Wir müssen nachtsichtig werden

Albert Fink gehört zu den Gründern der GLS-Gemeinschaftsbank. Ein Gespräch über die ‹revolutionäre Zelle› Bochum und die Innenseite im Umgang mit Geld.

Die Fragen stellte Wolfgang Held.

Die Schuldenfrage legitimiert Macht und Gewalt in der Beziehung, sagt David Graeber, Denker der Occupy-Bewegung. Stimmt das?

Albert Fink: Sie zerstört Beziehungen! Aber all diese richtigen Ideen bleiben oft in der Analyse stecken. Es kommt dann eigentlich kein neuer Gedanke. Es nützt wenig, nur am System herumzukurieren.

Vor vierzig Jahren erhielten Sie mit Ihren Kollegen die Gründungspapiere für die GLS-Bank. War der Erfolg absehbar?

Ich lese gerade Götz Werners Autobiografie ‹Damit habe ich nicht gerechnet›. Es geht mir da ähnlich. Ich kam 1962 mit Ehefrau und Sohn nach Bochum, kurz zuvor war die Gemeinnützige Treuhandstelle gegründet worden. Gründungsvorstände der GLS-Bank, die erst 13 Jahre später gegründet wurde, waren damals: Gisela Reuther, Rolf Kerler, Wilhelm-Ernst Barkhoff und ich. Gedacht haben wir uns damals viel, verstanden mitunter wenig. Aber wir hatten Impulse. Ich kam aus Hamburg als junger Betriebswirt. Dort habe ich mit Stahl gehandelt, in der ganzen Welt eingekauft und wieder verkauft. Ein schlechtes Gewissen meldet sich aber immer wieder. Willst du das wirklich auf Dauer machen? Dann kam ich in Hamburg mit der Anthroposophie in Berührung. Weil ich mich für die sozialen Fragen interessierte, ging ich in einen sozialwissenschaftlichen Arbeitskreis. Herr Wittrich, der vor dem Kriege leitend im Oetker-Konzern tätig war, führte den Kreis. Ich war einer der Jüngsten in dem Kreis. Wittrich nahm sich meiner an und fragte: «Was haben Sie denn vor?», und ergänzte: «Die zivilisatorischen Weichenstellungen werden im Wirtschaftsleben entwickelt. Deshalb ist es wichtig, dass anthroposophisch orientierte Menschen im Wirtschaftsleben tätig sind.» Er kam immer wieder auf das Thema zu sprechen und irgendwann überzeugte mich das. So kam ich nach Bochum in den Kreis um Wilhelm-Ernst Barkhoff, nachdem ich dort eine Beschäftigung in der Industrie fand. Seine visionäre Kraft hat mich angezogen. Er hatte immer große Zusammenhänge im Kopf und Herzen.

Von Barkhoff kamen Ideen, von Rexroth das Geld?

Alfred Rexroth kam immer wieder nach Bochum. Hier fand er Menschen, die soziale Ideen nicht nur debattierten, sondern in die soziale Wirklichkeit bringen wollten. Er war davon durchdrungen, an Rudolf Steiners Impulse des ‹Kommenden Tages› anzuknüpfen. Er meinte, wenn man einen Betrieb finden würde, an dem sich die Treuhandstelle still beteiligen könnte, dann würde er das finanziell möglich machen. Irgendwann bekam ich einen Anruf, dass da eine Firma günstig zu haben sei. Sie sei allerdings fast zahlungsunfähig. Ich war damals 28 Jahre, jung, unerfahren und leichtsinnig. Ich sagte, «das mache ich». Die kreditgebende Bank verlangte aber, dass jemand persönlich haften solle. In der Ruhrgebietssprache hieß das, dass einer die Knochen darunter begraben solle. Das habe ich dann gemacht. Es hat sich gut entwickelt und so erhielt die Treuhandstelle erste Gewinne aus einem Unternehmen und Rexroth den Mut, in dieser Richtung weiterzugehen, Industrie und Gemeinnützigkeit zu verbinden.

Die Firma Rexroth in Lohr war auch erfolgreich.

Nicht zuletzt durch Entwicklungen von Alfred Rexroth, äußerst homogenen Stahlguss herstellen zu können. Das machte das Unternehmen später zu einem führenden Weltunternehmen der Hydraulik. Dann kam der Punkt, wie so oft in Familienbetrieben, wo größeres Kapital für die Expansion notwendig wurde. Er verkaufte mit seinem Bruder das Unternehmen und vermachte den Erlös gegen eine Leibrente der Treuhand.

War es die menschliche Konstellation?

Ja, Rexroth hatte das Vertrauen in Barkhoff und dessen Menschenkreis. Er war aber eigentlich ein Zauderer. Ohne seine energische Ehefrau Friederike wäre das Vertragswerk schwerlich zum Abschluss gekommen.

Und das anthroposophische Umfeld?

Führende Anthroposophen trauten den Bochumer Dilettanten und Träumern das Führen einer Bank nicht zu. Wir blieben bei den Vorsätzen und sind 1968 von Zweig zu Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft getingelt, um Genossenschaftsanteile für eine Vorform der Bank einzuholen und fanden viel Zustimmung.

Wussten Sie, was Sie taten?

Wir haben die sozialwissenschaftlichen Schriften Rudolf Steines studiert, um uns Orientierung zu holen. Mir ging dabei ein Licht nach dem anderen auf. Ich war hauptberuflich in einem Feld der Industrie tätig, wo die Widersprüchlichkeit deutlich war. Wir montierten Industrieanlagen in der ganzen Welt und ich sah, welche Zerstörung die Industrialisierug in Entwicklungsländern mit sich brachte. Da, wo solche Großanlagen entstanden, wurden die Menschen enteignet und landeten oft in den Slams der Großstädte. Rudolf Steiners Gedanke der Disparität der Landwirtschaft und Industrie leuchtete mir durch diese Erfahrungen ein. Die Landwirtschaft produziert tatsächlich Werte, während die Industrie ihre eigene Wertbildung verbraucht. Wenn man die Kosten, die man externalisiert, wieder hereinrechnet, sieht man, dass die Industrieproduktion viel teurer ist. Die eigentliche Wertbildung findet an Grund und Boden statt, wenn er angemessen gepflegt wird. So ging mir die Polarität von Industrie und Landwirtschaft auf.

Wie sehen Sie die aktuelle Finanzlage?

Nun kommt das Problem von Armut und Reichtum auf uns zu und ich bin überzeugt, dass wir eine nächste Finanzkrise haben werden. Aber die Staaten werden die Banken dann nicht mehr retten können. Was wir dann für Verhältnisse bekommen, dazu reicht meine Fantasie nicht mehr aus.

Es könnte eine Hyperinflation, eine Geldentwertung eintreten. So haben sich ja auch früher die Staaten geholfen, sich ihrer Schulden zu entledigen. Aber die Folgen wäre, heute unabsehbar. In den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts ist das geschehen mit den katastrophalen sozialen Folgen. Heute fürchten wir uns auch vor Deflation, der schlimmen Schwester der Inflation. Es droht ein Preisverfall, und das ist das andere Gespenst im Wirtschaftsdenken. Denn dann lassen sich die Produkte nicht mehr gewinnbringend verkaufen.

Sie haben 2002 gesagt, dass ein finanzieller Kollaps drohe konnten Sie hellsehen?

Nein, das konnte man mit gesundem Menschenverstand kommen sehen, denn überall wurden die Regulierungen, denen Banken aus guten Gründen unterlagen, abgebaut. Die Banken erhielten einen Gestaltungsraum, der geradezu grotesk war. Dass heute Kauf- und Verkaufsentscheidungen Hochfrequenzcomputer in Tausendstelsekunden leisten, ist Kennzeichen dieser Entfesselung. Banken manipulieren die Kurse an den Börsen mit verheerenden Folgen für die Realökonomie. Ausserdem kommen wir mehr und mehrin eine Kriminalisierung im Wirtschaftsleben hinein.

Von Hannah Ahrendt stammt «Das Böse ist immer sehr anständig» Teilen Sie das?

Die schwarz gekleideten Herren, das ist eine reine Männerwelt. Das zeigt mitunter Züge, die an die Mafia erinnern, wie die Korruptions- und Bestechungsskandale in Großbetrieben zeigen. Natürlich darf man bei dieser Kritik nicht stehenbleiben, sondern sich fragen, was man zur Gesundung beitragen kann. Das war ja unser Motiv, die GLS-Bank zu gründen. Wir wollten in erster Linie keine Bank gründen, sondern vielmehr den Menschen ermöglichen, selbst einen neuen Umgang mit Geld zu beginnen. Dazu hatten wir die Leih- und Schenkungsgemeinschaften entwickelt. Das war die Idee einer Bank in der Bank. Menschen erklären für die Schulden anderer Verantwortung zu übernehmen. Da löst sich der Abgrund zwischen Gläubiger und Schuldner auf. Barkhoff hatte immer darauf hingewiesen, es gäbe drei soziale Medien: Sprache, Recht und Geld. Dabei hat Geld immer mit Rechtsfragen zu tun und es finden dialogische Prozesse statt. Diese drei durchdringen sich wie in einem Organismus.

Gab es außergewöhnliche Projekte?

Viele: Eines Tages kam Ibrahim Abouleish nach Bochum. Er hatte große Flächen Wüstenboden gekauft und nun sollten dort Kühe angesiedelt werden. Bei diesem Klima? Dann haben wir unsere landwirtschaftlichen Fachleute, Manfred Klett, Schaumann, Becker und andere, eingeladen, um geeignete Kühe zu finden. Schließlich flogen per Luftfracht dann über dreißig Kühe als Schenkung nach Ägypten, Grundstock für eine heute prächtige Herde.

Was verändert sich heute?

Was sind die äußeren zivilisatorischen Bedingungen, die eine Inkarnation Ahrimans möglich machen, fragt Rudolf Steiner. Da nennt er auch das Geld und Statistik als Mittel, die Möglichkeiten der Menschen immer mehr einzuschränken. Da kann man sich nicht herausstellen. Man ist mitten drin und erkennt: Neues kommt immer durch die einzelnen Menschen. Deshalb ist es eine Illusion zu glauben, wenn man nur durch Regulierungen weiterkommt. Es müssen sich gleichzeitig die Gesinnungen und das Verhalten der Menschen ändern.

Wie geht das?

Es klingt vielleicht verrückt, ist aber vielleicht unsere einzige Chance: Wir müssen ‹nachtsichtig› werden, um etwas aus der Schlafseite in den Tag zu holen und damit unser Wachbewusstsein, in dem wir ja auch schlafen, aufzulichten. Ich beobachte an vielen Stellen, dass uns etwas aufdämmert, zunächst vage und unbestimmt. Gerade bei jungen Menschen, kommt da etwas Neues, etwas Unerwartetes. Dazu fällt mir Rudolf Steiners Satz ein bei den letzten Dreigliederungsvorträgen in Oxford. Wir müssten im äußeren Leben Einrichtungen schaffen, die die Gedanken befruchten können. Durch das, was man tut, wird man aufmerksam für das Neue. Denken Sie an das Sekem-Beispiel. Wie kann man mit dem Willen vorausgehen, ohne dass man alles gedanklich durchdrungen hat. Assoziatives Verhalten kann man sich nicht ausdenken, das muss man versuchen zu entwickeln, da, wo man im Leben steht.

In seinem „Fünften Evangelium“ nennt Rudolf Steiner Geld als vollständig irdisches Medium.

Und das Recht, auch das ist ganz von hier!

Worauf kommt es an?

Dazu ein Beispiel: Eine Dame mit großem Vermögen rief mich einmal an. «Ich habe schon mit einigen Menschen gesprochen, was ich mit dem Vermögen machen kann, aber immer bemerkt, dass meine Ratgeber eigentlich etwas für sich wollen, für ihre Institution. Ich möchte mit jemandem ohne Eigeninteressen sprechen.» Das habe ich mir hinter die Ohren geschrieben. Und so ist es mit dem Geld überhaupt, wenn es heilsam wirken soll, es ist wie ein Brennglas für die Selbstlosigkeit. In dem von alten sozialen Kräften durchdrungenen Bereich des Rechts und des Geldes, die oft von nicht mehr heilsamen Denk- und Verhaltensformen bestimmt sind, müssen wir etwas einführen, das die neue Gesellschaft gestaltende Kräfte, Impulse enthält. Das meine ich mit Nachtsichtigkeit. Rudolf Steiner charakterisiert das Böse als das nicht mehr zeitgemäß Gute. Alte soziale Instinkte wirken zerstörerisch, wenn nicht neue, durchlichtete heraufkommen. Man muss intuitionsfähig werden für die Handschrift Ahrimans. Erkenne ich, wenn etwas aus der Mittellage herausgeht zwischen Ahrimans Willensmechanik und Luzifers Scheinwelt? Das müssen wir ständig üben.

Brauchen wir also mehr Bewusstsein über die Geldströme oder fehlt einfach die Liebe?

Wir brauchen beides Es gibt kein Entwederoder. Das Geld erlösen wir, wo es uns gelingt, den Kopf ins Herz zu senken und das Herz hinauf zum Kopf zu tragen.

Albert Fink, Industriekaufmann, Betriebswirt, Bankleiter, geb, 17.5.34, verh., 4Kinder und 4 Enkelkinder. Langjährige Leitung eines Industriebetriebes im Industrieanlagenbau, Mitbegründer der GLS-Gemeinschaftsbank, dort bis 2003 tätig als geschäftsführender Vorstand und als Aufsichtsratsmitglied sowie in der GLS-Treuhand. Mitbegründer der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und des Saatgutfonds, langjährig tätig im Vorstand des Bundes der Waldorfschule und der Anthroposophischen Gesellschaft Deutschland.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 8, 21.2.2014