Das Eurythmeum feiert Jubiläum

Ein Ort wird 50 - ein Genius 90!

Vor 90 Jahren traf der Impuls Rudolf und Marie Steiners, in einer Großstadt einen Ort für die Eurythmie zu schaffen, in Stuttgart, nahe der ersten Waldorfschule auf fruchtbaren Boden. 1924 entstand dort das Eurythmeum, ein großzügiger Holzbau, in dem die ersten Eurythmisten durch Alice Fels ausgebildet werden konnten.

Von 1930-35 musste die Ausbildung ruhen, um dann um so tatkräftiger durch Else Klink und Otto Wiemer aufgegriffen zu werden und dies in einer äußerst schwierigen Zeit, die durch die Weltwirtschaftskrise und den aufkommenden Nationalsozialismus geprägt war.

Nachdem Else Klink sich zu anfangs noch mutig gegenüber der seit 1936 herrschenden Diktatur behaupten konnte, wurde das Eurythmeum 1941 durch die Gestapo geschlossen.Heimatlos, aber nicht untätig, harrten Else Klink und Otto Wiemer auf der schwäbischen Alb aus, bis sie nach Kriegsende, in Köngen einen Neuanfang wagten, großzügig unterstützt durch das Ehepaar Kühn.

Die ersten Nachkriegsjahre hindurch fand dort die Ausbildung in einfachen Baracken statt, da das Gebäude in Stuttgart, durch einen Bombenangriff völlig zerstört worden war. Das hinderte aber nicht die Studenten, Jahr für Jahr, immer zahlreicher zu kommen und auch die Bühnenarbeit wurde wieder intensiv aufgenommen.

1964, vor 50 Jahren, konnte das Eurythmeum in den neu entstandenen Bau neben dem Rudolf- Steiner-Haus umziehen. Vorausgegangen war die Gründung des Vereins Eurythmeum e.V. 1959 und die hingabevolle Unterstützung von Theodor und Erika Beltle, sowie vieler treuer Freunde! Sie sollten viele Jahre dem Eurythmeum helfend zur Seite stehen. Eine intensive Schaffensperiode begann.

Else Klink - kein Name ist so eng mit dem Eurythmeum vebunden wie der ihre! Unter ihrer Leitung wurde das Eurythmeum in den kommenden Jahren zu einem ganz besonderen Ort: Zahlreiche Schüler aus der ganzen Welt kamen hierher um zu studieren und das Bühnenensemble wurde zu einer festen Größe im kulturellen Leben der Stadt aber auch international: Else Klink trug die Eurythmie in die Welt hinaus! Große Tourneen nach Holland, Skandinavien, Rumänien, USA, Südamerika, Asien, Südafrika und Australien prägten das Bild der 70er- und 80er-Jahre.

Unter Else Klinks Feder entstanden Choreographien wie die Hebriden von Mendelsohn-Bartholdy, oder Ibsens Peer Gynt, um nur die wichtigsten zu nennen. Der Peer Gynt war dabei sicher die erfolgreichste Choreographie Else Klinks für die Öffentlichkeit und wurde überall mit vollen Häusern beantwortet. Als Auszeichnung ihres Schaffens wurde Else Klink 1986 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Anfang der 90 Jahre kam durch die Verbindung mit dem „Theater der Freundschaft der Völker
die Tournee nach Russland und Sibirien mit Alfred Schnittkes „Konzert für Klavier und Streicher
zustande. Es war die letzte große Choreographie Else Klinks und ihr Vorstoß in die Moderne.

1991 schließlich übergab sie die Leitung an den engen Kreis ihrer Schüler. Als sie 1994 starb, hinterließ sie ein großes aber auch schweres Erbe. Eine Ära war zu Ende und es hieß sich neu besinnen.

Doch die späten 90er-Jahre waren allgemein eine Zeit, in der die Eurythmiewelt nach neuen Ansätzen suchte. Es entwickelte sich der Begriff einer sogenannten Avantgarde und heftige Kontroversen entbrannten darüber, was sich noch Eurythmie nennen dürfe. Es gab eine große Zahl an freien Eurythmiegruppen, gefolgt von einer gewissen Ermüdung und Übersättigung des Publikums und einem Einbruch der Besucherzahlen. Auch die Studentenschaft schrumpfte schmerzlich. Diese Entwicklung zog sich durch alle Institutionen. Das Eurythmeum konnte, trotz aller Widrigkeiten und mit Hilfe seiner treuen Unterstützer, Tourneen in die USA, Canada, Japan, Schweden durchführen und 2001 eine große Asientournee. Doch das Erwachen kam und war bitter: In den folgenden Krisenjahren schien es gar, als müsse das Bühnen - Ensemble aus finanziellen Gründen aufgelöst werden. In letzter Minute konnte dies durch einen enormen Kraftakt verhindert werden und wieder fanden sich helfende Freunde und konnten sogar neue dazu gewonnen werden!

Doch es galt sich der Quellen zu besinnen und gleichzeitig in die Zukunft zu schauen, weiter zu forschen, die Kunst der Eurythmie, frei von Dogmen oder Rezepten lebendig und existentiell zu halten, ganz im Sinne der großen Meisterin, aber unter neuen Vorzeichen. Die Eurythmie wollte aus der Mitte heraus gefunden und bewusst ergriffen werden, sowohl im künstlerischen, als auch sozialen Prozess. Benedikt Zweifel, der schließlich in der Hauptsache die Leitung des 1994 gegründeten Else-Klink-Ensembles übernahm, stellte sich dieser Aufgabe. Aus dieser inneren Haltung und Suche, kam es schließlich Anfang der Jahrtausendwende zu einer glücklichen und schicksalshaften Zusammenarbeit zwischen Eurythmeum und Goetheanum, unter der Leitung von Carina Schmidt und Benedikt Zweifel. Der Impuls die Eurythmie in die großen Häuser hinaus zu tragen, vor ein breites Publikum, fand mit dem Projekt „Symphonie - Eurythmie
eine Renaissance! Die zwei größten existierenden Eurythmie-Bühnen, verbanden sich zu drei Produktionen in Zusammenarbeit mit den Gnessin Virtuosen aus Moskau. Zwischen den drei Projekten Symphonie-Eurythmie feierte das Eurythmeum 2007 den 100. Geburtstag Else Klinks und zeigte das Programm „Lichtspuren
. In den letzten Jahren setzte sich das Ensemble intensiv mit modernen Dichtern und zeitgenössischen Komponisten auseinander. Es entstanden aus der gemeinsamen Arbeit zunehmend auch Inszenierungen mit Choreographien der jüngeren Generation. Ein neuer Arbeitsstil hielt Einzug.

Aber auch nach innen formulierte sich das Eurythmeum neu. Die Märchenbühne war Mitte der 90er-Jahre, durch Initiative Michael Lebers entstanden und trug von nun an, unter seiner Leitung, entscheidend zur 3-jährigen Bühnenausbildung der jungen Absolventen bei. Seit dem ist die Märchengruppe zu einer kulturellen Größe herangereift. Die hier in Eigenverantwortlichkeit arbeitenden Bühnenstudenten tragen wesentlich zum Profil und Bestehen des Eurythmeum bei. Allein über 100. Aufführungen werden jedes Jahr durch sie im In- und Ausland bestritten. Tourneen nach Italien, England und mittlerweile sogar nach China sind keine Seltenheit.

Die letzten Jahre haben aber auch in der Ausbildung wesentliche Neuerungen geschaffen. Durch die Zusammenarbeit mit der Freien Hochschule Stuttgart, Seminar für Waldorfpädagogik konnte die Ausbildung den heutigen Anforderungen angepasst werden, ohne von ihrer Substanz zu verlieren. Nunmehr verlassen die Studenten die vierjährige Ausbildung mit dem „Bachelor of Arts mit pädagogischer Basisqualifikation
und haben die Möglichkeit den „Master of Arts in Eurythmiepädagogik
anzuschließen.

Sicher hat die gesamte Entwicklung dazu beigetragen, dass sich das Eurythmeum heute, als Studienstätte, wie auch als Bühnenensemble, eines wachsenden Zulaufs erfreut. Viele junge Menschen, aus weiten Teilen der Welt, kommen mit dem Impuls, die Eurythmie, sowohl als inneren, wie auch äußeren Weg zu wählen, vielleicht auch Angesichts aller existentiellen Fragen, die sich heute dem wachen Beobachter des Zeitgeschehens aufdrängen. Diese jungen Menschen, die heute bei uns studieren, oder die Bühnenausbildung absolvieren, sind unser größtes Geschenk und größte Herausforderung und geben Kraft und Ansporn für die Aufgaben und Fragen, die sich im täglichen Ringen um die Kunst der Eurythmie stellen.

Antonia Neveu