst“ zu schulen, wie es in der Lehrerbildung für Waldorfschulen geschieht? Diese Fragen untersucht ein Forschungsprojekt an der Freien Hochschule Stuttgart in Kooperation mit der Universität Passau.

Die Lehrerbildung steht spätestens seit dem Pisa-Schock auch in Deutschland im zentralen Blickfeld der empirischen Bildungswissenschaften. Dabei wurde insbesondere die Frage bewegt, was das Handeln erfolgreicher Lehrkräfte im Kern ausmacht. In den letzten Jahren richtete sich die Aufmerksamkeit vor allem auf die Bedeutung der fachlichen und fachdidaktischen Expertise von Lehrkräften. Aus Sicht der Waldorfpädagogik stellt dies allerdings eine einseitige Schwerpunktlegung dar, was auch durch neuere Ergebnisse der internationalen Forschung Bestätigung erfährt. So dokumentieren beispielsweise die Ergebnisse der umfassenden Metaanalyse des neuseeländischen Forschers John Hattie eindeutig, dass gerade auch nichtfachliche Merkmale der Lehrperson eine zentrale Rolle spielen.

Obwohl diese Sichtweise im Rahmen der Waldorflehrerausbildung bereits seit langer Zeit selbstverständlich ist, fehlen hierzu bislang aussagekräftige empirische Untersuchungen. In einem an der Freien Hochschule Stuttgart angesiedelten Forschungsprojekt wird daher erstmals untersucht, inwieweit die Waldorflehrerausbildung ihren selbst gesetzten Ansprüchen genügt. Untersucht wird unter anderem,

- inwieweit es gelingt, Klassenlehrer angemessen auszubilden, die Schüler über acht Jahre in etwa zehn verschiedenen Fächern unterrichten müssen,

- welche Bedeutung waldorfspezifischen Schwerpunkten wie Bildende Kunst, Musik, Sprachgestaltung oder Eurythmie hinsichtlich des Aufbaus zentraler pädagogischer Kompetenzen zukommt

- oder über welche sozialen und emotionalen Fähigkeiten angehende und erfahrene Waldorflehrer verfügen.

Das Forschungsprojekt wird von Professor Guido Pollak von der Universität Passau geleitet. Geplant, durchgeführt und ausgewertet werden die Untersuchungen von zwei Psychologen und einer weiteren wissenschaftlichen Mitarbeiterin. Die Wissenschaftler befragen Waldorfpädagogikstudierende an den Standorten Stuttgart, Mannheim und Witten sowie Lehramtsstudierende der Universität Passau. Durch die Ausrichtung an anerkannten Standards der empirischen Sozialwissenschaften wird die Interpretierbarkeit der Ergebnisse sichergestellt. Hierzu gehören einerseits etablierte Messinstrumente, die zur Befragung der Studierenden eingesetzt werden. Andererseits zählt auch der systematische Vergleich von Studierenden der Waldorfpädagogik mit Lehramtsstudierenden zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihrer Ausbildung dazu.

Das Projekt zielt damit zum einen auf eine selbstkritische Auseinandersetzung mit den pädagogischen Grundsätzen der Lehrerausbildung, die an der Freien Hochschule Stuttgart bereits seit über 80 Jahren praktiziert werden. Neben den Chancen, die das Projekt im Hinblick auf eine Weiterentwicklung der Hochschule und der Waldorflehrerbildung generell enthält, sind darüber hinaus auch Anregungen für die Lehramtsausbildung in Deutschland generell zu erwarten. Dies gilt auch hinsichtlich der Frage, durch welche Lehrerbildungsmaßnahmen der Erwerb grundlegender Kompetenzen unterstützt werden kann, auf die aus der internationalen Forschung bereits Hinweise vorliegen. Ein bekanntes Beispiel hierfür stellen die für den Aufbau gelingender Lehrer-Schülerbeziehungen notwendigen persönlichen, sozialen und emotionalen Fertigkeiten dar.

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