Michaelische Weltbejahung

Die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft machte im Rahmen ihrer Jahrestagung von 11. bis 13. April das Jahresthema ‹‘Ich erkennet sich’ im Lichte michaelischer Weltbejahung› greifbar.

Wer mit seiner Identität im Reinen ist, kann auch mit anderen zusammenarbeiten.

 Selbst Erfolg stellt einen vor ungeahnte Aufgaben: Anders als in der Zeit, als sich die Anthroposophische Medizin ihren Platz im Gesundheitswesen erkämpfen und verteidigen musste, haben heute Ärzte und Patienten zunehmend Interesse an der Anthroposophischen Medizin. Wegen des Mangels anthroposophischer Ärzte stellt sich für den Arzt Thomas Breitkreuz die Gretchenfrage: Soll ein Teil des anthroposophischen Heilmittelschatzes nichtanthroposophischen Ärzten erschlossen werden?

Ohne die Methoden der biologisch-dynamischen Landwirtschaft ist im Weinbau praktisch nichts mehr möglich, so Jean-Michel Florin von der Sektion für Landwirtschaft. Ausgerechnet Wein! Und doch, so Florin: «Wenn wir gefragt werden, ob die Erde biologisch-dynamisch bearbeitet werden solle, können wir nicht ‹Nein!› sagen.» Um zu einer produktiven Haltung gegenüber solchen Aufgaben zu kommen, braucht es  Klarheit über die eigene Identität. Denn wer sicher in seiner Identität ist, kann auch nach außen souverän sein. Identität ergibt sich aus dem Spektrum ureigenster individueller Impulse, der etwaigen Einbettung in einen Mysterienzusammenhang wie Anthroposophische Medizin oder biologisch-dynamischer Landwirtschaft (den es mittels anthroposophischem Erkenntnisweg zu erarbeiten und zu pflegen gilt) und der Beziehung zum Christus-Ich, an die Virginia Sease vom Vorstand am Goetheanum erinnerte. Der Prozess der Bejahung beginnt mit dem Entschluss zur Inkarnation und setzt sich als Aufgabe in den weiteren Lebensumständen fort, Wirklichkeit als gegeben zu akzeptieren. Damit sind die Grundlagen gelegt, gegenüber dem anderen die eigene Identität zu halten und den anderen in seiner Qualität bestehen zu lassen, ohne mit ihm schon eins werden zu müssen. Umgekehrt muss der andere das, was die eigene Identität ausmacht, nicht teilen: Damit Cardiodoron hilft, muss man nicht wissen, was dahintersteht, oder Anthroposoph sein. Hilfreich ist dabei die Fähigkeit, sich auf das Gegebene nüchtern einlassen zu können. Das wurde deutlich, als Renatus Ziegler im Zusammenhang der Steiner-Kritischen-Ausgabe des Frommann-Holzboog-Verlags klarmachte, dass die Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung ihre Aufgabe in Pflege und Erhalt des physischen Nachlasses Rudolf Steiners sowie in einer «radikalen Öffentlichkeit»?(«alles soll veröffentlicht werden») sehe, nicht aber in der Bewertung der Leistungen Dritter. Indem man das Gegebene bejaht, ist Integration und Allianzbildung mit Menschen möglich, die Ähnliches nicht notwendigerweise dasselbe wollen, so Constanza Kaliks, Leiterin der Jugendsektion. Nun kann das Gegebene neu gegriffen werden. Im Verständnis dessen, dass alles, was aus dem Umkreis auf einen zukommt, zur eigenen Biografie gehört und Schicksal wird, erkennt man das zunächst Fremde als das Eigene an oder nimmt es als Aufgabe an.

Rudolf Steiner umschrieb das so: «Der Mensch wird immer mehr Mensch, indem er Ausdruck der Welt wird […]» Diese Art zu bejahen verbindet einen mit dem Herrn des Karma, Christus, und mit dem weltbejahenden Wesenszug Michaels.

Sebastian Jüngel