Fragmente eines Lobs der Sterblichkeit

‹Google gegen den Tod› titelte das Time-Magazine zu Michaeli. Der jugendliche Konzern, mit einem Haushalt größer als mancher Staat, ein Konzern mit einer Intelligenzdichte, die Universitäten in den Schatten stellt, hat sich entschlossen, in die Unsterblichkeit zu investieren, in Medizin und Technik für jenen ‹Menschheitstraum›. Es wäre naiv, davon auszugehen, Google müsse in dieser Frage erfolglos bleiben. Es bleibt uns die Aufgabe, das Wesen der Sterblichkeit zu denken, zu ergründen, zu loben.

Die häufigste Erklärungfür den Wunsch, unsterblich zu sein, ist die Angst vor dem Tod, die Liebe zu uns selbst. Es macht uns ungehalten und heilig-zornig, weil wir meinen, wir hätten doch ein Recht, zu dauern. Aber psychologische Muster verdecken, dass es sich beim Wunsch nach Unsterblichkeit womöglich um eine Angst vor dem Leben handelt. Denn Leben bedeutet den Wechsel von Sphären und Phasen, von Frühling und Sommer, Herbst und Winter, es sind Übergänge zwischen Ballung und Lösung, Einatmen und Ausatmen, Erkennen und Vergessen. Ein Glück, dass wir sterblich sind, dass wir trauern dürfen, Sehnsucht haben können nach Zuständen, die wiederhergestellt werden sollen, und dass es andere gibt, derer wir überdrüssig sein dürfen. Wenn wir dieser Spannung beraubt werden, verlieren wir Gestaltungsspielräume und vielleicht steckt nichts anderes dahinter, wollen die Propheten im Labor genau dies: die Kontrolle, und verkennen dabei den Ernst der Schöpfung. Es mag naheliegend sein, den Tod zu kritisieren. Doch tatsächlich  im Licht einer Unterscheidung Heinrich Bölls  wird er so denunziert und in ihm das Leben. Beide gehören zusammen und sind einander treu, fast möchte man sagen: ein Leben lang.

Gott ist diskret.Wer alles programmieren und perfektionieren will, macht sich sterblicher, als er je war, entbehrlicher, als er je gedacht hätte. Er versteht jenes Geheimnis nicht, dass, weil es Geburt gibt, wir ungeboren bleiben, und dass wir, wenn es den Tod nicht gäbe, sterben würden. Es gibt Geister, die drehen sich weg, wenn der Ultraschall sie vor der Zeit behelligt und die mütterliche Sakristei durchforscht, um alles zu wissen, alles zu erfahren. Jedes Lob der Sterblichkeit ist Ehrfurcht vor einer Schwelle im Denken, vor der Ohnmacht. Wenn wir nicht gehen, können wir nicht wiederkommen. Wenn wir nicht der Materie verfallen, können wir sie nicht überwinden. Wir müssen entbehren, um zu begreifen. Schiene, noch einmal zu leben, nicht manchmal so unerreichbar fern, wir kämen dem Leben nie nahe, wir kämen ihm nicht auf die Spur, weil es keine hinterließe. Im unsterblichen Subjekt muss das Interesse für fremde Blickwinkel erlöschen, für die Perspektive des Nächsten. Die Unsterblichkeit macht uns ungenau, weil sie exakt ist. Im luxuriösen Panoramablick auf die eigene Spezies hebt sich der Respekt vor speziellen Existenzen auf, und ist es nur die kleine des Fadenwurms.  Gibt es auch Nahlebenserfahrungen? Oft fühlen wir uns ja wie lebend tot, mitten im Dasein, wir kommen nicht weiter, bleiben stecken, ziehen uns wieder zurück: unvermittelt. Wie jener, der in seiner Biografie meistens unglücklich gewesen war, dann näherte er sich dem Tod, und man hätte meinen sollen, mit nichts mache er mehr seinen Frieden, als endlich sich lösen zu dürfen. Dann aber, urplötzlich, erwachte unbändige Lebenslust. Er verzweifelte, er wollte jetzt so gerne leben, freute sich an jedem Ding, jeder Blume, jeder Hoffnung. Zu spät. Und doch nicht zu spät! Nur inmitten des Übergangs, gerade aufgrund dieser Not konnte er vordringen zu sich selbst. Er brauchte den erhabenen Widerstand, die paradoxe Spannung. Die Nahlebenserfahrung.

Die Unsterblichkeit ist ein Misstrauensvotum, sie ist eigentlich ein Plädoyer gegen die Liebe, denn diese ist eine Reaktion, ein Entschluss gewiss: auch Geschenk und unwillkürliches Gefühl. Doch dass alles so bleibt, wie es war, wünscht die Liebe nur, wenn sie noch ein Kind ist. Die gewachsene Liebe sagt Ja zu ihrer Endlichkeit. Darin liegt ihre Würde: dass sie die Wege des Geliebten beschützt und begleitet, und führen sie auch von ihr weg. Die Liebe bejaht ihre Gefährdung.   Wenn wir im Wesen berührt sind von etwas, vom Wesen, plötzlich und momentan und doch wie seit je und für immer, und wir uns auf einmal so lebendig fühlen, so ganz dann lauert schon der schwindelerregenden Erhebung jäher Abstieg. Denn das Wesen braucht Grund, zu erscheinen, es braucht die Versenkung. Wie die Erde die Sonne braucht, um sich auf sie beziehen zu können. Sie brauchen einander, als Zeugen weil das nicht Alltägliche sich nur im Alltag ereignen kann.  Die Unsterblichkeit braucht keine Zeugen. Alles steht stets vor Augen, man wird blind davon. Erst dass wir vergehen, führt uns zueinander. Sterblich sein hilft uns, Beziehungen herzustellen. Erst der Tod nötigt uns dazu gütig wie er ist (da auch er zu Christus gehört?) , einander zu begegnen. Was uns im Jenseits bleibt, sind die Verhältnisse, die wir eingegangen sind: mit Gefährten, die bezeugen, dass wir möglich waren, auch wenn wir uns unmöglich gemacht haben. Wären wir immer da, müssten wir nicht miteinander sprechen. Wir nähmen uns nur zur Kenntnis, ohne das Kennen neu lernen zu müssen. Wären wir unentwegt wach, würden wir nicht voneinander träumen.

Und so lobe ich das Altern des Körpers,und auch das Altern von Gedanken. Ich lobe das Haar, das licht wird, den Knochen, der ermüdet, die Haut, die sich überall faltet, wie zum Gebet. Ich lobe den Schritt, der sich Zeit lässt, ich lobe die Mühe, den Aufgang, die Stufe. Mag die Wissenschaft die Rolltreppe nehmen oder gläserne Riesenlifts in die Wolke, es kratzt sie niemals.  Jedes Lob des Verfalls will in allem, was zugrunde geht, das achten, was es einmal entstehen ließ. Ich lobe den Blick, der schon wie von fern ist, das Auge, das belehrt wird darüber, dass alles, was es auf Erden sah, noch nicht alles war. Ich lobe die Worte, die stammelnder die Lippen verlassen, die uns auf der Zunge liegen, erschöpft, aber lauschend.  Selbst die Schönheit des gebeugten Rückens lobe ich, den Menschen, der sich seinem Ende zuneigt und lächelt: Ah, da bist du ja, mein Freund! der eine Zuneigung fasst zu sich selbst, und staunt.  Gelobt sei das gescheiterte Leben, alles, was aufgeschoben und ausgespart blieb und nur Traum. Die ungemalten Linien Rembrandts, Bachs nie notierte Fugen und Hölderlins nicht mehr geschmiedete Verse. Ich lobe die Krankheit, weil sie uns erinnert. Ich lobe die Fehler, die wir begingen: Feste des Lebens!  Ich lobe das göttliche Wesen, das sterblich werden wollte, um mitzufühlen, was Verzicht und was Menschsein heißt, und das uns zu verstehen gab: Seht, wenn das Leben vorübergeht, passiert es Euch.

Wer möchte ein bloß Verlängerter sein.Wie tief soll der Kelch, den wir trinken müssen, noch sinken. Die Welt ist kein Bierlokal, wo ständig nachgeschenkt wird, bis wir uns, besoffen von Bewusstsein, übergeben.  Ein Konzert will von seiner Zugabe her verstanden sein, aber man kann nicht mit ihr starten, nur weil man mit ihr rechnet.  Das Lied des Lebens nicht auf Repeat stellen. Es nachklingen lassen. Danken lernen.  Es gäbe keine Geschichten, es gäbe nichts zu erzählen, von keiner ringenden Seele. Kein Grund zu klagen, keine Vorfreude. Dasein nur über den Leib verstehen, heißt, ihn nicht schätzen, ihn missverstehen. Er aber nimmt die Auferstehung ernst. Der Leib hört sie. Ein Wandeln von Schritten auf dunklem Wasser, ein Hauch in der Luft.  Warum also, um Gottes willen, unsterblich sein? Es verführt, alles, was war, in einem Zug korrigieren zu können, nichts hat mehr Folgen, alles summiert sich nur, wir werden Reihen statt Glieder, Serientäter, gleichgeschaltet.  Dabei überlebt nur, was wir sein lassen. Was wir gut auch hätten bleiben lassen können, wird bleiben und verbessert uns nachhaltiger als jede Optimierung.  Liebende wissen: Sie sind sterblich ineinander verliebt. Sie bitten die Ewigkeit: Mach uns nicht ungeschehen. Nimm uns nicht zurück.

Warum schreiben heute so viele ihre Geschichte auf? Weil wir narzisstisch sind? Oder doch, weil wir uns fürchten? Weil wir ahnen, dass wirklich «alles eitel» und vergänglicher ist denn je? Die Maschine wird uns nicht überliefern, wir interessieren sie nicht, sie archiviert nur unser numerisches Vorkommen. Wer bezeugt unsere Einmaligkeit? Wer erzählt mich? Es muss doch eine innere Chronik, eine andere Niederschrift meines Gewesenseins geben! Warum, um Gottes Willen, sterblich sein wollen?  Gegen diese Panik posten wir an. Wir wollen nicht vergessen werden, also erinnern wir uns vor der Zeit: noch während wir leben oder wo wir erst begonnen haben. Wir bringen uns in Erinnerung, bringen uns jeden Tag über den Todesfluss: Erfahrungen.  Hat man diese Angst einmal begriffen sie erscheint nicht so, sie erscheint als Geplapper , fühlt man Mitleid und erhebt sich nicht über die überzeichnete Welt.  Einander in Sicherheit bringen zur Sprache. Statt sich in Sicherheit wiegen zu lassen: der Kahn Menschheit auf seiner letzten Irrfahrt, verschaukelt von Algorithmen.

Die Fresken, Romane und Bauten, die Plastiken und die Musik: was wir geschaffen haben, möge unsterblich sein (oder das, was es in uns bewirkte) doch nicht wir selbst, nicht unser Körper. Wie könnten wir wollen, dass man ihm den Schlaf nicht gönnt, nicht die Freude des Erwachens, nicht die Hilfen des Übergangs, die jedes Kind braucht, um sich zurechtzufinden, dessen Wege ins Leben ja auch ständig in nächste und größere münden! Ohne Zahnwechsel hat das Jenseits keinen Biss. 

Irgendwie ist die Unsterblichkeit ein fortwährender Piepton, ein ohrenbetäubender Lärm. Sie ist so todlangweilig wie die Wörter, die wir, unterwegs in den ices dieser Welt, als erste in die Handys krähen: Ich bin gerade! Ich bin da und da! Wollten wir nicht weg? Oder wollten wir erreichbar sein, um dann doch nur zu bestätigen: wir kamen keinen Schritt voran? Über Geräte geneigt irren wir durch Fußgängerzonen, blicken nur kurz bei Hindernissen auf: Ärgernis Mensch.  So beugt sich der Unsterblichkeitshype letztlich den Kategorien des Todes. Er bestätigt die Macht, die dieser auf uns ausübt. Dabei ist der Tod im Wesen gütig und entwaffnend, nur seine Feinde sind bis an die Zähne mit Zahlen ausgerüstet. Sie laborieren an einer Krankheit des Herzens, die sie nicht bemerken.  Still jetzt. Da zeigt uns ein Mensch einen Weg.  Was bedeutet er uns? Was bedeutet uns die Auferstehung?

Andreas Laudert

Andreas Laudert, geb. 1969 in Bingen, studierte an der Universität der Künste Berlin und am Priesterseminar der Christengemeinschaft. Er schreibt über kulturelle und gesellschaftliche Themen und wirkt als Dozent unter anderem am Philosophicum in Basel. In diesem Herbst ist erschienen: „Und ist ein Verbindungswort, das Du ist es auch. Wege zu einer anderen Selbstlosigkeit“ (Verlag Freies Geistesleben, Falter-Reihe, Stuttgart 2013).

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. Nr. 48, 30.11.2013