Genmanipulation: Pflanzensprache lernen?

Die Ereignisse rund um das Zulassungsverfahren der genmanipulierten Maissorte 1507 in der EU bewegen die Gemüter: Haben sich nicht 88 Prozent der Deutschen und 60 Prozent der EU-Bürger in Umfragen gegen den Anbau von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) ausgesprochen?

Haben nicht gerade am 18. Januar in Berlin 30.000 Menschen gegen die Agrarindustrie und den Genmais ‹angetanzt›? Und Frau Merkel bringt es dennoch fertig, für Deutschland eine Stimmenthaltung durchzusetzen? Und nun könnte der immanent giftige Genmais, den keiner braucht, den die Menschen nicht wollen, trotzdem auf Europas Feldern wachsen? Das wäre der Abgesang jeglichen Anspruchs auf Demokratie in der EU. «Geh reg di net auf, Kinderl, das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Elektrizität, und das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Gentechnik werden!» Ich habe sie noch genau im Ohr, die Stimme meines Großvaters, der sich anlässlich des österreichischen Gentechnik-Volksbegehrens 1997 heftige Debatten mit meiner Mutter lieferte. Die war da nämlich ganz anderer Meinung: «Der Mensch hat hier nicht gedankenlos herumzupfuschen! Wenn diese manipulierten Samen einmal in der Natur sind, kann sie keiner mehr zurückholen!»  Seit jenen Kindertagen verfolgt mich ein inneres Bild, das fast körperliche Übelkeit verursacht: Dem Leben selbst, dem sich entwickelnden Leben, wird im innersten Keim seines Wesens, nein eben noch vor dem Keim, im Samen, ein Stück einer fremden Anlage ‹eingeimpft›. Und zwar so gekonnt und ausgeklügelt, dass sich der Organismus trotzdem entwickelt und eine fremde Anlage mit auszubilden gezwungen ist: eine unglaubliche Gewalt. Da werden mitunter Rosen veranlasst, mit dem Blau der Iris zu blühen … In Österreich hat das Gentechnik-Volksbegehren zu einem gesetzlich verankerten Verbot des Imports bzw. einer Freisetzung von GVO geführt. Hätte Mexiko diese Gesetze, könnten die Kleinbauern, deren traditionelle Maissorten heute kontaminiert sind und wesentliche positive Eigenschaften verloren haben, zumindest sechsstellige Beträge Schadenersatz bei den Genmais-Züchtern einklagen.  Auf 9% der globalen Landwirtschaftsfläche wachsen inzwischen gentechnisch veränderte Nutzpflanzen. «Wir verstehen die Sprache der Pflanzen», ist auf den Tafeln vor französischen Gentechnik-Versuchsfeldern zu lesen, neben lachenden Blumengesichtern. Von wegen, die Sprache der Pflanzen verstehen! Wie soll eine Wissenschaft, die keine Begriffe des Lebendigen kennt, die Gentechnik angemessen aufarbeiten können? Steiners unermüdliche Überzeugungsarbeit kommt einem da wieder in den Sinn: «Notwendig ist vor allen Dingen eine freie Entfaltung geistiger Wissenschaft. Das ist nicht irgendwie die Einführung eines Unpraktischen in das gegenwärtige Leben, sondern das ist das Allerallerpraktischste …»  Da wirken all die Studien, bei denen Genmais an Ratten verfüttert wird, um daraus seine ‹Unbedenklichkeit› abzuleiten, wie stümperhafte Versuche. Dabei kann die gesundheitliche Wirkung auf den Menschen bei Weitem nicht das einzige Kriterium in der Beurteilung der Gentechnik sein es geht um einen viel größeren Zusammenhang. Und diese Debatte darf auch in den nächsten Jahren öffentlich und laut geführt werden!

Clara Steinkellner

Clara Steinkellner, geb. 1985, Waldorfschulzeit in Graz/Österreich. 2012 Veröffentlichung der Diplomarbeit Menschenbildung in einer globalisierten Welt Perspektiven einer zivilgesellschaftlichen Selbstverwaltung unserer Bildungsräume. Begründete gemeinsam mit Thomas Brunner die Freie Bildungsstiftung (www.freiebildungsstiftung.de), in diesem Rahmen sozialwissenschaftliche Forschung und Gestaltung von Veranstaltungen, u.a. im Karl Ballmer Saal in Berlin bzw. in der Werkstattbühne in Cottbus.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 8, 21.2.2014