Waldorf-Pädagogik und „Das Un-Zerrissene Band"

Percevals Familie heute Vaterlosigkeit & Gralssuche in unserer Zeit

Zum Vortrag & Seminar am 23. & 24. Mai im Therapeutikum am Kräherwald

Ende Mai findet im Therapeutikum am Kräherwald ein Lichtbilder-Vortrag und ein Tagesseminar zu Familientherapie, Erwachsenwerden und Jugendpädagogik statt. Eigentlich ist Stephan Mögle-Stadel, Waldorflehrer für Deutsch und Geschichte, einer breiteren Öffentlichkeit eher für seine Dag Hammarskjöld-Biographie „Vision einer Menschheitsethik
und seine Globalisierungs-Monographie „Menschheit an der Schwelle Globalisierungskrise und Weltwirtschaftsdiktatur
bekannt.

Im Rahmen des Versuches, die Parzival-Epoche in der 11. Klasse „therapeutisch zu unterrichten
, absolvierte er u.a. eine Weiterbildung in systemischer Familientherapie, Traumatherapie und Psychodrama. Nachfolgend ein Interview zu den Nöten der Zeit und die Möglichkeiten von Therapie und Pädagogik darauf zu antworten.

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Das zerrissene Band: Motiv Sixtinische Kapelle Die Erschaffung Adams. Bearbeitung: S. Mögle-Stadel

Mayr: Partnerschaftstrennungen und Ehescheidungskriege überschatten heute oft die Familiengeschichten. Hat das Auswirkungen bis in die Schule?

Mögle-Stadel: Alleine in Deutschland wird mittlerweile jede dritte Ehe oder eingetragene Partnerschaft geschieden, Tendenz steigend. Bei fast 230.000 Scheidungen pro Jahr sind etwa 150.000 Kinder jährlich betroffen. In den 10 Jahren von 2003 bis 2013 waren also cirka 1,5 Millionen Kinder von der oftmals auch sehr strittigen Trennung ihrer Eltern betroffen. In vielen Klassen sitzen ihnen als Lehrer 40 bis 50 % Schüler aus geschiedenen Ehen oder nichteheliche Kinder gegenüber. Und etwa die Hälfte davon hat keinen Kontakt mehr zu ihren Vätern. Gerade bei den hochstrittigen Trennungen im frühen Kindesalter werden häufig die Väter entweder totgeschwiegen oder als monsterhafte Fremde, englisch Aliens, dargestellt. In der Gutachtenspsychologie spricht man vom „Parental Alienation Syndrom
, der Eltern-teil-entfremdung.

Mayr: Und da kann man mit der Parzival-Epoche etwas bewirken?

Mögle-Stadel: Wenn man die Parzival-Epoche nicht als eine Literaturgeschichte abwickelt oder sich exklusiv in schöngeistige Höhen hineinverirrt, dann Ja. Parzival entstammt einer zerbrochenen Familie mit einem Übermaß an Familiengeheimnissen. Sein Vater und dessen Beruf, das Rittertum, sind tabuisiert. Die Mutter leidet noch Jahre später an einem angebrochenen Herzen, was ja der Name „Herzeloyde
, Herzensleid, besagt. Wobei die Herzensdame nicht so unschuldig ist, wie sie oberflächlich wirkt. Sie hat als Alleinerziehende massive Probleme, ihren Sohn von ihrer zu engen und ängstlichen Bindungssymbiose ins Erwachsenwerden frei zu geben. Kein Wunder, dass dieser als Roter Ritter erst einmal alles Gegnerische kurz und klein schlägt, nachdem er den mütterlichen Verwandten Ither, stellvertretend für die Mutter, ermordet hat. Soviel Autoaggression. Wohin wird sie ihn führen? Das ist hochaktueller, moderner Stoff, der nicht nur biographisch-dramatisch erzählt werden sollte, sondern womit der Schüler auch zur Welt- und Selbsterkenntnis hingeleitet werden kann.

Mayr: Geht das durch Erzählen?

Mögle-Stadel: Die Erzählkunst ist nur ein Teil der Erziehungskunst. Therapeutisches Unterrichten können sie nicht nur als Frontalunterricht abwickeln. Sie müssen dazu die Raumordnung des Klassenzimmers auflösen und den Seelen- und Bewegungsmenschen am Unterricht beteiligen. Das heißt, sie spielen zum Beispiel einzelne Schlüsselszenen des Parzival und schauen, was sich daraus entwickelt. Möglicherweise tritt dann die Familiengeschichte der Schüler zu Tage.

Mayr: Sie betiteln Vortrag und Seminar als „Das un-zerrissene Band
und benutzen den französischen Ursprungsnamen „Percevale
im Untertitel. Wieso?

Mögle-Stadel: „Per-ce-val
entstammt dem Altfranzösischen, Rätoromanischen und Frankoprovenzalischen. Es bedeutet „durch-dieses-Tal-hindurch
. Wir alle sind als Menschen herausgefordert, immer wieder auch durch dunkle Täler und Depressionen hindurch zu gehen. Wir werden oft belogen und betrogen, sogar von Eltern und Lehrern. Wir verlieren unterwegs durch Rufmord Freunde, Großeltern, Väter etc. Wenn wir dabei stehen bleiben, dann erstarren wir in unserer Menschwerdung. Wir sind nicht dazu da, Papageien oder Mamageien zu werden. Aber wir brauchen beide „Eltern-teile
als Flügel zum Fliegen. Und beide haben je ihre eigenen unverzichtbaren Qualitäten. Daher ist es für unsere Seele überlebenswichtig, die Bänder, die unseren Flug als Menschen tragen könnten, nicht zerreisen zu lassen. Wir verlassen unsere Eltern, wenn wir fliegen, nicht, wenn wir fliehen. Und wir fliegen nur wahrhaftig, wenn es uns gelingt, unsere Eltern im Guten zurück zu lassen. Das ist meine Erfahrung nicht nur als Lehrer, sondern auch als Therapeut.

Mayr: Dieses unzerrissene Band gilt auch für das Geistige, wie Andreas Laudert in der Trigonal-Ausgabe vom Dezember 2013 schrieb?

http://www.trigonet.de/artikel/2013/12/-g13.html

Mögle-Stadel: Das soziale Beziehungswesen des Menschen ist Teil des Geistigen. Aber es ist ein langer Weg bevor der ganz Mensch Gewordene vor der ganzen Menschheit, die mehr ist als die Nachrichtenlage unserer Zeit, steht und besteht. Rudolf Steiner hat 1919 dafür den Begriff Menschheitspolitik geprägt.*

Stephan Mögle-Stadel, Präsidiumsmitglied der Weltbürgerstiftung für Menschenrechte, Publizist und Pädagoge, welcher z.Zt. an einem Buchprojekt zu diesem Thema arbeitet, berät auch Schulen und einzelne Menschen auf ihrem Entwicklungsweg. Kontakt via: homo.humanus.coaching@gmail.com

Stephan Mögle-Stadel

*Staatspolitik und Menschheitspolitik, Aufsätze zur Sozialen Dreigliederung (Tb.)