Selbstverantwortliches Lernen an Waldorfschulen

Bemerkenswerte Ergänzung des waldorfpädagogischen Methodenspektrums

An Montessori-Schulen und Freien Alternativschulen gehört es zum pädagogischen Konzept, an Waldorfschulen ist es ein wenig beachtetes Terrain: das selbstverantwortliche Lernen. Bis auf drei Ausnahmen: An Waldorfschulen in Hamburg, Bochum-Wattenscheid und Salzburg wird das selbstverantwortliche Lernen seit 15 Jahren erprobt und seit acht Jahren wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse des Forschungsprojektes liegen nun in Buchform vor. Begleitet wurde die Praxisforschung zum selbstverantwortlichen Lernen an Waldorfschulen von Michael Harslem und Dirk Randoll, Professor für Erziehungswissenschaft an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn. Die Publikation soll dazu beitragen, die entsprechenden Lernformen bei Lehrern, Eltern und Schülern zu verbreiten. Die Dokumentation bietet Einblicke in die vielfältigen Methoden, mit denen das selbstverantwortliche Lernen an Waldorfschulen entwickelt werden kann. Die Software AG Stiftung, die sich für Vielfalt im Bildungswesen einsetzt, förderte das Projekt, das in Kooperation mit der Alanus Hochschule durchgeführt wurde.

Ausgangspunkt des Praxisforschungsprojektes war die Frage, was Schule, was Pädagogik tun kann, um den angeborenen Lernwillen der Kinder, ihre selbst entwickelten Lernwege und Lernstrategien zu erhalten. Dafür ist es laut Michael Harslem wichtig, Schüler dahin zu führen, dass sie selbst die Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen und „dass sich der Erwachsene in den verschiedenen Altersstufen als Vorbild und Entwicklungsbegleiter für einen individuellen Lernprozess versteht und nicht als Besserwisser, Befehlshaber und Manager des kindlichen und jugendlichen Lernprozesses“.

Auch Dirk Randoll betont, dass es in einer komplexer werdenden Gesellschaft und Arbeitswelt unumgänglich sei zu lernen, wie man lernt und sich Wissen selbst aneignet. „Das Projekt „Selbstverantwortliches Lernen an Freien Waldorfschulen“ ist für diese Schulform innovativ, wenn nicht gar revolutionär“, betont der Erziehungswissenschaftler. Denn es rüttele an wesentlichen Grundüberzeugungen der Waldorfpädagogik und offenbare dort vorhandene methodisch-didaktischen Schwächen. Beim selbstverantwortlichen Lernen stehen Randoll zufolge nicht die Führung und Anleitung des vermeintlich unreifen Schülers durch den Lehrer im Vordergrund des pädagogischen Handelns, sondern die Förderung der Fähigkeit zur Selbstbestimmung und zur Übernahme von Verantwortung für den eigenen Lernprozess.

Gleichwohl bietet die Waldorfschule laut Harslem viele gute Voraussetzungen und Möglichkeiten für das selbstverantwortliche Lernen. „Grundsatz der Waldorfpädagogik ist es, dass jede Erziehung Selbsterziehung ist und dass Lehrer und Erzieher nur die Umgebung des sich selbst erziehenden Kindes sind.“ Allerdings sei festzustellen, dass heutige Schülerinnen und Schüler mit den tradierten Methoden des Unterrichts an Waldorfschulen teilweise nicht mehr gut erreicht werden.

Das Buch zeigt Ansätze und Konzepte, die hier Abhilfe schaffen können. In einer Einführung, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie pädagogischer Erfahrung basiert, beschreiben die Autoren zunächst die Voraussetzungen für selbstverantwortliches Lernen. Im Anschluss daran wird eine Sammlung von über 40 konkreten und nachahmbaren Praxisforschungsprojekten aus den Projektschulen vorgestellt. „Das Buch präsentiert eine bemerkenswerte Ergänzung des waldorfpädagogischen Methodenspektrums“, betont Walter Hiller von der Software AG Stiftung.

Tatjana Fuchs

Literaturhinweis:

Harslem, Michael / Randoll, Dirk (Hrsg.) (2013): Selbstverantwortliches Lernen an Freien Waldorfschulen. Ergebnisse eines Praxisforschungsprojektes. Beispiele aus der Unterrichtspraxis. Kulturwissenschaftliche Beiträge der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft - Band 10. Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2013. 250 S., 59 farb. Abb. ISBN 978-3-631-64388-4 (Hardcover), ISBN 978-3-653-03487-5 (eBook)