Stärken eines gemeinsamen Profils

Lukas Schöb von der Ita-Wegman-Klinik und Bernd Himstedt von der Lukas-Klinik erläutern ihren gemeinsamen Weg ab April 2014, in dem sie auch einen Qualitätssprung für die Anthroposophische Medizin sehen.

Die Ita-Wegman-Klinik kommunizierte in den letzten Jahren Projekte, bei denen Fragen nach dem anthroposophischen Profil aufkamen. Sie informierte über neu renovierte Räume, die Beherbergung eines radiologischen Ambulatoriums und das Einrichten einer Station für Privatpatienten. Als Lukas Schöb, Ärztlicher Leiter der Wegman-Klinik, dies erläutern wollte, war der Vertrag zwischen Lukas- und Ita-Wegman-Klinik zum Aufbau der gemeinsamen ‹Klinik Arlesheim› gerade unterzeichnet worden (‹Goetheanum› Nr. 5152/2013). Am Gespräch nahm daher auch der Chefarzt der Lukas-Klinik, Bernd Himstedt, teil. Denn die Frage nach dem Profil und das Zusammengehen stehen in einem Zusammenhang. Lukas Schöb stellte erst einmal klar: «Diese Punkte sind Inhalte von Medienmitteilungen, nehmen also Rücksicht auf das, was die Öffentlichkeit interessiert. Eine Grundintention unserer Klinik ist die immer wieder neue Anregung innerer spiritueller Arbeit, etwa in der therapeutischen Zusammenarbeit von Pflegenden, Therapeuten und Ärzten, um die anthroposophische Menschenkunde immer neu zu ‹sprechen›.»

Was ist außerdem spezifisch anthroposophisch für die Kliniken?

Himstedt: In der Lukas-Klinik lebte von Anfang an der Dreiklang Lehre, Forschung und Therapie. Letztes Jahr haben wir eine prospektive, randomisierte Studie bei Patienten mit fortgeschrittenem Bauchspeicheldrüsenkrebs veröffentlicht. Ergebnis der Studie: Mit unserer Therapie kann die Lebenszeit verdoppelt werden. Solch spektakuläre Ergebnisse gibt es aber in der Forschung nicht oft. Zudem suchen wir nach Alternativen zur doppelblinden, randomisierten Studie wie Fallberichte, um das Individuelle so zu würdigen, dass es im wissenschaftlichen Diskurs bestehen kann.

Schöb: Auch bei der Ita-Wegman-Klink besteht seit der Gründung der Auftrag, die Anthroposophische Medizin als neue zukünftige Methode am Krankenbett zu verifizieren. Dabei zeigt sich das Spannungsfeld zwischen den heutigen Paradigmen der Forschung und der Suche nach neuen Formen der Evidenz. Hier mangelt es nicht an innovativen Ideen.

Auslöser für das Zusammengehen sind die Finanzen. Sind den Patienten die Kosten für das bewusst, was sie aus dem Spektrum der Anthroposophischen Medizin auch ohne entsprechende Zusatzversicherung bekommen?

Himstedt: Die Patienten sind vom System schon unheimlich geschult, auf die Bezahlung des Aufenthalts zu achten. Wir sehen zu, die finanziellen Fragen aus dem direkten Kontakt zwischen Patienten und Ärzten, Therapeuten, Pflegenden herauszuhalten. Für die Leitung stellt sich aber die Frage nach finanzierbaren Strukturen unseres Angebots.

Schöb: Verkürzt gesagt: Wir bieten zu viel für das, was wir zurzeit ‹von der Welt› erstattet bekommen dadurch stehen wir vor enormen wirtschaftlichen Herausforderungen. Wir müssen uns fragen: Welche Kräfte sind aktuell von uns gefordert, um unsere Ideale zu verwirklichen? Es sind letztlich Geistesgegenwart, Weltoffenheit und eine Prise Pragmatismus.

2008 wurde über eine Fusion verhandelt, nun gelingt eine Inklusion allein aus äußerem Druck?

Schöb: Neben den historischen Trennungsgründen gab es schon immer ein inneres Sehnen, dass beide Kliniken eins werden. Nun scheint der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein.

Himstedt: Es hat einen finanziellen Aspekt, aber nicht nur: In der Mitarbeiterversammlung an der Lukas-Klinik war es für mich berührend, zu erleben, dass neben der Frage der persönlichen Existenz (Wird mir nun gekündigt?) auch das Stimmige des Zusammengehens gesehen wurde. Diesmal waren zur rechten Zeit die richtigen Leute zusammen, um das zu vollziehen, was bisher nicht gelungen ist.

Ist die Lukas-Klinik ‹Verliererin›?

Himstedt: Nein. Wir können dadurch das Angebot für onkologische Patienten vervollständigen. Und das, was an Erfahrung an der Lukas- und der Ita-Wegman-Klinik gesammelt worden ist von einem ganz bunten Strauß an Menschen , kann nun zusammenwirken. Das setzt enorme Potenziale frei.

Schöb: Ich finde es schon faszinierend, dass wir nun ein durchgängigeres Onkologieangebot entwickeln können mit Diagnostik, Therapie, Sprechstunde, Tagesklinik, stationärem Aufenthalt, palliativer Betreuung, Rehabilitation und ambulanter Spitex aus einer Hand. Das umfassende Spektrum mit Kardiologie, Pneumologie und Neurologie ergänzt sich sehr gut.

Himstedt: Ein weiterer Vorteil ist, dass der 24-Stunden-Notfall auch von Patienten der Onkologie genutzt werden kann. Und da vorhin das radiologische Ambulatorium genannt worden ist: Die Computertomografie im eigenen Haus erspart unseren Patienten unangenehme Transporte.

Es wird auch Kündigungen geben. Ist eine ‹goldene Brücke› für Mitarbeitende vorgesehen?

Himstedt: Da es sich bei dieser Größenordnung um eine sogenannte Massenentlassung handelt, sind wir vom Gesetz zu einem bestimmten Prozedere verpflichtet. Dazu gehört die Möglichkeit für alle Mitarbeitenden, auch unkonventionelle Ideen einzubringen, die Kündigungen verhindern könnten. Daher stehen keine einzelnen Namen fest. Wir werden aber die einzelnen Mitarbeitenden unterstützen, wo wir es können. Ein Nachteil der Prozessoffenheit ist, dass sie die Zeit der Unsicherheit verlängert sowohl bei Mitarbeitenden der Lukas- als auch bei denen der Wegman-Klinik. Ab sofort können sich aber Mitarbeitende extern und unabhängig beraten lassen.

Wird die gemeinsame Klinik nun stärker als Konkurrentin betrachtet und womöglich zusätzlich Angriffen ausgesetzt sein?

Schöb: Es ist schon so: Solange wir klein sind, finden uns alle gut und harmlos die Konkurrenzfrage tritt sicherlich ab einer gewissen Größe auf. Aber einen eigentlichen Widerstand nehme ich bisher nicht wahr, im Gegenteil: Durch die Verstärkung der Kompetenzen werden wir wohl eher ernster genommen. Denn für alle Beteiligten die beiden Kliniken, die Patienten, die Mitarbeitenden und nicht zuletzt für die Anthroposophische Medizin als unser Spezifikum wird das Zusammengehen eine Stärkung bedeuten, und das Gesamthaus wird stärker ausstrahlen. Das ist wichtig, weil sich zunehmend auch andere Spitäler mit einer ganzheitlichen Medizin profilieren das Bewusstsein des Zusammenhangs von Medizin und Spiritualität erwacht allmählich.

Himstedt: Auch ich habe bisher nur positive Rückmeldungen bekommen, sei es von der Universität Witten/Herdecke, der Medizinischen Sektion, sei es vom Universitätsspital Basel oder von der Onkologie St. Gallen. Das mag daran liegen, dass in der Onkologie zurzeit vieles in Bewegung ist: Die Patienten möchten über die Therapiemöglichkeiten orientiert werden; und andere Kliniken fragen sich, was sie anbieten können. So entstehen auch Anfragen zur Partnerschaft. Unsere Aufgabe sehe ich darin, gemäß unseren Möglichkeiten unseren eigenen Schwerpunkt zu setzen. Abgesehen davon kommt verstärkt die Aufgabe auf uns zu, zwischen Schulmedizin und anderen Ansätzen zu vermitteln. So gibt es Patienten, die jegliches schulmedizinisches Angebot ablehnen, obwohl es bei ihnen angezeigt wäre. Wir sind für sie glaubwürdig, weil wir, in der Schulmedizin und der Anthroposophischen Medizin stehend, alle Möglichkeiten in dieser und anderer Richtung aufzeigen können.

Zum Abschluss ist noch einmal die Station für Privatpatienten Thema. Ihre Einrichtung war die Folge von Rückmeldungen seitens der Versicherungen sowie der Patientinnen und Patienten. Warum aber überhaupt diese Station? Lukas Schöb verweist auf den gut dokumentierten Gründungsimpuls der Klinik: «Ita Wegman hatte damals eine Klinik geschaffen, die die Bedürfnisse auch der Reichen weltweit erreichte. Gleichzeitig hat sich Ita Wegman stark für die sozial Schwachen eingesetzt, betrieb also eine Art soziale Umschichtung.» Der erweiterte medizinische Ansatz erreiche damit auch heute vollumfänglich alle Patienten. Schöb vergleicht dies mit einer Zugfahrt 1. oder 2. Klasse: «Ans Ziel kommen alle.»

Sebastian Jüngel

Sebastian Jüngel ist Redakteur bei der Wochenzeitung ‹Das Goetheanum› und Autor der Erzählung ‹Der leere Spiegel›, des Berliner Jugendromans ‹Der Jugendwächter›, der Märchensammlung ‹Der Stein? Nein!›. und Geschichte ‹Auf Luzia fiel das Los>.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. Nr. 1-2/2014