Von wegen „Fack ju“

Goethes Faust in sieben Tagen...

An sieben Tagen haben 150 WaldorfschülerInnen aus sechs deutschen Städten vor 4.500 ZuschauerInnen in der Rudolf-Steiner-Schule Ismaning den gesamten Faust I und II von Johann Wolfgang von Goethe aufgeführt. Sämtliche Abendvorstellungen waren ausverkauft, viele Interessenten hatten sich sogar auf Wartelisten setzen lassen, um diesem einmaligen Schülerprojekt der 12. Klassen der Freien Waldorfschulen Wendelstein, Halle/Saale, Erftstadt, Saar-Hunsrück, Hildesheim und der Rudolf- Steiner-Schule Ismaning beizuwohnen.

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Faust Festival - WS Wendelstein
Foto: © Jonas Ribitsch

„Seit vier Wochen hatte ich kein Wochenende mehr“, sagt Joshua U. aus Ismaning, „aber es macht trotzdem Spaß! Wir sind ja schließlich alle freiwillig hier und die Klassengemeinschaft ist unglaublich gewachsen“, so der 17-Jährige. Er spielt verschiedene kleinere Rollen im 5. Akt von Faust II und fühlt sich dadurch nur noch mehr bestätigt in seinem Wunsch, einmal eine Schauspielausbildung zu machen. Denn: „Sie ist eine gute Grundlage für alles Weitere im Leben“.

Die Jugendlichen halten die Themen aus dem Faust für hochaktuell und sehen in Goethe einen weit vorausschauenden Visionär: „Das Streben nach Macht und eine gewisse Maßlosigkeit, wenn Faust auch das letzte Stück Land noch besitzen und beherrschen will, erlebe ich heute überall in der Gesellschaft“, meint Kilian F. (17), der im letzten Akt des Faust II den Faust spielt.

Auch Fenja S. (17), die „die Sorge“ und einen Engel darstellt, sieht viele Parallelen: „In unserer heutigen Konsumgesellschaft sind wir täglich zahlreichen Verführungen ausgesetzt, so wie Faust es durch Mephisto erlebt.“ Joshua findet, dass Werbung und Medien, vor allem das Internet, uns ständig mit diesen Kräften konfrontieren.

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Faust Festival-Premierenabend.
Foto: © Ismaning - Jana Stehli

Beim Faust-Festival Ismaning haben die Beteiligten nicht nur soziale Prozesse real erfahren, sich in der Gemeinschaft mit SchülerInnen aus ganz Deutschland neu erlebt, Zielstrebigkeit und Disziplin durch die Probenarbeit weiterentwickelt, sondern auch ihre Kreativität in besonderer Weise erprobt. Sie kam beim Nähen der Kostüme, beim Kulissenbau und dem Gestalten der Plakate zum Einsatz.

Bei verschiedenen Gelegenheiten hatten die Jugendlichen im Vorfeld Geld für ihr Projekt gesammelt und unter anderem erfolgreich einen Crowdfundingfilm für startnext.de erstellt. So konnten die Reisen nach Ismaning organisiert und bezahlt werden, um schlussendlich mit zahlreichen professionellen HelferInnen ein Theaterprojekt auf sehr hohem künstlerischem Niveau zu realisieren. Jede einzelne der beteiligten 12. Klassen brachte ihren Teil des Faust zur Aufführung, doch erst die Summe aller Teile führte am Ende zum Ganzen: den jeweils sechs Vormittags- und Abendaufführungen des Faust-Festivals Ismaning vom 22. bis 28. Februar 2014, die Faustexperte und Regisseur Alfred Kon als „Anfang eines Kulturimpulses“ bezeichnete.

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Faust Festival - RSS Ismaning
Foto: © Florian Flade

Erstaunlich bleibt am Ende für alle die Erkenntnis, dass WaldorfschülerInnen sich untereinander immer schnell erkennen: „Man setzt sich im Schneidersitz auf den Boden und weiß Bescheid“, erklärt Joshua zum Abschluss und läuft los, um sich in der Maske in seine erste Figur des Wanderers verwandeln zu lassen, den er in der ersten Szene des letzten Faust II-Aktes darstellt.

Alle Abendvorführungen auf DVD mit Faust I und II sind als Set (3 DVDs) ab April 2014 zum Preis von 26,80 Euro (inkl. MwSt., zzgl. Versand) erhältlich. Zu beziehen im Internet unter: http://www.dvd.faust-schuelerprojekt.de/

Bund der Freien Waldorfschulen e.V.