Auswirkungen der Schule auf die Gesundheit erforscht

Die Auswirkungen von Schule und Unterrichtsmethodik auf die lebenslange Gesundheit waren Thema einer Veranstaltung von Waldorfpädagogik aktuell auf der diesjährigen didacta in Stuttgart.

Anhand einer wissenschaftlichen Studie wurde dabei erstmalig ein möglicher Zusammenhang zwischen lebenslanger Gesundheit und der Art der besuchten Schule festgestellt.

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Demonstration der Herzratenvariabilität (HRV). Celia Schönstedt, Dr. Jan Vagedes, Prof. Dr. Christop Hueck (v.l.n.r.)

„Wir haben herausgefunden, dass ehemalige Waldorfschüler gerade bei den Erkrankungen des Bewegungsapparats bis ins hohe Alter deutlich gesünder sind als Absolventen anderer Schulen“, erläuterte Prof. Dr. Christoph Hueck von der Freien Hochschule Stuttgart. In der Studie in Zusammenarbeit mit dem sozialmedizinischen Institut der Berliner Charité waren 1.100 Absolventen von Waldorfschulen im Alter von 20 bis 80 Jahren mit Fragebögen nach ihrem Gesundheitszustand befragt und mit einer Kontrollgruppe von 1.700 Absolventen anderer Schulen verglichen worden. Gefragt wurde nach 16 chronischen Erkrankungen sowie zahlreichen Beschwerden. Es konnte auch gezeigt werden, dass die bessere Gesundheit der ehemaligen WaldorfschülerInnen nicht von außerschulischen Faktoren wie dem eigenen Gesundheitsverhalten oder dem Hintergrund des Elternhauses abhing. Selbst wenn man der Tatsache Rechnung trage, dass es sich hier nur um retrospektive Ergebnisse handele, sei dieses Resultat mit Blick auf die anthroposophische Pädagogik plausibel, kommentierte Dr. med Jan Vagedes, Direktor des ARCIM-Institutes (Academic Research in Complementary and Integrative Medicine), einem Forschungsinstitut an der Filderklinik bei Stuttgart, im Gespräch mit Moderatorin Celia Schönstedt.

Ein pädagogischer Ansatz, der nicht nur den Intellekt, sondern auch Herz und Hand fordere, habe Folgen: Von Anfang an werde der Bewegungsmensch mit einbezogen, das Kind daran gewöhnt, mit dem ganzen Körper und allen seinen Sinnen und Erfahrungsmöglichkeiten zu lernen.

In einer Demonstration der Variabilität des Pulsschlags (Herzratenvariabilität, HRV) dokumentierten die beiden Wissenschaftler auf der didacta außerdem, wie sich Anspannung und Stress auf das vegetative System auswirken. „Das Herz reagiert äußerst sensibel“, betonte Hueck, es „tanzt innerlich mit bei dem, was der Mensch erlebt.“ Die Rhythmen des vegetativen Systems würden in der Kindheit herausgebildet. „Setzt man Kinder dauerhaft unter Stress, bilden sich andere Rhythmen heraus“. Darin könnte eine der Quellen für spätere Gesundheit bzw. Krankheit liegen. Beide sehen in dem Thema noch ein weites Forschungsfeld für zukünftige wissenschaftliche Untersuchungen.

Unterschiede ergaben sich in der genannten Studie unabhängig vom Gesundheitsverhalten wie Sport, Ernährung, Rauchen und Alkoholkonsum und auch vom Bildungsstand des Elternhauses. Danach litten ehemalige WaldorfschülerInnen seltener an Arthrose (-30%), Gelenkschmerzen (-40%), Gleichgewichtsstörungen (-45%), Magen-Darm-Beschwerden (-20%) und Schlafstörungen (-30%).

Auch frühere Studien aus dem Ausland hatten WaldorfschülerInnen bereits eine bessere gesundheitliche Verfassung attestiert. Eine vielbeachtete Untersuchung aus Schweden aus dem Jahr 2006 hatte gezeigt, dass WaldorfschülerInnen signifikant weniger an Allergien litten. Die Ergebnisse dieser Studie wurde in einer internationalen Folgestudie an 14.900 fünf- bis 13-jährigen Kindern in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden tendenziell bestätigt. Als mögliche messbare Einflussfaktoren wurden vor allem eine deutlich geringere Verwendung von Antibiotika und fiebersenkenden Mitteln in der Kindheit identifiziert. Die beiden Referenten auf der didacta regten an, in Querschnittsstudien, noch besser in prospektiven, groß angelegten Längsschnittstudien, dem Zusammenhang zwischen Unterrichtsmethodik und Gesundheit noch genauer auf den Grund zu gehen.

Wie in einer neuen Publikation des BdFWS zum Thema Salutogenese (Blickpunkt 10) deutlich wird, sieht die Waldorfpädagogik einen engen Zusammenhang zwischen der Psyche des Menschen und den Kräften, die seinen Organismus entwickeln und gesund erhalten. Die Waldorfschulen tragen diesem Zusammenhang durch ihren ganzheitlichen Unterricht Rechnung. Entscheidend ist auch die Lebenshaltung mit einem rhythmischen Wechselspiel zwischen körperlichem Auf- und Abbau, Wachen und Schlafen, Erkennen und Tun.

Cornelie Unger-Leistner

Literaturhinweise:

Fischer, F. et al. (2013): The effect of attending Steiner schools during childhood on health in adulthood: A multicentre cross-sectional study. PLOS one, 8(9). (www.plosone.org)

Alfvén, T. et al. (2006): Allergic diseases and atopic sensitization in children related to farming and anthroposophic lifestyle the PARSIFAL study. Allergy, 61, S. 414-421

Flöistrup, H. et al. (2006): Allergic disease and sensitization in Steiner school children. J Allergy Clin Immunol., 117, S. 59-66 

Foto: © Bund der Freien Waldorfschulen