GEGO. Line as Object

Kunstmuseum Stuttgart - bis 29.6.

Gertrud Goldschmidt (Hamburg 1912 1994 Caracas, Venezuela), genannt Gego, zählt zu den bekanntesten Künstlerinnen Lateinamerikas und wurde mit ihren 1969 begonnen netzartigen Rauminstallationen, den Reticulareas, Vorbild fur eine ganze Kunstlergeneration. Von 1932 bis 1938 studierte sie Architektur an der Technischen Hochschule Stuttgart bei Paul Bonatz. Als Deutschland fur Gego aufgrund ihrer jüdischen Herkunft zunehmend bedrohlich wurde, emigrierte sie 1939 nach Caracas. Nach einer kurzen beruflichen Tätigkeit als Architektin und Mobeldesignerin nahm sie dort ab 1953 ihr künstlerisches Werk auf. Das Kunstmuseum Stuttgart widmet Gego als einer der bedeutendsten Künstlerinnen Lateinamerikas eine große Sonderausstellung mit über 100 Arbeiten aus allen Werkphasen.

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Gegos wichtigstes Ausdrucksmittel ist die Linie. Vier Jahrzehnte lang erforschte sie die Entfaltung der Linie zum Objekt, indem sie mit Linien Flächen, Volumen und ausgedehnte Netzstrukturen schuf. Sie begriff die Linie »as [an] object to play with«, wie sie selbst sagte. Die Linien, ihre Beziehungen zueinander sowie der entstehende Zwischenraum hatten fur Gego dieselbe Wertigkeit. Die Möglichkeiten der Linie untersuchte Gego sowohl auf der Fläche als auch in der Dreidimensionalität. Sie arbeitete immer parallel an ihren Zeichnungen und ihren plastischen Werken. Für ihre dreidimensionalen Werke mied Gego den Begriff Skulptur, da dieser traditionell über Masse und Volumen definiert wird. Ihr künstlerisches Bestreben war stattdessen von einer großtmöglichen Transparenz und Leichtigkeit geprägt. Gegos Auseinandersetzung mit der Linie beginnt in den Zeichnungen, Tuschen und Lithografien der 1960er-Jahre ein. Linien entspinnen sich in diesen Arbeiten zu Flächen. Durch Eingriffe und Störungen eröffnen sich wiederum Leerund Zwischenräume. Im Gegensatz zur funktionalen Verwendung von Linien in der Architektur, mit denen horizontale und vertikale Ausrichtungen bezeichnet werden, konstruierte Gego mit Linien in einem prozesshaften Fortschreiten offene, fließende Räume, die kein Zentrum, keine Hierarchie und keine Rander kennen. Als ausgebildete Architektin nutzte sie ihr Wissen über geometrische Formen fur ihre plastischen Gebilde. Sie begann damit, Drei- und Vierecke in den Raum zu übertragen und durch deren Durchdringung Raum zu bilden. Die früheste, in der Ausstellung gezeigte Arbeit »Vibracion en negro« (1957) basiert auf einem spielerischen Umgang mit der Mobiusschleife, einer Form, welche eine Linie in einen unendlichen Raum überführt. Mitte der 70er Jahr entstanden die »Esferas« (Spharen) und die nachfolgenden »Troncos« (Stamme). Während die erste Gruppe auf der intensiven Beschäftigung mit der Geometrie von

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Polygonen beruht, mit deren Auffaltung sich unendliche räumliche Ordnungen erschaffen lassen, ähnelt die Gestalt der »Troncos« naturhaften, organisch gewachsenen Gebilden. Reflexe auf die „Esferas« und »Troncos« sind die lichtdurchfluteten Aquarelle der 1980er-Jahre. Diese fördern, wie im Übrigen alle Werke der Künstlerin, bei der Durchdringung ihrer netzartigen Raume die aktive Wahrnehmung durch den Betrachter ein.

Die zunehmende Freiheit im Umgang mit der Linie und die Beherrschung ihres handwerklichen Tuns konkretisierten sich ab 1987 in den »Bichitos« (Kleine Viecher), in denen Gego Materialien aller Art und Relikte des Alltags verarbeitete. In der letzten Werkgruppe, den »Tejeduras« (Webereien, ab 1988), verflocht sie Streifen zerschnittener Fotos und Vorlagen aus Illustrierten, sowie Zigarettenpapiere zu mikroskopisch feinen Geweben.

Die Synthese von Gegos Erkenntnissen um Linie und Raum findet sich ab 1976 in ihren »Dibujos sin Papel« (Zeichnungen ohne Papier). Materialien wie Draht, Plastikteile und Lederhulsen wurden von Gego virtuos zu scheinbar schwerelosen, gitterartigen, vor der Wand hängenden Objekten verarbeitet, deren Schatten sich zu Zeichnungen auf der Wand ergänzen.

Neben ihrer freien künstlerischen Tatigkeit schuf Gego zentrale Werke fur den öffentlichen Raum in Caracas und unterrichtete unter anderem von 1964 bis 1977 als Professorin fur Modellieren und dreidimensionale Form am Instituto de Diseno, Fundacion Neumann, Caracas, wo Luisa Richter ihre Kollegin war. Parallel zur Ausstellung »Gego. Line as Object« werden Werke von Luisa Richter auf der dritten Etage im Kubus gezeigt.

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Über 100 Zeichnungen, Druckgrafiken und dreidimensionale Werke stellen in der Ausstellung alle wichtigen Werkphasen der Künstlerin vor. Internationale Leihgaben kommen aus dem Museum of Fine Arts, Houston, dem MACBA, Museu d’Art Contempororani de Barcelona, Privatsammlungen und von der nach dem Tod der Künstlerin gegründeten Fundacion Gego in Caracas.

Begleitend wird ein 50-minütiger Film von Nathalie David uber Gego gezeigt. Dieser wurde im Auftrag der ausstellenden Institutionen gedreht und enthält viele Kommentare von Zeitgenossen Gegos.

Die Ausstellung ist eine Kooperation von Hamburger Kunsthalle, Kunstmuseum Stuttgart und dem Henry Moore Institute, Leeds.

 

Museumskoffer: Kunst und Mathematik

Fur die große Sonderausstellung »GEGO. Line as Object« gibt es erstmalig einen Museumskoffer fur Kinder, der spielerisch Kunst und Mathematik verbindet-

Im Kunstmuseum Stuttgart können Kinder vom bis 29. Juni eine neue Kunstreise unternehmen. Bestückt mit verschiedenen Aufgaben zur aktuellen Sonderausstellung »GEGO. Line as Object« bietet der Museumskoffer die Gelegenheit, Gegos Kunst selbst zu erkunden. Rätselaufgaben, Bastelanleitungen und anregende Fragen führen die Kinder durch die Ausstellungsräume und machen sie mit den Grundfragen der Geometrie und Mathematik betraut. So entstehen plötzlich aus einem weißen Blatt Papier durch trickreiche Faltungen Dreiecke oder drei- dimensionale Objekte. Oder die sogenannte Mobiusschleife, mit der sich Gego beschäftigte, wird mittels verschiedener Experimente genauer erklärt. Die begleitenden Erwachsenen erhalten ebenfalls wichtige Informationen zum Werk der bedeutenden sudamerikanischen Kunstlerin.

Kunstmuseum Stuttgart

 

Foto: Anne & Thierry Benedetti © Fundacion Gego

Foto: Reinaldo Armas Ponce © Fundacion Gego