Die Kinderbesprechung

Verstärkte Begegnungsqualität unter Erwachsenen

In manchen Waldorfschulen und heilpädagogischen Einrichtungen ist die „Kinderbesprechung“ ein sorgfältig geübtes pädagogisches Instrument, um dem Wesen des einzelnen Kindes gerecht zu werden. Im Kreis des Kollegiums, möglichst auch unter Beteiligung der Eltern, wird über ein einzelnes Kind gesprochen, das selbst nicht anwesend ist. Alle tragen ihre Beobachtungen zusammen, die sich dann zu einem liebevollen Erfahrungsbild verdichten können. Wenn alles „gut läuft“, können sich daraus pädagogische Ideen und Handlungsweisen ergeben. Entscheidend dabei ist, dass es im Zusammenhang mit Waldorfschulen und heilpädagogischen Einrichtungen bei der Kinderbesprechung nicht um Disziplinierungsversuche oder psychologische Einsortierungen geht. Im Gegenteil: Man achtet sorgfältig darauf, dass Solches nicht geschehen kann.

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Eine interessierte und teilweise auch fachkundige Teilnehmerschaft versammelte sich am 29. März im großen Arbeitsraum des Hardenberg Instituts, der bis auf den letzten Platz gefüllt war. Zunächst zeigte Francesca Chiusano anhand von Kinderzeichnungen aus Ukrainischen Waldorfschulen, was sich aus einer hingebungsvollen, d. h. nicht deutungswütigen Betrachtung ergeben kann. Es kamen Erfahrungen zur Sprache, inwiefern eine mit Ernst und Sorgfalt durchgeführte „Kinderbesprechung“ auch die sozialen Verhältnisse innerhalb des Kollegiums nachhaltig verändern kann. Wird eine Kinderbesprechung optimal durchgeführt, hat dies bekanntermaßen Auswirkungen auf das Verhalten des Kindes. Von besonderem Interesse war an diesem Tag die verstärkte Begegnungsqualität, die auf die Erwachsenen überspringt, wenn eine Kinderbesprechung „gelingt“.

Der Gesichtspunkt der Begegnungsqualität wurde von Karl-Martin Dietz aufgegriffen und fortgeführt. Die „individuelle Begegnung“ die in ihrer Urform zwischen zwei Menschen stattfindet, kann zur Keimzelle für eine umfassende Gemeinschaftsbildung werden. Sie spielt heute in Gemeinschaften aller Art eine Rolle. Gemeinschaftsbildung beruht dann nicht auf Regeln oder Normen, sondern auf der Begegnung der Individualitäten. Es können dabei folgende Ebenen unterschieden werden, die jeweils Umwandlungen der inneren Einstellung voraussetzen: Vom aktiv aufgebrachten Interesse über ein Verstehenwollen des Anderen bis hin zur Vertrauensbildung, die sich als eine Art „Geschenk“ einstellen kann, und zu einer „Achtung“ des Anderen so, wie er eben ist. „Individuelle Begegnung“ steht darüber hinaus in einem größeren Horizont, den Rudolf Steiner einmal als „umgekehrten Kultus“ bezeichnet hat. Das hängt damit zusammen, wie die in den antiken Mysterien erstmals beschriebenen Verwandlungsstufen des menschlichen Bewusstseins sich gemeinschaftsbildend auswirken bis in die Gegenwart hinein.

Individuelle Begegnung, einer der Prozesse der „Dialogischen Kultur“ erzeugt nicht nur ein unmittelbares Verhältnis von Mensch zu Mensch, sondern ist auch Ursprung einer tragfähigen Gemeinschaftsbildung im Großen, z. B. in Unternehmen und Organisationen.

Aus all diesen Darstellungen ergaben sich lebhafte Gespräche und weitergehende Fragestellungen, auf die am Schluss noch eingegangen werden konnte.

Viviana Alvarez

Erschienen in: KONTUREN 19, Rundbrief des Hardenberg Instituts