Madonnenimaginationen

Die vorgegebene Welt wird dem Menschen im Moment seiner bewussten Zuwendung überantwortet. Raffael gestaltet dieses Geschehen im Bild.

Stellen Sie sich vor, Ihre Seele ist entspannt, es gelingt Ihnen, sich souverän auf festem Boden zu halten, während sich das wässrige Element des Fühlens in die luftige und lichte Sphäre der Erkenntnis erhebt. Stellen Sie sich vor, aus dieser  meditativen  Verfassung heraus wenden Sie sich der Welt zu, erdwärts. Sie finden eine Natur vor, an deren Zustandekommen Ihre Seele keinen Anteil hatte. In dieser Natur finden Sie aber auch sich selbst als betrachtende Seele. Es dämmert:1 Ohne Ihr Erleben, ohne Ihr Bewusstsein hat die vor Ihnen sich ausbreitende Szenerie keinen Bestand, kein Leben.

So fühl ich erst die Welt,

Die außer meiner Seele Miterleben

An sich nur frostig leeres Leben

Und ohne Macht sich offenbarend,

In Seelen sich von Neuem schaffend

In sich den Tod nur finden könnte.²

Sie realisieren: Was Ihnen vorgegeben ist, wird Ihnen im Moment Ihrer bewussten Zuwendung überantwortet: Ich kann mich aus dieser Wirklichkeit nicht mehr herausdenken, nicht mehr herausschleichen. Ich erwache: Es gibt keine Wirklichkeit, der nicht diese Mischkonstitution, diese Übergabe eignet: Ein Gegebenes schlägt an mich heran und umgehend, ohne dass ich mich versehe, verwandelt es sich in (m)eine neue Bewusstseinswirklichkeit. Ich kann nicht umhin. Der Stab und mit ihm die Wesen der Schöpfung (z.B. ein Stieglitz) werden mir, werden meinem Wirklichkeitsvermögen überantwortet.

Schauen statt Philosophieren

Der Philosoph will zwischen der Seins- und Bewusstseinswirklichkeit, zwischen der Ontologie und der Epistemologie unterscheiden  - und steht vor der Gefahr, der Ersteren einen objektiven und der Zweiten einen subjektiven (und damit Schein-) Charakter zu unterstellen. Doch beruht diese Trennung darauf, dass die Seele im entscheidenden Moment nicht aufwacht. Sie verpasst es, ihr inneres Auge für einen höheren Bewusstseinszustand zu öffnen, in dem gar nicht infrage steht, dass es sich um eine wahre Wirklichkeit handelt, in der man sich findet  ja inmitten derer man als deren zentraler Neugehalt steht; in der man schauend einen ‹Neugottesgrund› realisiert, wie es Christian Morgenstern formulierte. Es ist eine Bildwirklichkeit, für die ich erwachen kann, aus der ich mich als Betrachter  ganz wie bei einem Kunstwerk  nicht mehr heraushalten kann.

Wir steigen durch die Sohneswesenheit in uns in eine vom Bewusstseinslicht durchdrungene Wirklichkeit ein, die auf den Vorgaben des Vaters beruht, sich diesen zuwendet  und sie komplett neu macht: Das Menschen-Ich ist nun der tragende Gehalt, die Neusubstanz der Welt. In der Bildsprache Raffaels übernimmt Christus (Sohneswelt) die Fortführung der Schöpfung aus den Händen von Johannes (Vaterwelt).

Rettung im Schauen

Längst hat sich mit diesen betrachtenden und besinnenden Bewegungen das Denken über den alltäglichen Horizont der vom festen Gegenstandsbewusstsein geprägten Weltauffassung erhoben. In der Weltzuwendung bleibt es über das Fühlen an den Wirklichkeitsgrund der Gliedmaßenerfahrung angeschlossen. Gerade in dieser Anbindung findet das notwendige Erwachen statt, in dem das Ich die Wahrheit der von ihm getragenen Wirklichkeit erlebt. Der empfindende Künstler in uns und die stützende Kraft des Religiösen  nicht der Philosoph  retten das Denken in den Wesensgehalt der Welt.

So fühl ich erst mein Sein,

Das fern vom Welten-Dasein

In sich sich selbst erlöschen

Und bauend nur auf eigenem Grunde

In sich sich selbst ertöten müsste.³

Bildwendung

Was also stellt Raffael in seinen beiden Madonnenbildern dar? Imaginationen von der Verfasstheit der Seele, von der Seele, wenn sie sich in Selbsterkenntnis der Welt zuwendet. Wenn sich die Seele nach Golgatha der Welt zuwendet und sich selbst seelisch beobachtet, dann können sich diese Imaginationen vor mich hinstellen. Meine Welt realisierende Verfasstheit  im Prozess des Übergebens und Übernehmens  stellt sich im Bilde als zentraler Gehalt dieses Momentes vor mich hin.

Hans-Christian Zehnter

|¹ «Wahrnehmung ist ein Anregungszustand […]. [...]ein Wirklich-Sein: Wahrnehmend wird man seiner selbst als anwesend in seiner Umgebung inne. Wahrnehmung ist eine geteilte Wirklichkeit. Sie ist Subjekt und Objekt, dem Wahrnehmenden und dem Wahrgenommenen gemeinsam. Das wahrnehmende Subjekt ist wirklich in der Teilnahme an der Gegenwart der Dinge, das wahrgenommene Objekt ist wirklich in der wahrnehmenden Präsenz des Subjekts.» Aus: Gernot Böhme: Atmosphäre, 1995. |² Wochenspruch Nr. 33, aus dem Anthroposophischen Seelenkalender von Rudolf Steiner. |³ Wochenspruch Nr. 20 aus dem Anthroposophischen Seelenkalender von Rudolf Steiner.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 51-52/2013