Waldorfkindergärten e.V. und Dr. Helmut von Kügelgen

Eine inspirierenden Zusammenarbeit

Meine erste Begegnung mit Helmut von Kügelgen fand 1981 im Konferenzraum des Waldorfkindergartenseminars in Stuttgart statt. Anlass dazu war meine Bewerbung um die Stelle als Dozent für Pädagogik, Psychologie und Waldorfpädagogik. Ich war ein mit Berufserfahrung ausgestatteter Sozialarbeiter, hatte Erziehungswissenschaft studiert, einige Unterrichtspraxis als Dozent an einer Fachschule brachte ich mit- und ich hatte in einem Frei-Jahr das Anthroposophische Studienseminar in Stuttgart besucht. Aber dennoch, ich kam eher von „ Außen“.

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Helmut von Kügelgen

Es folgte eine Dozententätigkeit insgesamt wurden es 24 Jahre. Über einige Jahre hin war Helmut von Kügelgen mein Mentor, ohne dass dies je ausgesprochen werden musste. Nach drei Jahren stellte er dann die Frage: „Lieber Herr Lang, meinen Sie nicht auch, dass Sie jetzt die Leitung der Fachschule übernehmen könnten?“ Nachdem auch das Dozentenkollegium dieses wollte, war ich 21 Jahre lang Leiter der Freien Fachschule-Waldorfkindergartenseminar, staatlich anerkannt, in Stuttgart.

Ab 1989, als die Mauern fielen, begann dann für von Kügelgen und mich, mitgetragen vom Fachschulkollegium, ebenso wie für viele andere Pädagogen, eine neue und intensive Phase der internationalen Zusammenarbeit zum Beispiel in Moskau, St. Petersburg, in Polen, Ungarn, der tschechischen Republik, in Kirgisien, aber auch in Japan usf. Längst hat sich aus diesen Anfängen ein lebendiges Netzwerk internationaler und menschlicher Zusammenarbeit über die Welt hin entwickelt.

Helmut von Kügelgen war ein Meister im Gestalten von Begegnungen, sein tiefes Interesse am Menschen und an der Menschheit war offenkundig, sein Denken und Handeln war auf die Aufgaben der Zeit ausgerichtet - und er bezog zu den jeweiligen Aufgaben klare Positionen, zum Beispiel auch zu dieser: Waldorfkrippen, ja oder nein? Seine Antwort; „Ja, aber die Qualitätsfrage bei der Arbeit mit ganz kleinen Kindern müsse allerhöchste Priorität haben“.

Schon 1947 war er an der Gründung des Verlages Freies Geistesleben beteiligt, übernahm die Schriftleitung der Zeitschrift „Erziehungskunst“, initiierte die Begründung des Freien Jugendseminars in Stuttgart, beteiligte sich aktiv am Wiederaufbau der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland- und er war bis 1975 Klassenlehrer an der Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart.

Am 19.10.1969 begründeten Helmut von Kügelgen, sowie eine Reihe von erfahrenen Pädagogen aus den Waldorfkindergärten, mitgetragen durch Persönlichkeiten aus der Waldorfschulbewegung sowie einer intensiven Zusammenarbeit mit dem „Bund der Freien Waldorfschulen“ „die Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten e. V.“ Diese Vereinigung war von Helmut von Kügelgen in erster Linie nicht als Organisation oder Institution gedacht, sondern vielmehr als ein lebendiger Organismus, als ein Ort des Zusammenwirkens und Zusammenarbeitens über die ganze Welt hin.

Die Veranlassung zur Gründung der „Vereinigung“ war ein bildungspolitischer, zeitaktueller, ging es doch damals wie heute - um die Verschulung des Kindergartens, die Vorverlegung des Einschulungsalters, um eine vereinseitigende, intellektualistische Pädagogik, einen Umbau der altersgemischten Kindergartengruppen in Jahrgangsklassen, es ging um die Auseinandersetzung mit einer Bildungspolitik, die ein „Je früher desto besser“, ein „je schneller umso kostengünstiger“ - propagierte. Dieser Entwicklung musste Einhalt geboten werden, ebenso wie dem beginnenden Vormarsch der elektronischen Angebote d.h. einer Okkupation der frühen Kindheit. Im Kern war und ist die Aufgabe, im Zeitalter einer massiven und weltweiten Ökonomisierung der Kindheit, -mehr denn je, eine an den Entwicklungsbedürfnissen der kleinen Kinder und dem Achten ihrer jeweiligen Individualität sich ausrichtenden Pädagogik, Methodik und Didaktik zu verwirklichen. „Nicht Forderungen und Programme sollen aufgestellt, sondern die Kindesnatur soll einfach beschrieben werden. Aus dem Wesen des werdenden Menschen heraus werden sich wie von selbst die Gesichtspunkte für die Erziehung ergeben“.(Rudolf Steiner,1907, Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft).

Waldorfkindergarten-Seminare entstanden, staatlich anerkannte Fachschulen gründeten sich, in denen Waldorfpädagogen grundständig ausgebildet wurden. Jährlich stattfindende, internationale Tagungen dienten der Menschenbegegnung, der Fortbildung, sowie der geisteswissenschaftlichen Vertiefung. An diesem Zusammenwirken in Deutschland sowie in vielen Ländern der Welt, war Helmut von Kügelgen inspirierend und gestaltend über viele Jahre aktiv. Immer wieder ermutigte er Menschen, Mitarbeiter zu werden an den, wie er sie nannte „menschheitlichen Aufgaben“.

Obwohl oder gerade weil Helmut von Kügelgen so viele Jahre in der Waldorfkindergartenbewegung aktiv war, bestand zugleich und immer eine sehr enge, lebendige Beziehung zur Waldorfschulbewegung, die ihm ein Herzensanliegen war und in deren Gremien er bis gegen Ende seines Lebens aktiv blieb. Er verstand es als Teil seiner Lebensaufgabe, dass diese beiden großen pädagogischen Bewegungen so dicht wie möglich zusammen arbeiteten. Diesen Zusammenhang und Zusammenhalt zu pflegen, aktiv zu gestalten und mit Leben zu füllen, ist unsere Aufgabe.

Vor einigen Monaten verstarb der „Weltbürger“ Nelson Mandela. Vor Jahren eröffnete er ein waldorfpädagogisches Zentrum in einem Township in Johannesburg. Sein Aufruf, seine Mahnung von damals soll Auftrag für uns sein:

„Eine Gesellschaft offenbart sich nirgendwo deutlicher als in der Art und Weise, wie sie mit ihren Kindern umgeht. Unser Erfolg muss am Glück und Wohlergehen unserer Kinder gemessen werden, die in einer jeden Gesellschaft zugleich die verwundbarsten Bürger und deren größter Reichtum sind“. (Nelson Mandela)

Im Jahr 2008 wurde die „Helmut von Kügelgen - Schule“ in Fellbach bei Stuttgart eröffnet. Jetzt ist sie bis zur 10. Klasse angewachsen und hat im Schuljahr 2013/2014 213 Schüler.

Peter Lang

Peter Lang, Mitglied im Vorstand der Vereinigung der Waldorf-Kindertageseinrichtungen Baden-Württemberg e.V., Dozent und Seminarbegleiter z.Zt. in Seoul/Südkorea, Kaunas/ Litauen, Tartu/ Estland; Buchautor („Waldorfkindergarten- heute“, M.L. Compani u. P. Lang, Hrsg., Stgt. 2011), Redaktion der Schriftenreihe: „Recht auf Kindheit Ein Menschenrecht.“ Informationen: www.waldorfkindergartenseminar.de )

Foto: © Michaela Glöckler