Transplantationsmedizin

Wissen wir, was wir tun?

2012 wurde ein neues Transplantationsgesetz verabschiedet mit dem Ziel, die Bereitschaft zur Organspende zu erhöhen. Propaganda statt Aufklärung und Missbrauch in einigen Transplantationszentren bewirkten das Gegenteil.

In der zweiten Jahreshälfte 2012 wurden massive Verstöße, Unregelmäßigkeiten, skandalöse Zustände bekannt, sowohl bei der Organvergabe als auch bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) und bei der Organentnahme. Von offizieller Seite wird bis heute beteuert, es handele sich lediglich um Einzelfälle: Diese Skandale offenbaren aber gravierende Systemfehler. Der Bürger merkt diese Probleme: Die Spendenbereitschaft ist 2012 um etwa 13 Prozent gesunken, in den ersten drei Monaten 2013 bereits um weitere 20 Prozent. Die eingeleiteten Schritte, um die Wiederholung solcher Skandale zu verhindern, sind nur Kosmetik: An den strukturellen Konstruktionsfehlern hat sich nichts geändert. Im Sinne der unerlässlichen Aufklärung möchte ich im Folgenden die Phänomenologie des Patienten im ‹Hirntod› schildern sowie die Widersprüche im Zusammenhang mit der ‹Hirntod›-Feststellung.

Entmündigung der Wahrnehmung

Durch vielfältige Ursachen (Unfall, Gehirnblutung, Operation) kann das Gehirn unwiederbringlich zerstört werden; dieser Zustand entwickelt sich innerhalb von Stunden oder Tagen zum Vollbild der Erkrankung. Der Patient im Hirnversagen ist ein tief komatöser, beatmeter Patient ohne wachrationales Bewusstsein, da Klein-, Groß- und Stammhirn zerstört sind so jedenfalls die Definition.

Stammhirngebundene Reflexe sind erloschen: so zum Beispiel der Kornealreflex sowie Hustenreflex. Die Pupillen reagieren nicht mehr auf Lichtreize. Schutzreflexe auf Schmerzreize sind nicht zu provozieren. Rückenmarksreflexe sind noch vorhanden: so zum Beispiel der Patellarsehnenreflex am Knie oder die Erektion beim Mann. Insgesamt sind noch über zehn Reflexe auslösbar. Reflexe sind Lebensphänomene, gehören zum Leben, unabhängig vom Ort ihrer Entstehung. Ein Toter, eine Leiche, hat keine Reflexe!! Befürworter der ‹Für-tot-Erklärung› behaupten: es seien nur Reflexe, daher sei der Mensch tot. Diese ‹Logik› entspricht einer ‹Ethik des Wegdefinierens›, ist eine Entmündigung der Wahrnehmung.

Patienten im Hirnversagen zeigen viele Lebensvorgänge, die integrative Funktionen haben: innere Atmung (der Gasaustausch zwischen Blut und Gewebe), Zellatmung, Blutdruckregulierung, spontane Herztätigkeit, Temperaturregulierung, Ausscheidungen (Urin und Stuhl), Stoffwechselvorgänge sowie Hormonausschüttungen und -bildung, Blutbildung und -gerinnung. Diese Phänomene beschreibt die Biologie korrekterweise als zum Leben gehörig. Wie gravierend solche Funktionen gestört sind, zeigt uns den Schweregrad der Erkrankung an: Ein Schwerstkranker, ein Sterbender ist aber phänomenologisch ein Patient, nicht bereits ein Toter.

Lebenserscheinungen

Bei ‹hirntoten› Patienten sehen wir Lebenszeichen des vegetativen Nervensystems: Es steuert vom Willen unabhängige, innere Lebensvorgänge, wie beispielsweise Puls, Blutdruck, Drüsentätigkeit. Werden ‹Hirntote› zur Organentnahme einer Operation unterzogen, zeigen sie vegetative Reaktionen, die jeder Mensch unter Operationsbedingungen auch zeigt: Der Hautschnitt des Chirurgen bewirkt, trotz Narkose, einen unbewusst erlebten Schmerz. Dadurch wird der Puls beschleunigt, der Blutdruck erhöht sich deutlich, die Ausschüttung der Stresshormone wird um ein Vielfaches gesteigert; bei passivem Hochheben des Kopfes steigen Puls und Blutdruck. ‹Hirntote› zeigen unter Narkose Reaktionen, die Lebenserscheinungen sind. Solche Äußerungen gehören phänomenologisch zweifelsohne zum Leben ein Toter zeigt solche Reaktionen nicht. Bei einer Sektion wird keine Narkose vor der Eröffnung des Leichnams gemacht. Die oben beschriebenen Lebenszeichen sind Reflexe, aber wodurch werden sie ausgelöst? Sie deuten auf eine tief unterbewusste Schmerzwahrnehmung des ‹Hirntoten› hin. Sollen für tot erklärte Menschen, die trotz Narkose solche Lebenserscheinungen zeigen, tot sein? Es ist eine absurde Vorstellung! Dazu die DSO: «Es ist in der Tat nicht zu belegen, dass eine für hirntot erklärte Person tatsächlich über keinerlei Wahrnehmungsvermögen, insbesondere Schmerzempfindlichkeit, verfügt. Namhafte Neurologen und Neurophysiologen schließen allerdings ein Wahrnehmungsvermögen und Schmerzempfindungsvermögen bei Hirntoten aus.» Wissenschaftlich korrekt ist lediglich die Aussage, dass wir nicht wissen, ob und was Menschen im Zustand des Hirnversagens spüren oder wahrnehmen; eine Wahrnehmung alleine aufgrund einer Definition auszuschließen, ist unredlich.

Um diese Lebenserscheinungen eines sterbenden Patienten auszuschalten, werden Organe unter Teil- oder Vollnarkose oder auch ‹nur› unter Ausschaltung der Muskelreflexe entnommen; diese Patienten werden bei der Organentnahme fixiert dies, obwohl ‹Hirntote› für tot definiert wurden und mit Totenschein in den OP gebracht werden: «Von Kadavern wurde bislang noch nicht berichtet, dass sie bei Sektionen hätten narkotisiert oder angeschnallt werden müssen» bemerkt zynisch Manfred Balkenohl.

Die drei Säulen einer Narkose sind Schmerzausschaltung, Bewusstseinsausschaltung und Muskelrelaxierung: Eines oder zwei dieser drei Elemente werden angewandt. Die Notwendigkeit einer Narkose wird von den Befürwortern des ‹Hirntodes› vehement bestritten, in der Literatur jedoch diskutiert in manchen Ländern, wie beispielsweise in der Schweiz, sogar vorgeschrieben. Meist wird sie organprotektive Therapie genannt, um darüber zu täuschen, dass es sich um die Behandlung von Lebenden handelt. Die Ärztekammer schrieb 2001: «Die Tätigkeit des Anästhesisten bei der Organentnahme zu Maßnahmen wie zum Beispiel der künstlichen Beatmung, der Kontrolle der Herztätigkeit und des Kreislaufs sowie der notwendigen Ruhigstellung der Muskulatur dient ausschließlich der Erhaltung der Funktionsfähigkeit der zu entnehmenden Organe» also: optimaler Erhalt von Vitalfunktionen der Organe, denn es werden genau die Aufgaben des Anästhesisten beschrieben, die dieser bei jeder Operation zu übernehmen hat und das bei einem Toten? Vitalfunktionen können grundsätzlich nur so lange erhalten werden, wie eine Vita besteht.

Gleichsetzung von Hirntod und Tod

Ein weiteres Phänomen lässt die Gleichsetzung von ‹Hirntod ist gleich Tod› als Absurdität erscheinen: die Berichte über Schwangerschaft bei ‹hirntoten› Frauen. Es sind in der Weltliteratur nur wenige beschrieben, vereinzelt wurde über längeres Überleben von Mutter und Kind selten über die Geburt eines gesunden Kindes berichtet. Die Behandlungen von Patientinnen im Hirnversagen, die schwanger waren, so geschehen in der Filderklinik 1991 (bis zur Geburt eines gesunden Kindes) und in Erlangen 1992 (Spontanabortus), beweisen geradezu, dass solche Patientinnen lebende Menschen sind. Beide Patientinnen erfüllten die ‹Hirntod-Kriterien› in der damaligen gültigen Fassung.

Eine intakte Schwangerschaft bei einer ‹hirntoten› Patientin entzieht dem Hirntodkonzept elementar und grundlegend den Boden. Es ist deutlich: Menschen im Hirnversagen sind Schwerstkranke, Sterbende, aber nicht tot. Organentnahme ist die Tötung eines Sterbenden.

Nur knapp zehn Prozent der Spender hatten sich früher zur Spende bereit erklärt bei über 90 Prozent der ‹Spender› erfolgt diese alleine nach Zustimmung der Angehörigen. Eine Tötung kann nicht gerechtfertigt werden auch nicht, wenn sie zu einem ‹guten› Zweck erfolgt, nämlich zum Nutzen des Organempfängers. Kann es ein ‹Justified killing› geben? Einen Sterbenden im Hirnversagen für tot zu erklären, um bei Organentnahme eine Tötung zu umgehen, stellt eine utilitaristische, willkürliche Setzung dar, die mit Redlichkeit als Voraussetzung für jede ethische Betrachtung nicht zu vereinbaren ist.

Das Hirntod-Konzept

Was besagt aber das ‹Hirntod-Konzept›? Die Ärztekammer formuliert es folgendermaßen: «Der Hirntod wird definiert als Zustand der irreversibel erloschenen Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms.» Alle Funktionen von Groß-, Klein- und Stammhirn müssen also unwiederbringlich erloschen sein. Im Harvard -Konzept war noch eine komplette Areflexie gefordert. Diese hätte aber die Zahl der Spender extrem reduziert, daher wurde nach 1968 nur die Gehirnareflexie definiert. Die meisten hormonellen Funktionen und Ausschüttungen, die zum Hirnstamm gehören, sind bei Hirntoten intakt oder nur leicht gestört. Alle diese Funktionen müssten ausgefallen sein, wenn man als Bedingung des Hirntodes den kompletten Ausfall des Hirnstamms fordert. Stattdessen wird behauptet, dass noch vorhandene hormonelle Regelkreise dem ‹Hirntod› nicht widersprechen würden. De facto haben wir weltweit die Situation, dass man eine gravierende Schädigung des Stammhirns nachweisen kann. Über das Großhirn ist eine Aussage äußerst eingeschränkt möglich, über das Kleinhirn ist keine Aussage möglich. Es gilt faktisch lediglich das Teil-Hirntod-Konzept eine sehr beunruhigende Situation!

Wir müssen also feststellen, dass die Bedingungen, die im Gesetz gefordert werden und die die Ärztekammer aufgestellt hat, nicht erfüllbar sind. Die Tests können weder die geforderte Sicherheit liefern noch den Ausfall des Gesamtgehirns beweisen. In der Diagnostik stellen wir das Vorhandensein einer Erkrankung, eines Zustandes fest: beispielsweise durch ein Röntgenbild wird festgestellt, dass seit dem Sturz ein Knochenbruch vorliegt. Wir stellen einen präexistenten Zustand fest. Bei der ‹Hirntod-Diagnostik› entsteht der Zustand (tot) durch die Diagnostik selbst, die Setzung ‹Hirntod ist gleich tot› entsteht erst durch die Diagnostik. Das Sollen bestimmt also das Sein.

Das Menschenbild der Transplantationsmedizin ist im Grunde genommen ein primitives, auf Descartes basierendes: Der Mensch ist maschinenähnlich, die Teile Organe sind ersetzbar. Das Zentrale des Menschen, das alles koordiniert, ist das Gehirn; hier sitzt das typisch Menschliche. Daher ist der Mensch tot, wenn sein Gehirn nicht mehr funktioniert: das ‹Hirntod-Konzept›. Ein solches Konzept ist weder mit dem christlichen noch mit dem Steiner¼schen Menschenbild vereinbar.

Paolo Bavastro

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 35-36, 31.8.2013.

Zu verschiedenen Aspekten dieses Artikels arbeitet Paolo Bavastro zurzeit an einem umfangreichen Buch.

Paolo Bavastro: Internist, Kardiologe, Ethiker, Stuttgart. Zahlreiche Publikationen zu ethischen Fragen der Medizin. Ein Buch zur Organtransplantation ist in Arbeit. Der vollständige Artikel samt Fußnoten kann beim Autor bezogen werden: p.bavastro@t-online.de