Waldorferziehung in Rostov, Russland

Rostov liegt ganz im Süden Russlands, nicht weit vom Schwarzen Meer. Zur Ukrainischen Grenze sind es nur 70 km, aber nach Moskau sind es gut 1000 km.

Das Stadtbild ist noch geprägt von Architektur im sowjetischen Stil, die heftigen Kämpfe im Zweiten Weltkrieg haben nur einige charmante Reste des alten Russland zurückgelassen, viele Menschen machten auf mich den Eindruck, dass die Sorgen des Alltags schwer für sie zu ertragen sind, es gibt viel Armut und Zeichen eines aggressiven Kapitalismus, aber auch Lebensfreude (z.B. beim Ballettabend im ausverkauften Theater), Herzlichkeit und Gastfreundschaft.

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Hintere Reihe, von links: Elena Salmigina und Tatiana Pavlova. Vordere Reihe, erste von rechts: Natalia Kocharova.

Anthroposophische Initiativen in Rostov

Seit den Zeiten der Perestroika gibt es in Rostov anthroposophische Studienarbeit. Später wurde auch ein Zweig gegründet, inzwischen gibt es ein heilpädagogisches Heim, fünf Waldorfkindergärten, eine erste Klasse, eine Förderklasse und seit 2013 einen Ausbildungskurs für anthroposophische Therapie und Waldorfpädagogik.

Die Bedingungen, unter denen sich das alles entwickelt, sind aber denkbar schwierig und machen, dass manche Initiative mit großen Erwartungen gestartet wird, dann aber dauernd ums Überleben kämpft.

So hatte das heilpädagogische Heim, aufgebaut durch großzügige Spenden aus dem Westen bis zu 45 betreute Menschen, hat aber inzwischen nur noch 11, die von 18 Erziehern betreut werden...

Die fünf Waldorfkindergärten in Rostov sind alle privat finanziert. Der einzige von der Landesvereinigung anerkannte Kindergarten mit zwei Gruppen befindet sich zusammen mit der ersten Klasse im „Haus der Kultur“, einem ehemaligen Gebäude der Eisenbahnfunktionäre neben dem Bahnhof… ¨

Da die anderen „kulturellen Aktivitäten“ im Haus mit viel Krach verbunden sind und es keine Möglichkeit gibt, draußen zu spielen oder spazieren zu gehen, haben sie ein anderes Haus gesucht und den Mietvertrag schon unterzeichnet. Sie behalten aber noch Räume im Haus der Kultur, vorläufig noch für eine Gruppe und für die anderen Aktivitäten des Vereins (der Ausbildungskurs findet auch hier statt).

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Das Haus der Kulturen von hinten.

Der andere Kindergarten, den ich besichtigt habe, hat eine schöne Geschichte: Victoria, eine ehemalige Assistentin von Elena hat ihren Mann, einen bei einer Ölgesellschaft gut verdienenden Angestellten, überzeugt, eine Hälfte ihres geräumigen Hauses in einen Kindergarten umzubauen: Eine Gruppe mit 18 Kindern hat hier ein schönes zu Hause gefunden und der Mann wurde nach und nach so begeistert, dass er seine lukrative Stelle aufgab und jetzt Geschäftsführer und Mann für alles im Kindergarten ist.

Die fünf Kindergärten hätten theoretisch das Potential, den weiteren Ausbau der Schule zu ermöglichen. Es bleibt die Aufgabe, die Eltern zu überzeugen und qualifizierte zusätzliche Lehrkräfte zu finden.

Der Ausbildungskurs

Dies war eines der Motive, einen Ausbildungskurs in Rostov zu organisieren. Er hat im November 2012 begonnen und wird im Juni 2015 abgeschlossen werden, insgesamt werden es zwölf einwöchige Module sein. Er richtet sich sowohl an zukünftige Lehrer, Erzieher und Therapeuten. Insgesamt nehmen dreißig Menschen daran teil, zehn davon sind Erzieherinnen.

Der Ausbildungskurs wird geleitet von einem Seminarkollegium: Elena Salmigina, (eine Waldorferzieherin, die bei Svetlana Eks in Odessa ihre Ausbildung gemacht hat) Natalia Kocharova (Lehrerin der ersten Klasse) und Tatiana Pavlova, eine Psychologin, die seit Jahrzehnten das anthroposophische Leben in Rostov entscheidend prägt.

Regelmäßig lädt sie Dozenten aus dem Westen ein (Hans Georg Häussler, Hans-Christian Zehntner, Michaela Glöckler, Sergeij Prokofieff, Johannes Greiner u.a.) entweder zu öffentlichen Tagungen oder als Dozenten des Ausbildungskurses.

Inhaltlichen Arbeit des Seminars

Elena Salmigina, die Methodik und Didaktik unterrichtet, ist eine einfühlsame, kompetente Erzieherin. In den Bereichen anthroposophischer Menschenkunde, Psychologie, Kosmologie und Erkenntnistheorie, Zusammenarbeit mit den Eltern und im Kollegium gibt es ein ausführliches Angebot von Tatiana Pavlova. das den Studentinnen eine solide Arbeitsgrundlage gibt. Ich war bei vielen Unterrichtsstunden dabei, die Tatiania Pavlova gehalten hat, sie hat sich selbst übersetzt und hat mir oft Gelegenheit gegeben, auch in ihrem Unterricht Beiträge zu geben. Schwerpunkt ihres Unterrichts waren dieses Mal die sozialen und antisozialen Triebe, kollegiale Arbeit, Umgang mit Konflikten, Arbeit des Ich am Astralleib. Warmherzig und lebendig versucht sie den Studierenden das anthroposophische Menschenbild nahe zu bringen. Sie hat ein offenes Verhältnis zu den Studenten, die oft mit Fragen oder Beiträgen am Unterricht teilnehmen.

Philipp Reubke

Erschienen in: IAWESCE, Rundbrief Mai 2014. Der Rundbrief kann kostenfrei bezogen werden.

Fotos: © Philipp Reubke