Hirntod und Organtransplantation

Ist es nicht eine ethisch hochstehende Gesinnung, ja sogar eine durch und durch christliche Gesinnung, einem anderen Menschen, der sich in großer Not befindet, seine Organe, wenn nicht gar seinen ganzen Leib zu spenden?

Mit diesem Wort ist das ganze Problemfeld umschrieben, das sich zunehmend eröffnet in dem Spannungsfeld zwischen der sich rasant entwickelnden Medizintechnik samt einer materialistisch-naturwissenschaftlich orientierten Gesinnung und dem, was dem Menschen wirklich dient als Wesen mit Leib, Seele und Geist, als Wesen mit geistiger Herkunft und geistigem Auftrag über ein Erdenleben weit, weit hinaus.

Mit der Novelle des deutschen Transplantationsgesetzes (TPG), wirksam ab 1. November 2012, wurde vom Gesetzgeber intendiert, dass sich möglichst viele Menschen äußern, ob sie Organe und/oder Gewebe spenden möchten oder nicht. Über die Krankenkassen soll jeder Krankenversicherte angeregt werden zur Äußerung und Festlegung, ob er sich persönlich zu einer Organentnahme bereit findet oder nicht. Dieses Verfahren tendiert zu einer sogenannten ‹engen Zustimmungslösung›, die sicherlich für den Organspender von Vorteil wäre, immer vorausgesetzt, dass er weiß, was er damit tut. Es gilt aber bisher in Deutschland: Von zehn Organspendern hatten neun sich nicht erklärt und ihnen wurden nach dem ‹mutmaßlichen Willen›, der von Angehörigen artikuliert wurde, Organe entnommen. Ob die neun Menschen, denen nach dem ‹mutmaßlichen Willen› der Angehörigen Organe entnommen wurden, wirklich Spender waren?

Diagnose Hirntod

Denn zu einer Spende gehört für einen Gegenwartsmenschen ein erklärter eigener Wille des Spenders, der weiß, warum und wozu er spendet. Das ist nur möglich, wenn ein umfassender Kenntnisstand über alles, was mit einem Organspender bei der Organ- und Gewebeentnahme passiert, vorhanden ist. Und dazu gehört die Kenntnis darüber, dass jeder Organspender als sogenannter Hirntoter ein Sterbender und noch nicht tot ist, sondern im Vorgang der Organentnahme dem vollständigen Tod zugeführt wird. Nach der sog. Hirntoddefinition von 1967, die den potenziellen Organspender dissoziiert in einen Teiltoten und einen Teillebenden, dessen Organe ja noch nicht in Verwesung übergegangen sein dürfen, war die juristische und medizinisch-technische Grundlage gelegt für eine Prozedur, die zunehmend bei etwas sensiblen und ganzheitlich denkenden Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern und auch bei Angehörigen Irritationen ausgelöst hat und im Dezember 2008 zu einer ersten hochkarätigen kritischen Hinterfragung der Hirntoddefinition führte: Das President’s Council on Bioethics der USA, vergleichbar mit dem Deutschen Ethikrat, fordert in dem Grundlagenpapier ‹Controversies in the Determination of Death› eine neue Debatte über die Hirntoddefinition: Zu viele ungeklärte Fragen und Probleme ergaben sich in der Vergangenheit, die in der letzten Konsequenz dazu führen mussten, dass sterbende Menschen durch den Eingriff von Ärzten tot gemacht wurden. Dem gesellten sich zahlreiche kritische und sehr ernst zu nehmende Berichte hinzu, die von einer falschen oder unzureichenden Diagnose des Hirntodes sprachen, von mangelhafter Aufklärung der Angehörigen zur Freigabe für eine Organentnahme, von «Ausweiden» eines Spenders, von den traumatischen Erlebnissen von Angehörigen, die den «Spender» nach einer Organentnahme sahen. Zahlreiche Phänomene, die bei sogenannten Hirntoten auftraten, geben deutlich Anlass dazu, den definierten Hirntod nicht als Ganztod des Menschen zu betrachten.

Bei einem Hirntoten: •Schlägt das Herz (ohne Impulsgebung durch das Gehirn) •Das Blut zirkuliert in den Adern und erreicht fast alle Körperteile •In der Lunge wird das Blut mit Sauerstoff angereichert (Stoffwechsel) •Nahrung wird im Verdauungstrakt verwertet •Das Blut wird gereinigt •Abfallstoffe werden über Niere und Darm ausgeschieden •Das Immunsystem bekämpft eingedrungene Fremdkörper •Das Rückenmark produziert neue Blutkörperchen und vermittelt verschiedene Muskelreflexe auf äußere Reize •Bei Kindern und Jugendlichen findet Wachstum statt; sie setzen ihre Geschlechtsentwicklung fort •Wunden heilen •Es kann zu Erektionen kommen •Das ‹Lazarus-Syndrom› tritt auf: Bewegungen der Arme, des Rumpfes, der Beine sind möglich •Schwangere «Hirntote» sind in der Lage, über Wochen und Monate ein Kind bis zur Geburt auszutragen. Bis zum Jahre 2003 wurden zehn solche erfolgreichen Schwangerschaften dokumentiert, u.a. das ‹Filderklinik-Baby›. •Die Annahme, dass nach einem Hirntod unmittelbar und notwendig der Herzstillstand und die körperliche Desintegration eintreten, ist durch 175 dokumentierte Fälle (bis 1998) widerlegt worden, in denen zwischen «Hirntod» und Herzstillstand mindestens eine Woche bis zu 14 Jahre lagen •Zahlreiche «Hirntote», nachdem sie wegen fehlender Zustimmung der Angehörigen keiner Organentnahme zugeführt wurden, leben heute quicklebendig.(1) •Bei einem Einschnitt in den Leib eines Spenders können sich nachweislich Blutdruck und Herzfrequenz erhöhen.(2) Wer weiß exakt, ob da nicht eine starke Schmerzempfindung eines sterbenden Menschen vorliegt? Selbst ein Vertreter der DSO, der Deutschen Stiftung Organspende, Prof. Dr. Werner Lauchert, geschäftsführender Arzt der DSO-Region Baden-Würrtemberg, äußerte sich so: «Es ist in der Tat nicht zu belegen, dass eine für hirntot erklärte Person tatsächlich über kein Wahrnehmungsvermögen, insbesondere Schmerzempfindlichkeit, verfügt.» In der Schweiz ist bei einer Organentnahme die Narkotisierung des Spenders per Gesetz vorgeschrieben; in Deutschland spricht sich der in der Berliner Klinik Havelhöhe arbeitende Fabrizio Esposito, leitender Oberarzt der Intensivmedizin und Transplantationsbeauftragte, für eine Narkose aus, weil Organspender trotz Hirntod an der Schmerzerfahrung der Organentnahme bewusst Anteil nehmen können. Und der Ärztliche Direktor des Krankenhauses Herdecke, Stefan Schmidt-Troschke, sagt zusätzlich: Der Hirntod ist nicht mit dem Tod gleichzusetzen.(3)

Fortschritt oder Rückschritt?

Auf der anderen Seite des Lebens: All die Menschen, die aus einer lebensbedrohten Lage etwa bei zunehmendem Nierenversagen und dem Angebundensein an die Dialyse, aus einer quälenden Beschränkung ihres Lebens etwa bei einer Mukoviszidose, ein neues Organ gespendet bekamen und nun mit dem gespendeten Organ einer Lebensverlängerung entgegenleben, die wieder in ihrem Beruf stehen können, die als Vater und Mutter den heranwachsenden Kindern zur Verfügung stehen, die befreit atmen, die sich ungehindert bewegen und sich wieder des Lebens erfreuen können ist das kein Grund zur Freude?

Es gilt, diese Widersprüchlichkeit als Phänomen der Gegenwart zu akzeptieren. Es stellen sich aber eine Reihe von ungeklärten und zu klärenden Fragen, die vom Menschenbild der Anthroposophie ausgehend im Umkreis der Organtransplantation zu benennen sind: Wenn der Todesaugenblick im Leben des Menschen der höchste, gewaltigste, erhabenste Moment seiner Biografie ist, wenn Seele und Geist sich nach eigener Intention aus dem Leibe verabschieden, wie wirkt dann ein solcher Eingriff, der den Ganztod des Spenders bewirkt, zu einem vom jeweiligen Krankenhaus und den organentnehmenden Operationsteams definierten Zeitpunkt? Fortschritt? Wie ist die karmische Konsequenz zu beschreiben, in die sich die organentnehmenden Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger bei einer Organentnahme begeben unter Einbeziehung der Tatsache, dass gerade sie den Tod eines Menschen herbeiführen? Bei einer Herzexplantation etwa werden die sympathischen und parasympathischen Nervenverbindungen zum Herzen durchtrennt und können bei dem Empfänger nicht mehr anwachsen. Was bedeutet es für das Wesen eines Menschen, der in seiner Ausstattung mit einem fremden Herzen eines Teiles seines Wahrnehmungsvermögens im Seelischen beraubt ist? Wenn die individuell gebildeten Organe eines Menschen im innigen Zusammenhang mit Planetenwirkungen stehen, wie wirkt sich das aus im Nachtodlichen, wenn Seele und Geist eines Spenders oder Empfängers den Weg durch die Planetensphären wandern? Wie ist die Identität der Persönlichkeit zu sehen, die unter dem Einfluss von Immunsupressiva für den Rest ihres Lebens mit einer Einschränkung ihrer im Leibe wirkenden Ich-Potenz lebt? Was wünscht man sich selbst für den eigenen Schwellenübergang? Eine Begleitung durch Angehörige, durch Geistliche (Priester, Pfarrer, Imam, Rabbi), durch Menschen, die mit helfenden Gedanken, Gesten und Gebeten in der Todesstunde den Schwellenübertritt begleiten, oder eine Atmosphäre, die vom Interesse an funktionsfähigen Organen den Todesaugenblick herbeiführt und mit minutiöser Planung die entnommenen Organe national und international möglichst rasch verteilt? Die vom Gesetzgeber geforderte Anonymität zwischen Organspender und Organempfänger widerspricht ja der Tatsache, dass eine bedeutsame Schicksalsverbindung zwischen beiden hergestellt wird. Wie soll der Organempfänger jenseits von Anonymität und Abstraktheit seine Gefühle der Verbundenheit und der Dankbarkeit für das gespendete Organ artikulieren können?

Wenn der Begriff des Spenders ernst genommen wird, der aus eigenem und freiem Willen und in Kenntnis all dessen, was mit ihm geschieht, sich zur Organentnahme bereit erklärt, taucht der Begriff des Opfers auf. Ist es nicht eine ethisch hochstehende Gesinnung, ja sogar eine durch und durch christliche Gesinnung, einem anderen Menschen, der sich in großer Not befindet, seine Organe, wenn nicht gar seinen ganzen Leib zu spenden? Die Opfertat Christi auf Golgatha stellt sich vor die Seele. Nur: Christus lebte in vollem Bewusstsein, angekündigt durch die Leidensverkündigungen, auf seinen Opfertod zu. Christus wusste genau, was auf ihn zukommen würde, und ging zielstrebig seinen Weg, ohne dass es eines «mutmaßlichen Willens» bedurfte, der von Angehörigen (Jüngern) erklärt wurde.

Dazu verweist Michaela Glöckler in diesem Zusammenhang schon Anfang der 90er-Jahre auf den Vortrag von Rudolf Steiner vom 19. November 1922, in dem von einer vorgeburtlichen Opfergesinnung gesprochen wird, einem anderen Menschen, der in einer vergangenen Inkarnation geschädigt wurde, seine zukünftige eigene Leiblichkeit zu überlassen.(4) Kann man diesen so zukünftigen und tief christlichen Gedanken auch anwenden, wenn nach einer Multiorganentnahme mehrere Empfänger ein Organ implantiert bekommen? Schließlich sei erwähnt die mehr als beklagenswerte Tatsache der teilweise kriminellen Organbeschaffung und der internationale Organhandel.(5) Fragen über Fragen! Und ungelöste und schwer zu lösende Probleme! Antworten können nur gefunden werden, wenn Menschen über alle Aspekte einer Organtransplantation umfassend informiert sind und sich dann individuell zu einer Entscheidung durcharbeiten. Empfehlungen für oder gegen eine Organspende von außen darf es nicht geben!

Jörgen Day

(1) Sabine Müller: Wie tot sind Hirntote? Aus: Politik und Zeitgeschichte.

(2) Flensburger Heft Nr. 115, 116. Nr. 2021, 2011, Bonn 16. Mai 2011.

(3) Frankfurter Rundschau vom 9. Mai 2012, dazu weitere Flensburg 2012. Informationen von KAO (Kritische Aufklärung Organtransplantation) im

(4) Michaela Glöckler: Medizin an der Schwelle. Persephone Bd. Internet.

(5) Flensburger Heft 115, Der Spiegel 31 vom 30.07. 2012. 3, S. 3436.

Jörgen Day ist Pfarrer in der Christengemeinschaft.

Erschienen in: Das Goetheanum Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 50, 15.12.2012