Die Biene, Schöpferin von Beziehungen

Die Bienen, die einzigen domestizierten Insekten, sind durch die schwindende Kulturlandschaft, eingeschleppte Milben und Pestizide mehrfach bedroht. Die Sektion für Landwirtschaft widmete ihre Jahrestagung im Februar 2014 dieser besonderen Begleiterin des Menschen.

Die Biene, die Kuh und der Regenwurm

Der landwirtschaftliche Organismus hat eine horizontale Dimension, die sich besonders durch die Landschaft und die Fruchtfolge ausdrückt, und eine vertikale Richtung. Um sie zu sehen, muss man unter die Erde schauen und dann die Augen zum Himmel richten. Die Grenze dieser zwei Räume wird durch die dünne Bodenschicht gebildet. Hier findet man drei Tiere, die für die Fruchtbarkeit der Erde tätig sind: den Regenwurm, die Kuh und die Biene. Die Pflanze verbindet sie. Sie wächst mit dem Kopf (der Wurzel) in der Erde und dem Bauch (Blätter/Stängel und Blüte) nach oben. Nach der Metamorphose der Blätter erscheint die Blüte mit neuen Qualitäten. Die Frucht mit den Samen entsteht und der Zyklus der einjährigen Pflanze ist beendet. Die ganze Substanz, die von den Pflanzen gebildet wurde, wird der Erde wieder gegeben, außer dem Samen.

Der Regenwurm ist der erste ‹Regulator› der Fruchtbarkeit der Erde. Er lebt im Dunklen und Feuchten, wo er ständig hilft, die ganze am Licht ausgebildete pflanzliche Substanz zu einer allgemeinen Substanz, die jede Pflanze wachsen lässt, umzuwandeln. Vom phänomenologischen Standpunkt können die Regenwürmer mit dem Stadium der Larve bei den Insekten verglichen werden. Der Regenwurm ist immer im Prozess und verwandelt Unmengen von Substanz, die er durch sein Tiersein beseelt. Gemäß Rudolf Steiner reguliert er die zu starke ‹Ätherizität›. Er strukturiert die Böden. Studien haben gezeigt, dass das Wasserhaltevermögen nach starken Regenfällen von Böden mit vielen Regenwürmern signifikant besser ist.

Die Würmer leben zwischen dem mineralischen Element der Erde und dem pflanzlichen Element. Die abgestorbene organische Substanz der Pflanzen, hauptsächlich die Blätter an der Oberfläche der Erde, bringen sie in ihre unterirdischen Gänge. Diese organische Substanz wird bei der Verdauung mit Erde vermischt und mit Kalk und anderen Substanzen angereichert. So regulieren sie die Lebendigkeit der organischen Substanz. Nach Goethes Prinzip der Kompensation kann man sagen, dass die Regenwürmer, anders als die Raupe, die ein Schmetterling wird, auf eine weitere Entwicklung verzichten und dadurch Überschusskräfte der Erde schenken. Es ist ein ‹Opfer›. Regenwürmer selbst sind selbstverständlich nicht ‹intelligent›, aber die Weltintelligenz wirkt in ihren spezialisierten Organen, sodass ihnen eine wichtige Aufgabe zur Beseelung der Erde zukommt.

Eine andere Umgebung entsteht über der Erde im Gras. Die Stimmung ist feucht, frisch, die Elemente Wasser und Luft spielen eine wichtige Rolle. In diesem Lebensraum leben viele Tiere. Die Wiederkäuer spielen hier eine wichtige Rolle, besonders die Rinder. Als hyperspezialisierte Esser und Verdauer verwandeln sie Unmengen von Rauhfutter in das, was man früher das Gold des Landwirts nannte, den Mist. Wie der Regenwurm, so ist auch die Kuh ein Tier, das in seiner Bescheidenheit sich hingibt, um die Erde zu verlebendigen und die Pflanzenwelt zu regulieren. Sie ist mit starken Lebenskräften ausgerüstet und verhilft dadurch zum Aufbau der Substanz.

Die Bienen und die Fruchtbildung

Über diesen Schichten gibt es die Sphäre der Blüten. Da herrschen die Elemente Luft, Licht und Wärme. In der Blüte beginnt die Pflanze zu sterben. Es ist ein Abbauprozess, bei welchem sich die Substanzen, die in den Blättern gebildet wurden, verfeinern, und der die Identität der Pflanze ausdrückt. In dieser Atmosphäre der Leichtigkeit leben andere Tiere als unter der Erde. Hier finden wir Schmetterlinge und viele andere Insekten, allerdings meistens im erwachsenen Stadium, das heißt im generativen Stadium als Bild ihrer Art. Interessant ist dabei, dass Blüten in ihrem Aussehen den Insekten oft ähnlich werden (siehe Suchantke A., das Ätherische der selbstlose Bildner, in ‹Das Goetheanum› Nr. 38/09).

Man kann unschwer die Biene in Polarität zum Regenwurm sehen. Der Wurm erträgt weder Licht noch Trockenheit noch zu viel Wärme; die Biene sucht gerade diese Bedingungen. Der Wurm bleibt immer in der Erde, wohingegen die Biene und auch der Schmetterling eine der wenigen Insekten sind, die keine Beziehung zur Erde haben (die meisten Insekten haben ein Lebensstadium Larve oder Puppe , welches in oder auf der Erde oder den Bäumen durchlebt wird). Die Würmer sind besonders im Herbst und die Bienen im Frühling/Sommer aktiv. Neben der Hausbiene, unserem einzigen domestizierten Insekt, gibt es mehr als 900 wilde Bienenarten in Europa. Die Beziehung zwischen Bienen und Pflanzen ist sehr wichtig. Dies ist gerade jetzt, wo es immer weniger Bienen gibt, deutlich spürbar. Viele Kulturpflanzen können ohne Bestäubung durch die Bienen kaum Früchte oder Samen bilden. So zum Beispiel Obstbäume der Familie der Rosengewächse, Schmetterlingsblütler wie Luzerne. Studien haben gezeigt, dass die Bienenbestäubung nicht nur eine Wirkung auf die Quantität der Früchte hat, sondern auch auf ihre Qualität. Der Vergleich zwischen viel und wenig besuchten Apfelblüten zeigt, dass die öfter besuchten Blüten größere und süßere Äpfel hervorbringen. Bei Lavendel bringt die Bienenbestäubung 20 % mehr ätherisches Öl. Wie der Regenwurm, der die Lebendigkeit der Böden nach unten reguliert, fördert die Biene (die bestäubenden Insekten) oben die Fruchtbildung der Pflanzen, das heißt den Abschluss des vegetativen Wachstums und seine Verwandlung in die Fruchtbildung.

Im siebten Vortrag des ‹Landwirtschaftlichen Kurses› sagt Rudolf Steiner, dass die Pflanze gebend und das Tier nehmend ist. Die Wissenschaft weiß heute, dass diese Wechselbeziehung eine Grundlage der Koevolution ist, zum Beispiel der Evolution der Insekten und Blütenpflanzen. Wenn es viele Blüten, aber keine Insekten gibt, um den Nektar zu sammeln, wird die Pflanze schwächer, ihre Blühkraft verkümmert. Es ist nicht so, dass, wenn kein Feind, kein Nutznießer vorhanden ist, die Pflanze besser wächst! Seelisch lässt es sich verstehen: Wenn ich etwas schenken möchte, die erwartete Person aber nicht erscheint, so bin ich enttäuscht und ‹blühe› nicht mehr.

Die Natur zeigt uns am Beispiel der Gallenbildung, wie das Zusammenwirken von Pflanze und Insekt zur Fruchtbildung führt. Eine kleine Wespenart sticht in das Blatt oder den Stängel einer Pflanze (zum Beispiel in ein Eichen- oder Rosenblatt), legt ihre Eier ab und es entwickelt sich etwas, das wie eine Frucht aussieht: ein rundes, zuerst grünes Gebilde, das später rot und schließlich bräunlich wird. Öffnet man die Galle, findet man anstatt eines Samens eine Larve. Die Natur zeigt uns, wie das vegetative Element, um Fruchtbildung hervorzubringen, die Einwirkung eines Tieres braucht (es gibt Ausnahmen wie die Gräser). Durch diese Begegnung entsteht etwas Neues die Frucht. Wenn die bestäubenden Insekten verschwinden, wie wirkt sich das auf Blüte und Fruchtqualität aus? Die konventionelle Landwirtschaft hat die ganze Landschaft überdüngt. Das vegetative Wachstum der Pflanzen wird einseitig gefördert. Dadurch wird die Aufgabe der Insekten, einen Ausgleich zu schaffen, noch wichtiger. Die drei beschriebenen Tierarten sind Alchemisten; sie verarbeiten Unmengen von toter, organischer Substanz und Erde, Gras, Nektar und Pollen und beseelen diese. Man darf diese Substanzen, in dem Sinne, dass sie alle aus der Verwandlung von pflanzlicher Substanz durch das Tier entstehen, durchaus ‹Frucht› nennen: die Bodenkrümel, die Milch, den Kuhmist und den Honig. Diese drei Tiere haben ihre einfache, äußere Erscheinung geopfert, um ihr Potenzial, ihre Weisheit in die Verarbeitung der Substanz zu geben. Vielleicht hat man deswegen schon sehr früh die Biene und die Kuh (im alten Ägypten den Mistkäfer anstelle des Wurmes) geehrt.

Jean-Michel Florin

Gekürzter Beitrag, vorblickend auf die Jahrestagung der Sektion, aus dem Rundbrief der Sektion für Landwirtschaft Sommer 2013.

Jean-Michel Florin, geb. 1961, wohnhaft in Colmar, Frankreich, Sektionsleitung für Landwirtschaft am Goetheanum, Koordinator biodynamischer Verein in Frankreich.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. Nr. 3, 17.01.2014