Das paritätische Cockpit

„Eine Frau wird niemals einen Mann verstehen und ein Mann wird niemals eine Frau begreifen“, so eröffnete die Priesterin Lucia Wachsmuth vor einigen Jahren ihren Vortrag am Goetheanum über das Miteinander der Geschlechter und setzte fort: „Wo wir das jetzt wissen, können wir über das Miteinander reden.“ Was sie intonierte, war, dass die eheliche Gemeinschaft, das körperliche, seelische und geistige Zusammenspiel der Geschlechter gelingen kann, wenn man die Verschiedenheit, ja den Abgrund zwischen beiden Partnern akzeptiert, versteht und überwindet. Wie geht das?

Der Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun beschreibt, wie jede Handlung, jede Äußerung aus einer inneren Teamsitzung hervorgeht. So spricht die Angst mit dem Geltungsbedürfnis, der Idealist mit dem Egoisten. Die Persönlichkeit ist die Einheit dieser inneren Vielfalt, zu der weibliche wie männliche Glieder gehören. Das Ich moderiert diesen Dialog. Die Begegnung der Geschlechter ist deshalb auch ein innerseelischer Prozess, häufig angestoßen durch Äußere geschlechtliche Konfrontation.

„Es gibt immer mehr Frauen im Cockpit der Fluglinien, weil wir erkannt haben, dass es ihnen leichter fällt, eigene Fehler zu erkennen, als ihren männlichen Kollegen“, so Hans Rahmann, ehemaliger Verkehrspilot. „Pilotinnen machen eine positive Fehlerkultur möglich, durch die Unfälle vermieden werden können.“ Im Sinne des inneren Teams bedeutet das, dass das Leben sicherer wird, wenn es gelingt, weibliche wie männliche Teile des inneren Gespräches in der Waage zu halten und die Verschiedenheit dieser Stimmen anzuerkennen.

Wolfgang Held

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie 11, 14. März 2014